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Nr. 50 wissenschaftlichen “Mitteilungen”

Dr. Stefan Bollinger

Berlin, 24.04.2016

Nicht nur auf den Anfang kommt es an
1945: Chance für ein Neubeginnen contra Rückkehr der Klassenkämpfe

Neuanfängen mag ein heimlicher Zauber innewohnen, bislang kaum Gedachtes, Unmögliches könnte Wirklichkeit werden. Im 20. Jahrhundert gab es – so fanden es Günter Benser bei Eric Hobsbawm – drei solche Zäsuren, solche Neuanfänge: in den revolutionären Erschütterungen im Gefolge des Ersten Weltkriegs, in der Niederlage des deutschen Faschismus und seiner Verbündeten und schließlich in den Krisen und Transformationen der realsozialistischen Staaten.
Es ist naheliegend, dass Historiker sich immer wieder dieser Zäsuren, dieser Brüche und den damit verbundenen Hoffnungen und Enttäuschungen zuwenden. Auch wenn die Autoren sich vornehmlich der geistigen Situation nach der Befreiung widmen wollen, sind ihre politische und soziale Spurensuche wichtiges Element ihrer Überlegungen. Deutlich wird, es gab keine klassische "Stunde Null", am 8. Mai 1945 konnte von den Verlierern und noch weniger den Siegern kein Schalter umgelegt und das deutsche Volk neu gestartet werden.
Nachdrücklich arbeiten die Autoren heraus, dass eine Phrase von einer "Stunde Null", mit der alles bisherige Verbrecherische abgegolten wäre und nun ein großer Neuanfang, unbelastet oder durch die Spruchkammern kategorisiert und entlastet, nicht funktionierte. Ein solches Herangehen dient nur zur Entschuldung des deutschen Faschismus, seiner sozialen Träger, seiner Finanziers und seiner Millionen Mitläufer bis fünf Minuten nach Zwölf. Und es entlässt die Nachfolgestaaten des faschistischen Deutschlands aus der Verantwortung, mit diesem Faschismus und seinen Folgen gründlich und rücksichtslos umzugehen. Benser schreibt: "Zum Zusammenbruch passt die Metapher von der 'Stunde Null' - eine Lieblingsfloskel zahlreicher Autoren und Redner, die auf griffige Überschriften, Buch- oder Filmtitel aus sind oder trockene Texte blumig ausschmücken möchten ... Tatsächlich hat das Pendel der Geschichte selten so ausgeschlagen wie im Jahre 1945. Die Metapher der 'Stunde Null' ist indes allenfalls geeignet, die subjektive Verfasstheit deutscher Zeitgenossen zu umschreiben. Die meisten Europäer hingegen feierten begeistert und ausgelassen den Sieg über Hitlerdeutschland und waren weit davon entfernt, dies als eine 'Stunde Null' zu empfinden." Benser warnt, dass diese Metapher "die Vorstellung (suggeriert), als ob sich am Ende des Zweiten Weltkrieges und angesichts der katastrophalen Niederlage alle Deutschen als eine Schicksalsgemeinschaft verarmter, hungernder, notleidender und orientierungsloser Menschen empfunden hätten, für die - zumindest vorübergehend - die Klassentrennungen und die politischen Lager keine oder nur eine nebensächliche Rolle gespielt hätten. Es wird der Eindruck erweckt, als ob alles und alle wieder bei Null begonnen hätten, als ob sich alle aus dem Nichts heraus hätten wieder aufrappeln müssen." (S. 30)
In ihrem Beitrag machen Rainer Holze und Rainer Zilkenat deutlich, dass die faschistische Ideologie, der Glaube an deutsche Überlegenheit, an Herrenmenschentum, die Überzeugung, während Nazizeit und Krieg nicht Unrechtes getan zu haben – außer jenen Verbrechen, die allein Hitler und seinen Paladinen anzulasten waren und die im Befehlsnotstand auch von sonst anständigen Deutschen ausgeführt wurde – nachwirkten. "Nicht wenige hielten den Nationalsozialismus für eine im Grunde 'gute Sache', die nur schlecht ausgeführt worden sei. Und schließlich hatten der militante 'Antibolschewismus' und der 'Antimarxismus' tiefe Spuren im Bewusstsein von Millionenmassen hinterlassen." (S. 19) Siegfried Prokop untersucht die schwierige Rolle der Intelligenz nach 1945, gerade weil ein Großteil der deutschen, eher konservativ eingestellten Bildungsbürger zu Hauf den Nazis nachgelaufen waren.
Dass war den Alliierten ebenso klar wie jenen antifaschistischen Politikern unterschiedlicher Herkunft, die sich für einen Wiederaufbau und das Beseitigen der Trümmer nicht nur auf den Straßen, sondern auch in den Köpfen engagierten. In den Beiträgen kommt allerdings vielleicht zu kurz, dass diese Denkströmungen eben auch eine längere Vorgeschichte haben, sie im Denken kapitalistischer Gesellschaften mit ihrem Nationalismus, ihrem Profitstreben, ihrer Konkurrenz, ihrer Suche nach Vorherrschaft verwurzelt sind. Und dass diese langen Linien weit über das Jahr 1945 und alle demokratischen oder realsozialistischen Umerziehungsversuche hinaus wirken – unabhängig von der Fahne oder Nationalität. Was noch mehr wirkt und nach 1945 wie nach 1989 erfahrbar ist: Der menschliche Opportunismus, das Hängen der Fahne nach dem Wind und das Schönreden der eigenen Situation und des eigenen Anpassens sind sehr menschliche Konstanten.
Entgegen der heute modern gewordenen Vorstellung von der chaotischen Situation und dem Verhängnis, der Anarchie der Umbrüche bei Kriegsende, wie sie Ian Buruma oder Keith Lowe1 zeigt insbesondere Benser in einem Beitrag zu Antifaauschüssen, dass Antifaschisten in Ost und West in dem Moment, da die weißen Fahnen wehten die Konflikte der Weimarer Republik beerdigten und gemeinsam an den Wiederaufbau gingen. Kurt Schneider zeigt wie eine antifaschistische Organisation NKFD in Leipzig aktiv wird. Ähnliches berichtet Gisela Notz zu überparteilicher und sozialdemokratischer Frauenpolitik nach der Befreiung.
Die denkenden Teile der Bevölkerung, viele wieder aktiv gewordene Angehöriger linker und demokratischer Parteien sehen eine Zukunft für Deutschland nur als antifaschistischen, aber auch als nicht kapitalistischen, teilweise als sozialistischen Staat. Diese Ideen reichen bis weit in die sich neu formierenden bürgerlichen Parteien, insbesondere manifestiert im legendären Ahlener Programm der CDU. Der Sammelband bietet Einblicke in sozialdemokratische (Peter Brandt) und kommunistische (Jürgen Hofmann) Diskussionen vor und nach der Befreiung, aber auch in die neu aufbrechenden Konflikte beider Parteien untereinander.
Nach den Erfahrungen mit dem Faschismus, nach dem Erleben möglichen gemeinsamen Widerstands und dem Erleiden des Terrors, auch unter dem Eindruck der problematischen Erfahrungen mit dem Stalinismus sind auch für Teile der Linken Vorstellungen von einem demokratischen Sozialismus naheliegend. Das legt Jörg Wollenberg zur Rolle der demokratischen Sozialisten um Hermann Brill und des Manifests demokratischer Sozialisten des ehemaligen Konzentrationslagers Buchenwald dar. Andreas Diers verweist auf die politischen Kriegsgefangenenschulungen, die Wolfgang Abendroth unternahm.
Keine "Stunde Null" heißt aber auch, dass die Frontstellungen des Klassenkampfes in Deutschland und in der Welt schnell zurückkehren. Die bestimmenden politischen Akteure, die Besatzungsmächte und die alten wie neuen Parteien sorgten schnell dafür, dass Träumereien, Experimente und vor allem das Infrage stellen ihrer Autorität unterbunden wurde. Kommunisten wie Sozialdemokraten, bürgerliche Reformer wurden wieder "eingefangen" in Parteidisziplin und verbindliche Denkmuster.
Jede Betrachtung der Situation von 1945 kommt nicht umhin, die Einbindung aller nationalen politischen Akteure in die internationale Auseinandersetzungen und die große Konfrontation des späten 19. und des gesamten 20. Jahrhunderts zu berücksichtigen: zwischen einer kapitalistischen Eigentums- und damit Profitgesellschaft einerseits und andererseits einer sozialistischen Alternative von Eigentum und Machtaufhebung. Das Fixieren auf die undemokratische und diktatorische Machtausübung in Stalins Sowjetunion verkennt diesen Konflikt ungeachtet seiner jeweiligen machtpolitischen Ausgestaltung durch die sowjetische Seite und ihre Verbündeten, auch in Deutschland. Der Stalinismus in Aktion mit seinen pauschalen Verfolgungen, seiner oft unangemessenen Härte, seiner ideologischen Engstirnigkeit und seiner Unfähigkeit zu demokratischer Diskussion und Strategiefindung, seiner Gleichschaltung der politischen Kräfte hat viele mögliche Alternativen verhindert und reihenweise Linke wie kritische Geister verfolgt oder verjagt. Trotzdem Scheitern schon in den Jahren bis 1948 im Ost, aber eben auch West alle Versuche, eine Alternative zu jenem Kapitalismus in die Wege zu leiten, der den deutschen wie den europäischen Faschismus mit zu verantworten hat. Denn der Erfolg Hitlerdeutschlands hing wesentlich auch von der Empfänglichkeit für faschistische Ideologien in den westlichen Demokratien ab. Fielen sie unter den deutschen Stiefel, dann waren die Quislinge und Petains nicht weit. Der Versuch, diese Ordnung, ihr krisenanfälliges Wirtschaftssystem abzuschütteln war ein Sakrileg, das von den nationalen Bourgeoisien, ihren Ideologen und den übermächtigen USA mit allen Mitteln verhindert wurde. Berechtigt verweisen wir heute auf die Chancen für Deutschland nach Jalta und Potsdam, auf die auch in den Westzonen zutiefst antifaschistischen und antiimperialistischen Politikansätze der Militärregierungen. Offenbar war aber das Fenster für einen solchen Wandel des Kapitalismus nicht nur auf deutschem Boden weit schmaler, als manche optimistischen Lesarten vermuten. Aber es gab dieses Fenster und diesen Zauber des Neuanfangs.

Rainer Holze, Marga Voigt (Hrsg.): 1945 – Eine "Stunde Null" in den Köpfen? Zur geistigen Situation in Deutschland nach der Befreiung vom Faschismus. (_Zwischen Revolution und Kapitiulation. Forum Perspektiven der Geschichte. Bd. 2. Edition bodoni. Berlin 2016 – 272 S., br., 18,00 €

 

1 Siehe Buruma, Ian: '45. Die Welt am Wendepunkt. München 2015; Lowe, Keith: Der wilde Kontinent. Europa In den Jahren der Anarchie 1943 – 1950. Stuttgart 2014.

 

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