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„Junge Welt“: Ausgabe vom 20.06.2016 Seite 15 / Politisches Buch


Kampf um Neubeginn


Ein Sammelband mit Texten über die »Stunde Null« nach dem Hitlerfaschismus


Von Nelli Tügel

Rainer Holze, Marga Voigt (Hrsg.): 1945 – Eine »Stunde Null« in den Köpfen? Zur geistigen Situation in Deutschland nach der Befreiung vom Faschismus, Edition Bodoni, Neuruppin 2016, 272 Seiten, 18 Euro

Die Befreiung vom deutschen Faschismus eröffnete eine vielfältige Auseinandersetzung um den Neubeginn. Diese darzustellen ist Ziel des kürzlich erschienenen Sammelbandes »Eine ›Stunde Null‹ in den Köpfen? Zur geistigen Situation in Deutschland nach der Befreiung vom Faschismus«, der von Rainer Holze und Marga Voigt in der Edition Bodoni herausgegeben wurde.

Er geht auf ein Kolloquium aus dem April 2015 zurück. Damals diskutierten Wissenschaftler aus Anlass des 70. Jahrestages der Befreiung und folgten damit einer Einladung des Berlin-Brandenburger Bildungswerkes und des Förderkreises Archive und Bibliotheken zur Geschichte der Arbeiterbewegung. Die Frage war wohl eher eine provokative. Denn dass es eine »Stunde Null« im Sinne einer Tabula rasa nicht gegeben hat, darüber herrscht weitgehend Einigkeit. Der Neuanfang war vielmehr umstritten und umkämpft. Neben der Durchdringung mit nationalsozialistischem Gedankengut, »gab es (…) in West und Ost ein ehrliches, wenn auch widersprüchliches Neu- und Umdenken«, wie Rainer Holze und Reiner Zilkenat in ihrem einleitenden Aufsatz konstatieren.

Vertieft wird diese Feststellung, wenn zum Beispiel Gisela Notz über »Überparteiliche und Sozialdemokratische Frauenpolitik nach der Befreiung« schreibt oder Siegfried Prokop über die »Intelligenz im Jahre 1945«. Peter Brandt und Jürgen Hofmann widmen sich lebhaften Debatten in SPD und KPD in den Monaten unmittelbar nach dem Krieg. In dem Sammelband werden zudem nicht nur die Erträge des Kolloquiums dokumentiert, sondern darüber hinaus weitere Aspekte ergänzt. So zum Beispiel durch den Aufsatz von Andreas Diers, der an Wolfgang Abendroths »ägyptische ›Wüstenuniversität‹« und die dortigen politischen Schulungen in den Jahren 1945/46 erinnert. Kurt Schneider und Günter Benser werfen einen Blick auf die antifaschistischen Ausschüsse in Bremen und Leipzig.

Zum Abschluss kommen Zeitzeugen zu Wort. Günter Wehner zitiert aus Aufsätzen, die Berliner Schüler 1946 auf Initiative des Reformpädagogen Max Kreuziger verfassten. Ein kleiner Schatz an Quellen – 1.311 Schüleraufsätze umfasst der Bestand –, den Wehner aus dem Berliner Landesarchiv gehoben hat. Die Schrecken des erlebten Krieges, aber auch der Bruch in Sprache und Mentalität und die Wirrungen, die dies hinterlassen hat, lassen sich aus den Zeilen der jungen Menschen erahnen. Dies gilt auch für die persönlichen Erinnerungen von Heinz Sommer und Roger Reinsch. Man darf sich ruhig irritieren lassen, wenn sich Reinsch an eine »gründliche Aussprache« mit kommunistischen Genossen erinnert, die seinen jugendlichen und nationalistisch gefärbten Auslassungen über die Bauarbeiten am Sowjetischen Ehrendenkmal folgte. Reinsch beschreibt diese Aussprache als seine ganz persönliche »Stunde Null«, als einen Aha-Moment. So seltsam eine solche Begebenheit heute auch klingen mag, so oder ähnlich wird es doch oftmals gewesen sein.

 

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