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Tagung am 9.5.2018

Prof. Dr. Rolf Badstübner in: Zeitschrift für Geschichtewissenschaft (H. 3/207)

1945 – Eine „Stunde Null“ in den Köpfen? Zur geistigen Situation in Deutschland nach der Befreiung vom Faschismus. Hrsg. Rainer Holze u. Marga Voigt, edition bodoni 2016 (Zwischen Revolution und Kapitulation. Forum Perspektiven der Geschichte, Band 2)
Der Sammelband enthält – nach einer Einleitung der Hrsg. - Vorträge, die im April 2015 auf einem vom Berlin-Brandenburger Bildungswerk e.V. und vom Förderkreis Archive und Bibliotheken zur Geschichte der Arbeiterbewegung e.V. in Berlin-Marzahn veranstalteten Kolloquium gehalten wurden. Man fragt sich allerdings, warum der Leser eingangs mit der antiquierten „Stunde Null“ - wenn auch mit Fragezeichen – konfrontiert wird, die in der Geschichtsschreibung seit langem weitgehend Ablehnung findet. Darüber wundert man sich umso mehr, weil selbst die meisten Autoren die Stunde Null für indiskutabel halten: „Es gab keine 'Stunde Null', weder in der politischen Landschaft, noch in den Köpfen.“ (Jürgen Hofmann, S. 83 ) Und die Ungereimtheiten setzen sich mit der Einleitung der Hrsg. fort („Der 8. Mai 1945 und die geistige Situation der Zeit 1945/46“, S. 15-28) , in der man die lange, doch z.T. fragwürdige Interpretation eines Zitats von Hans Mommsen über die NS-Schuld der Eliten liest (S. 9), das auf S. 16 nochmals wiedergegeben wird, statt sich mit der zeitgenössischen, an Neumanns Behemoth und dem Herrschaftskartell des Naziregimes orientierten Beweisführung in der Anklage Robert Kempners während der Nürnberger Nachfolgeprozesse auseinanderzusetzen. Die Hrsg. behaupten, ihr Kolloqium sei die einzige wissenschaftliche Veranstaltung in Deutschland gewesen, auf der die geistige Situation nach der Befreiung vom Faschismus „ausführlich und differenziert“ behandelt worden sei (S. 9). Das trifft kaum zu, da zu diesem Jahrestag eine Fülle von Beiträgen veröffentlicht worden ist, die diesen Anspruch relativieren und von denen man sich gewünscht hätte, das sie in den Druckfassungen der Beiträge überhaupt oder noch stärker berücksichtigt worden wären. Der Band beschäftigt sich aber vor allem mit der historischen Chance, die sich aus dem alliierten Deutschlandprojekt und den damit korrespondierenden Befreiungsoptionen und antifaschistischen Aktivitäten ergab. Er thematisiert weitgehend überzeugend, wie diese historische Chance unter den Besatzungsbedingungen in der Ostzone trotz Trümmern, Hunger, Verzweiflung und Nachkriegsnot durch antifaschistische Aktivitäten, Bestrafung der Nazi- und Kriegsverbrecher, Entnazifizierung und Elitenwechsel dennoch genutzt wurde, während gleichartige hoffnungsvolle Ansätze in den Westzonen stecken blieben. Über die Chance, um die es geht, erfährt man, neben Bekanntem, viel Interessantes, Erhellendes und auch Neues: Angefangen mit dem Beitrag von Günter Benser „1945 – eine historische Zäsur“ (S. 29-46) über die neuen internationalen Rahmenbedingungen und den sozialistischen Zug der Zeit in ganz Europa vor allem in den Beiträgen von Jürgen Hofmann „Die KPD und ihre Auseinandersetzung mit der ideologischen Hinterlassenschaft des deutschen Faschismus 1945/46 (S. 83-94) – darin besonders hervorzuheben neben den beschriebenen Erfolgen die herausgearbeiteten Defizite beim Umgang mit dem Antisemitismus - und Siegfried Prokop „Die Intelligenz im Jahre 1945“ (S. 97-112) mit dem Resumee, dass deren Praxis durch Mitarbeit an den Reformen immer „fortschrittlicher“ war als ihre geistigen Wandlungen ( S. 97-112). Wichtiges wird in Fallstudien konkretisiert: Kurt Schneider: „Leipzig 1945. Die antifaschistische Organisation NKFD für einen demokratischen Neuaufbau“ (S. 141-150) und übergreifend Günter Benser: „Die antifaschistischen Ausschüsse des Jahres 1945 – die Bremer Kampfgemeinschaft gegen den Faschismus“ (S. 129-140) sowie Jörg Roesler: „Wie die Flüchtlinge die „Stunde Null“ erlebten und welche Perspektiven man den Deutschen aus dem Osten in der Sowjetischen bzw. Britischen Besatzungszone bot“ (S. 113-127), der quellenmäßig gut fundiert und auf originelle Art und Weise die beiden unterschiedlichen Wege in der Flüchtlingsfrage verdeutlicht. Wenig Bekanntes und Neues erfährt man von Andreas Diers über „Die politischen Schulungen des Linkssozialisten Wolfgang Abendroth in der ägyptischen „Wüstenuniversität“ und im britischen „Wilton Park“ in den Jahren 1945/46“ (S. 151-163) sowie in den beiden sich ergänzenden Beiträgen „Zum Scheitern der Nachkriegspolitik der demokratischen Sozialisten nach 1945“ (S. 165-191) von Jörg Wollenberg und „Antifaschismus und 'Einheit der Arbeiterklasse', Demokratie und Sozialismus“ (S. 61-81) von Peter Brandt.
Sie behandeln ausführlich die Ausbildung und Entwicklung weitgehend angenäherter und übereinstimmender „radikaler“ Konzeptionen der deutschen Sozialdemokratie im Exil („Frankfurter Schule“, Behemoth, Fraenkel etc,) und in den Besatzungszonen (Willy Brandt, Grotewohl, Schumacher etc.), die in den meisten – auf die BRD zugeschriebenen Nachkriegsgeschichten – gezielt marginalisiert werden. Nachdem es in den Westzonen nicht gelungen war, die Umbruchssituation 1945/46 zu Bodenreformen und Sozialisierungen zu nutzen, „zeichnete sich ab, dass die SPD in den Westzonen allenfalls auf relative Mehrheiten hoffen konnte und eine Gestaltungs- und Regierungsmehrheit auch günstigenfalls nur zusammen mit den Kommunisten realisierbar erschien.“ (S. 79). Das schloss Schumacher bekanntlich aus und war daher mit seinem Sozialisierungskurs „spätestens Mitte 1948 gescheitert...“ (ebd.) Der Sozialist Viktor Agartz ging Schumachers Weg in die BRD nicht mit und hielt in politischer Isolation bis zu seinem Tod 1964 am Sozialisierungskurs fest. Eine bisher sträflich vernachlässigte Thematik behandelt der Beitrag von Gisela Notz „Überparteiliche und sozialdemokratische Frauenpolitik nach der Befreiung“ (S. 47-60). Obwohl die Frauenmehrheit die Hauptlast bei der Überwindung der Nachkriegsnot und beim Neuaufbau trug, gelang es auch in der SPD nicht, die traditionell patriarchalischen Strukturen aufzubrechen und Gleichberechtigung in der männerdominierten Partei durchzusetzen. Nach wie vor galt es als erstrebenswert, dass Frauen ihren in verantwortlicher Position wirkenden Männern den Rücken freihielten und die Hauptlast im Haushalt und bei der Kindererziehung trugen. Der Beitrag von Harald Wachowitz „Der 8. Mai 1945 – Ein Jahrestag und seine Interpretationen in der DDR und in der BRD“ (S. 193-208) erinnert an die unterschiedliche Behandlung des 8. Mai 1945 in den früheren Medien der beiden deutschen Staaten. Die geschichtswissenschaftliche Beschäftigung mit diesem Thema blieb leider ausgespart - wie in den meisten anderen Beiträgen auch. Ergänzt wird der Band noch durch einige Anhänge.. Hervorzuheben die Übernahme eines Textes aus dem Katalog einer Marzahner Kunstausstellung über die „Bildende Kunst nach der Befreiung vom Faschismus“ (S. 213-222). Bei den drei Rückblicken auf die „Stunde Null“ sei angemerkt, dass die von Günter Wehner als Archivfund angeblich erstmals präsentierten Berliner Schüleraufsätze schon seit 1996 in einer 376seitigen, vom Prenzlauer Berg Museum herausgegebenen und vom Landesarchiv Berlin unterstützten Anthologie gedruckt vorliegen.
Insgesamt setzt die hier rezensierte Publikation dem bundesdeutschen Mainstream zum Thema eine alles in allem überzeugende Alternativsicht entgegen. Das ist zu begrüßen und darin besteht ihr Wert, der bei einer klareren Konzeption und bei stärkerer geschichtswissenschaftlicher Auseinandersetzung zweifellos noch gewichtiger ausgefallen wäre.

Rolf Badstübner

 

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