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1918

Die patriotische Kriegsbegeisterung der ersten Jahre ist 1918 verflogen. Die im Vorjahr einsetzende Kriegsmüdigkeit beginnt in Staatsverdrossenheit überzugehen. Auch in Deutschland nehmen Desertionen, Meutereien und Streiks zu. Die Bevölkerung ist kaum noch in der Lage, die ständig größer werdende Hungersnot zu ertragen und den Herrschenden gelingt es immer weniger, den von Leid geprägten Menschen einen vermeintlichen Sinn des Krieges und den angeblich bösen Willen der Feinde zu erklären.

Deutschland ist durch Vollbeschäftigung geprägt; ein Großteil der männlichen Bevölkerung steht ja im Felde. Der Anteil der weiblichen Arbeitskräfte in der Industrie beträgt 1918 in Berlin 63 Prozent. Die Rüstungsproduktion im Reich ist ohne Frauen nicht mehr denkbar. Frauen erhalten etwa die Hälfte der Männerlöhne, allerdings wesentlich mehr, als noch 1914. Den Kriegerfrauen unter ihnen wird die staatliche Unterstützung entzogen, wenn sie ihre Arbeit in den Rüstungsbetrieben nicht aufnehmen. Nachtarbeit, Wochenendarbeit und Überstunden sind die Regel. Streiks nehmen zu. Das regelmäßige Einkommen ermöglicht jedoch keine ausreichende Beschaffung von Lebensmitteln. Unternehmer üben mit der Drohung, Aufrührer für den Kriegseinsatz an der Front zu denunzieren, Druck auf die Arbeiterschaft aus. Immer schärfere Rationierung der Nahrung auf Bezugsmarken und Wucherpreise auf dem Schwarzmarkt steigern die katastrophale Unterernährung weiter Teile der Bevölkerung. Dazu häufen sich im Deutschen Reich Klagen über sogenanntes Spendieren. Kaufleute verlangen zusätzlich zum Preis ihrer Ware Nahrungsmittel von den Käufern und legen so große Lager von Waren an, die auf dem Schwarzmarkt vertrieben werden. In Berlin werden im Januar je Kopf der Bevölkerung ausgegeben: Fleisch im Umfang eines Schnitzels und etwa 50 Gramm Fett pro Woche und Brot in einer Menge von drei Scheiben pro Tag. Im Mai kürzt das Reichsernährungsamt die tägliche Brotration auf 130 g, das sind etwa anderthalb Scheiben. Durch Streckung mit Kartoffeln kann die Tagesration im September wieder auf 220 g erhöht werden. Für ein Ei verlangt der Schwarzhändler in Berlin 1,50 Mark, ein Pfund Butter kostet 24 Mark. Frisches Obst gibt es in diesem Jahr ausschließlich auf dem Schwarzmarkt. Die Reichsregierung konfisziert die gesamte Ernte für die Marmeladenherstellung, die dann ab Oktober mit 50% Mohrrübenanteil als Reichsmarmelade zur Verfügung steht. Hungerseuchen weiten sich aus, die Sterblichkeit steigt. Der Versuch, mit militärischem Zwang aus der von Deutschland besetzten Ukraine Nahrungsmittel zu pressen, schlägt fehl. Die Zahl der Ersatzstoffe für Lebensmittel und Rohstoffe ist auf 10.000 angewachsen. Wegen des großen Tabakmangels im Deutschen Reich lässt die Regierung 15 Mittel zur Streckung zu, verbietet dann Buchenlaub, das nun schon 80% ausmacht. Im August veröffentlicht das Reichsversorgungsamt Ausführungsbestimmungen für die dann einsetzenden fleischlosen Wochen. Ziel ist eine noch stärkere Fleischeinsparung. Die Schuljugend sammelt Knochen für die Speisefettgewinnung und erhält Brühwürfel und Margarine dafür; für gesammelte Bucheckern gibt es 6% der gesammelten Menge in Bucheckern-Öl. Auch Kaffeesatz soll den Behörden übergeben werden, weil daraus Viehfutter erzeugt werden könne. Ab August erhalten Schulkinder Fahrscheine für Bus und Bahn zum halben Preis, wenn sie nachweisen, dass sie zum Brennnesselsuchen fahren. Brennnesseln werden zur Herstellung von Ersatztextilien benötigt. Ebenfalls im August veröffentlicht das Reichsversorgungsamt einen Aufruf zur Einsparung des knappen Rohstoffs Leder: „… Barfußgehen ist weder eine Schande noch ungesund, es ist vielmehr vaterländische Pflicht … Die innige Berührung unseres Körpers mit der Mutter Erde verschafft ein eigenartiges Wohlbehaben, das man sofort beim ersten Versuch feststellen kann. Wir müssen Leder sparen.“

Vor dem Krieg hatten die Lebensgewohnheiten und die Erfüllung ihrer Lebensbedürfnisse unter der Arbeiterschaft einen beachtlichen Standard erreicht – mit dem Krieg ging das alles verloren. Die Erinnerung an die Friedenszeit wird ins Verhältnis zum Alltag gesetzt: Tod an der Front, Drill in der Kaserne oder Zuchthaus sind die Alternativen der Zukunft. Unzufriedenheit, Groll, Hass steigen auf, Wut und Empörung gegen Händler, gegen Unternehmer, gegen Behörden, ja gegen die Regierung und ihren Krieg überhaupt.

Die SPD glaubt sich in dieser Zeit als Teil der Macht, als Reichstagsmacht, weil größter Teil der Mehrheit aus SPD, Fortschrittspartei und Zentrum. Aber die tatsächliche Macht ist die Oberste Heeresleitung. Sie kommandiert über Reichstag, Heer und Volk und sie regiert mit Belagerungszustand, Zensur und Schutzhaft. Allerdings ist die Reichstagsmehrheit von der Obersten Heeresleitung nun nicht mehr zu übergehen. Die Reichstagsmehrheit mahnt 1918 Verhandlungsfrieden an, die Oberste eHeeresleitung will unter allen Umständen den Siegfrieden und alle eroberten Gebiete. Wilhelm II. soll auch Herzog von Kurland werden, der König von Sachsen die litauische Krone dazu bekommen, dem König von Bayern würde ein Stück Elsass zugeteilt, der andere Teil für den Großherzog von Baden. Die Grundbesitzer und Industriellen sind fest überzeugt, dass die Oberste Heeresleitung den Siegfrieden bringt. Die Arbeiter fordern Frieden, und den ohne Annexion. Nach ihren Erfahrungen im Massenstreik gegen Krieg, Hunger und kaiserliches System im Januar des Jahres und mit seiner Niederschlagung glauben immer weniger daran, dass ihnen die Reichstagsparteien aus Krieg und Militärdiktatur heraushelfen. Die Machtstellung Ludendorffs, des Stellvertreters Hindenburgs in der Obersten Heeresleitung, wird mit der Niederschlagung des Januarstreiks der Arbeiterinnen und Arbeiter in Deutschland, dem Siegfrieden im Osten gegen Russland und den deutschen Erfolgen gegen Engländer und Franzosen im März und April im Westen innenpolitisch in diesen Tagen unerschütterlich.

Aber die Hunger-, Friedens- und dann politischen Streiks der Arbeitermassen, sehr oft in die Wege geleitet von konspirativen strukturierten betrieblichen Vertrauensleuten, auch der Spartakisten, und die damit verbundenen Massendemonstrationen sind es, die die Militärdiktatur empfindlich schwächen. Zielgelenkte Demonstrationsstreiks bilden das Kampfmittel, das im November in die Revolution übergeht - in Großstädten der Provinz eruptiv beginnend, gegen den deutschen Feudalstaat und gegen den Krieg. Es ist eine friedliche Revolution, bis dann die Konterrevolution und ihre Schrittmacher Platz greifen. Trotz getroffener militärischer Vorkehrungen steht die Regierung am 9. November 1918 in Berlin der Revolution ob der revolutionären, auch bewaffnet geschützten Demonstrantenmassen auf der Straße zunächst macht- und hilflos, dann auch einige Tage schutzlos gegenüber, nachdem klar wird, dass das Militär zum Volk übergegangen ist. Gestützt auf die Erfahrungen der russischen Revolutionen schreibt Lenin später: „Erst dann, wenn die ‚Unterschichten‘ in der alten Weise nicht mehr wollen und die ‚Oberschichten‘ nicht mehr können, erst dann kann die Revolution siegen.“ Oder frei nach Peter Hacks: Aus der trüben Laune entsteht im Volk jene übermütige Laune, die Revolution heißt. Hacks an anderer Stelle: „Bevor eine Sache nicht unerträglich ist, wird nicht revolutioniert.“

Getragen von der Dynamik der Arbeiterstreiks, Demonstrationen und Volksversammlungen der Arbeiter- und Soldatenräte ändert die SPD-Führung ihre Taktik. Wurde im Oktober noch zur Zeichnung von Kriegskrediten aufgerufen und Ende desselben Monats vor „unbesonnenen Streichen“ wie der Erhebung der Matrosen gewarnt, sieht sie sich am 9. November gehalten, den Sieg des Volkes zu feiern und sich an die Spitze der von ihr nicht initiierten, abgelehnten Revolution zu setzen. An diesem Tag wird die Republik dann zwei Mal ausgerufen. Gegen 14 Uhr proklamiert Philipp Scheidemann (SPD) vom Reichstagsgebäude aus die „deutsche Republik“ und gegen 16 Uhr Karl Liebknecht (USPD, Spartakusgruppe) die „freie sozialistische Republik“. Diese symbolischen Handlungen popularisieren das Ende des wilhelminischen Systems, wobei der eine vom Balkon des Lesesaals des Reichstages den Demonstranten den Eindruck vermittelt, dass die Revolution nunmehr ihr Ziel erreicht habe und deshalb beendet werden müsse, während der andere den Demonstranten vor dem Schloss erläutert, dass die Aufgabe noch nicht getan sei, sondern jetzt erst beginne. Die Entscheidung, welchen Charakter die Republik in Deutschland haben wird, treffen die revolutionären und konterrevolutionären Kämpfe der nächsten Wochen und Monate. Karl Liebknecht lehnt trotz oder geradezu im Einklang mit seinem Aufruf am 9. November: „Wir müssen alle Kräfte anspannen, um die Regierung der Arbeiter und Soldaten aufzubauen und eine neue staatliche Ordnung des Proletariats zu schaffen“ ab, den ihm am selben Tag angebotenen Eintritt in die provisorische Regierung wahrzunehmen, auch verweigert er prinzipiell die Zusammenarbeit mit den aus seiner Sicht diskreditierten Mehrheitssozialisten der SPD. Die differenziert aufgestellten Mitglieder des in der Revolution gegründeten Vollzugsrats der Berliner Arbeiter- und Soldatenräte wissen, die historische Auseinandersetzung zwischen Kapitalismus und Sozialismus wird in der Alternative Nationalversammlung oder Rätemacht ausgefochten, und so nimmt auch die Geschichte ihren Verlauf …

4. Januar                 Leo D. Trotzki, der Leiter der sowjetischen Delegation bei den Friedensverhandlungen von Brest-Litowsk, bezeichnet in einer Rede vor dem Hauptausschuss der Sowjets in Moskau die Friedensbemühungen des Deutschen Reiches als heuchlerisch, die deutschen Friedensbedingungen für unannehmbar.

Die russische Regierung erkennt offiziell die Unabhängigkeit Finnlands an. Die Bolschewiki befürworten die politische Selbständigkeit der vordem im zaristischen Völkergefängnis vereinten Ethnien. Finnland stand seit 1808 unter zaristischer Besatzungs-Herrschaft.

8. Januar                 Programmatische Rede des US-amerikanischen Präsidenten Wilson, bis 1910 Professor für Rechtswissenschaft und Nationalökonomie, in der er in einem 14 Punkte-Programm die Grundzüge einer Friedensordnung für Europa nach dem Ersten Weltkrieg entwickelt. (Die wichtigsten Punkte: Beseitigung wirtschaftlicher Schranken und Gleichheit der Handelsbedingungen, unparteiischer Ausgleich kolonialer Ansprüche, Beschränkung der Rüstungen, Gründung eines unabhängigen Verbandes der Nationen mit gegenseitigen Bürgschaften für politische Unabhängigkeit und territoriale Unverletzbarkeit sowie Räumung der von Deutschland und Österreich besetzten Gebiete. Autonomie der Nationalitäten in Österreich-Ungarn. Wiederherstellung Belgiens. Anschluss Elsass-Lothringens an Frankreich. Regulierung der italienischen Grenze nach nationaler Zugehörigkeit.)

12. Januar               Innenminister Bill Drews führt in der Debatte im Preußischen Landtag aus, dass bei Abschaffung des Dreiklassenwahlrechts bei der nächsten Wahl die SPD von 10 auf 101 und die Konservativen von 148 auf 81 Sitze kommen würden.

13. Januar               Große Friedensdemonstration in Budapest/Ungarn. Forderungen nach Frieden ohne Annexion und Schaffung von Arbeiterdeputiertenräten.

14. Januar               Beginn der japanischen Intervention gegen Sowjetrussland.

15. Januar               Vom 15. bis 22. Januar politischer Massenstreik in Wien, der sich über fast alle Teile der Habsburger Monarchie ausbreitet. In Wien, Prag, Budapest werden Arbeiterräte gebildet. Demonstrationen für Frieden ohne Annexion, für demokratisches Wahlrecht und Lebensmittel. Offene Erhebung gegen die Regierung an verschiedenen Orten. Verhandlungen zwischen Zentralregierung und Arbeiterrat, dabei Zugeständnisse in den Forderungen nach Aufhebung der Militarisierung von Betrieben (Unterstellung von Betrieben unter militärische Leitung im Falle eines Streiks), der Aufhebung des Arbeitszwanggesetzes, in den Forderungen in der Ernährungsfrage, nach gleichem und allgemeinem Wahlrecht für Männer und Frauen und Friedensverhandlungen mit Russland ohne Annexionsforderungen.

Die Leitung der revolutionären Obleute organisiert eine Sitzung mit der Land- und Reichstagsfraktion der USPD, um über den geeigneten Zeitpunkt und die Gewährleistung eines geschlossenen Ausbruchs des vorzubereitenden großen Massenstreiks mit politischen Forderungen zu beraten. Richard Müller schildert die Situation im Reich, berichtet über die Stimmung in den Berliner Betrieben und der Provinz: „Die Arbeiter verlangen jetzt von der Reichstagsfraktion, daß sie öffentlich zum Kampf aufrufe, damit ein Kampf entbrenne, den die Regierung nicht nochmals niederschlagen könne.“ Die Haltung der Fraktionsvertreter ist gespalten, ein Kompromisspapier wird erarbeitet und als Flugblatt verbreitet. Der Streiktermin bleibt geheim, um den Funktionären der freien Gewerkschaften die Zeit für Gegenpropaganda zu kürzen.

22. Januar               Aufruf der Spartakusgruppe zu dem von den revolutionären Obleuten vorbereiteten Massenstreik am 28. Januar. Im Flugblatt „Auf zum Massenstreik! Auf zum Kampf!“ der Spartakusgruppe werden die erfolgreichen Abläufe des kürzlichen Generalstreiks der österreichischen und ungarischen Arbeiter geschildert. Die Zentralregierung dort war gezwungen, den Wiener Arbeiterrat anzuerkennen. Die vorläufigen Zugeständnisse und Versprechungen zur Erfüllung der Arbeiterforderungen in Österreich-Ungarn können und sollen mit dem Massenstreik am 28. Januar in Deutschland vollendet werden. Er soll als unbefristeter Machtkampf bis zur Erfüllung der Minimalforderungen geführt werden, einer notwendigen Voraussetzung für den Kampf um die Macht für eine Volksrepublik Deutschland und einen sofortigen allgemeinen Frieden: Aufhebung des Belagerungszustandes, der Zensur, aller Beschränkungen der Koalitions-, Streik-, Vereins- und Versammlungsfreiheit, Freilassung der politischen Inhaftierten.

25. Januar               Ab 25. Januar Streik von mehr als 4.000 Arbeitern in Kiel.

26. Januar               Streik von etwa 1.200 Arbeitern in Dortmund und Düsseldorf.

27. Januar               Arbeiterrevolution in Finnland. Auslöser ist der Beschluss der knappen bürgerlichen Mehrheit im finnischen Parlament, eine nationale Armee zu schaffen, die jedoch von der kompromisslos aufgestellten Sozialdemokratie als Klassenarmee gegen die arbeitende Bevölkerung angesehen wird. (Finnland war bis 1809 sechshundert Jahre unter schwedischer Herrschaft und dann Großherzogtum im Zarenreich mit relativ großer Autonomie.) Mit dem russischen Zaren Nikolaus II. hatte ab 1899 im finnischen Herzogtum eine unerträgliche Russifizierung eingesetzt, die die Finnen das bedingungslose Angebot der siegreichen Oktoberrevolution auf eigene Staatsgründung annehmen lässt, wobei die Sozialdemokraten auf Kooperation mit den Bolschewiki insistieren und das bürgerliche Lager auf deren Sturz hofft. In Übereinstimmung mit dem neuen Sowjet-Prinzip, dem Recht der Selbstbestimmung der Völker auf politische Unabhängigkeit, wird die finnische Republik auch unter den Bedingungen einer dortigen bürgerlichen Regierung von der Lenin-Regierung anerkannt, und am 4. Januar 1918 wird diese Entscheidung vom Zentralen Exekutivkomitee der Sowjets ratifiziert. Am 27. Januar nun besetzen die finnischen Aufständischen organisiert und ohne jeden Widerstand die Regierungsgebäude in Helsinki. Die Regierungskabinettsmitglieder verstecken sich in der Stadt, nachdem ihre geplante Verhaftung fehlgeschlagen war. Als Revolutions-Regierung wird ein 14köpfiger Volksdeputiertenrat aus dem Exekutivkomitee der sozialdemokratischen Partei gebildet, darunter zwei die Machtergreifung Ablehnende und zwei Gewerkschafter. Bereits im November 1917 hatte die Gewerkschaft der damaligen sozialdemokratisch-bürgerlichen Regierung ein Ultimatum zur Beseitigung der dringendsten Probleme der Arbeiter, insbesondere der Hungerkrise, gestellt und zur Machtergreifung durch die Sozialdemokratie aufgerufen. Die neue Regierung plant die Einberufung einer konstituierenden Versammlung, die auf parlamentarischem Weg eine ArbeiterInnenregierung bilden soll - die Frauen hatten seit 1909 hier, als erstem Land der Welt, Wahlrecht.

Versammlung mit Vertretern sämtlicher Metallbetriebe Berlins unter Leitung der revolutionären Obleute. Die ungefähr 1.500 Anwesenden werden von Richard Müller aufgefordert, am Montag, dem nächsten Tag, die Arbeit niederzulegen und je nach Betriebsgröße Vertreter in das Gewerkschaftshaus zu entsenden.

28. Januar               Am Montag, dem 28. Januar, legen ungefähr 400.000 Berliner Arbeiterinnen und Arbeiter die Arbeit nieder, der dritte deutsche politische Massenstreik („Januarstreik“) beginnt mit Schwerpunkt in Berlin. Am Nachmittag versammeln sich 414 gewählte Betriebsvertrauensleute im Gewerkschaftshaus am Engelufer, um sich als Groß-Berliner Arbeiterrat zu konstituieren. Diskutiert und beschlossen werden die Streikforderungen. Gefordert wird Frieden ohne Annexionen, ohne Kriegsentschädigungen und auf der Grundlage des Selbstbestimmungsrechts der Völker, wie von russischer Seite in Brest-Litowsk gefordert, sowie Zuziehung von Arbeitervertretern aller Länder zu den Friedensverhandlungen. Es werden wirtschaftliche und politische Forderungen für Deutschland aufgestellt und es wird beschlossen, jede Maßregelung der Arbeiterführer, Vertreter, Beauftragten mit aller Macht abzuwehren. Die Arbeiter der anderen kriegführenden Länder werden aufgerufen, ebenfalls in den Massenstreik zu treten. Zur Leitung des Streiks wird ein Aktionsausschuss unter Führung von Richard Müller, dem Leiter der ansonsten im Hintergrund konspirativ agierenden revolutionären Obleute (gewerkschaftsunabhängige gewählte Vertrauensleute in Betrieben) gebildet. 11 Vertreter aus dem Kreis der revolutionären Obleute werden vorgeschlagen und einstimmig gewählt. Als ArbeitervertreterInnen gehören dem Aktionsausschuss an: Paul Eckert, Blumenthal, Neuendorf, Heinrich Malzahn, Kraatz, Richard Müller, Paul Scholze, Otto Trost, Zimmermann, Tirpitz und Kläre Casper. Dann wird der Vorstand der USPD ebenfalls aufgefordert, drei Vertreter zum Aktionsausschuss zu stellen, und ein Gewerkschafter stellt den Antrag, der SPD gleiches Recht angedeihen zu lassen. Das wird von der Versammlung mit zwei Stimmen Mehrheit abgelehnt. Die Versammlungsleitung, jeden Misston vermeiden wollend, empfiehlt jedoch die Annahme. So werden noch drei Vertreter der Parteivorstände der USPD (Haase, Ledebour, Dittmann) und auf Verlangen der Betriebsvertrauensleute der SPD und mit Unterstützung von USPD-Führern auch die den Streik ablehnenden Ebert, Scheidemann und Braun (alle SPD) in den Großberliner Aktionsausschuss aufgenommen. Die Spartakusgruppe hat zu diesem Zeitpunkt keinen Vertreter in den Strukturen der revolutionären Obleute, es wurde, so ihr Leiter Müller, auch keiner zugelassen, da man verfrühte Bekanntgabe der Beschlüsse fürchtet. Im Aktionsausschuss sitzt so die SPD-Führung gemeinsam mit wenig einstellungsfesten USPD-Führern und den Betriebsvertretern, womit die Grundprobleme der Novemberrevolution bereits im Januarstreik angelegt erscheinen. Friedrich Ebert nutzt seine Wahlfunktion an diesem Abend, um eine sofortige Debatte über die bereits ohne ihn beschlossenen Forderungen zu führen, die nicht das enthalten, was die SPD für notwendig hält. Auch seien die Arbeiter des Aktionsausschusses paritätisch mit SPD Vertretern zu besetzen. Die von der Versammlung gewählten Vertreter lehnen einstimmig ab und Ebert behält sich vor, in der nächsten Versammlung seine Anträge zu stellen. Über eine Million Arbeiter beteiligen sich an diesem Massenstreik gegen Krieg, Hunger und monarchistische deutsche Militärdiktatur. Scheidemann sagt über die Mitarbeit im Aktionsausschuss später, 1924, anlässlich des Beleidigungs-Prozesses Eberts gegen einen NSDAP-Agitator, in dem auch der Januarstreik 1918 eine Rolle spielt, als Zeuge in Magdeburg dazu aus: „Wenn wir nicht in das Streikkomitee hineingegangen wären, dann würde wahrscheinlich das Gericht heute nicht tagen können und dann wäre der Krieg und alles andere meiner festen Überzeugung schon im Januar erledigt gewesen. Die Arbeiter hätten sich nicht, ohne sich zu wehren, niederschießen lassen … Durch unser Wirken wurde der Streik bald beendet und alles in geregelte Bahnen gelenkt.“

Die Forderungen der streikenden Berliner Arbeiter für den weiteren Kampf um die Macht, um die Volksrepublik und um sofortigen allgemeinen Frieden veröffentlichte der sozialdemokratische „Vorwärts“ am 29. Januar 1918: Schleunige Herbeiführung des Friedens ohne Annexion, ohne Kriegsentschädigung, Zuziehung von Arbeitervertretern aller Länder zu den Friedensverhandlungen, ausgiebige Nahrungsmittelversorgung, sofortige Aufhebung des Belagerungszustandes, Aufhebung der Militarisierung der Betriebe, Freilassung politischer Gefangener, Demokratisierung der Staatseinrichtungen und allgemeines, gleiches, direktes Wahlrecht für Männer und Frauen ab 20 Jahren.

30. Januar               Für den 30. und 31. Januar ruft der Aktionsausschuss des Groß-Berliner Arbeiterrates im Rahmen des Massenstreiks zu mehreren Kundgebungen auf. Es kommt zu blutigen Zusammenstößen mit der Polizei in Moabit, Charlottenburg und am Alexanderplatz, zu Toten und Verwundeten. Die Polizei schießt in die Menge. Umgestürzte Straßenbahnwagen und Lastautos dienen den Arbeitern als Deckung. Mehrere Arbeiter werden getötet, viele verletzt. Am zweiten Streiktag sind es mehr als eine halbe Million, die die Arbeit in Berlin niederlegen.

31. Januar               Neun Großkundgebungen der Streikenden in Berlin. Die Oberste Heeresleitung erkennt, dass es jetzt um das Ganze geht. Die Zivilregierung wird beiseitegeschoben, Ludendorff nimmt die Streikbekämpfung selbst in die Hand. Ziel ist die rücksichtslose Niederwerfung des Streiks und die unbedingte Unterwerfung. Der Kommandierende General in Berlin und der Mark Brandenburg Eugen von Kessel verhängt daher den verschärften Belagerungszustand über Berlin. Ab dem 2. Februar werden außerordentliche Kriegsgerichte eingerichtet. Der „Vorwärts“ wird verboten, alle Sitzungen und Versammlungen der Streikenden von der Polizei gesprengt. In einem streng geheimen Befehl an die Kommandeure des 3., 4. und 5. Korps verfügt das Oberkommando die Planung des Infanterieeinsatzes zur Streikabwehr und zum Zusammentreiben der Menschenmengen. Militärisches Hauptquartier: Kaulsdorf. Mehr als 1 Million Arbeiterinnen und Arbeiter beteiligen sich in Deutschland an den Streiks, u.a. in Barmen, Bielefeld, Brandenburg, Braunschweig, Bremen, Breslau, Danzig, Dortmund, Dresden, Erfurt, Essen, Gotha, Halle, Hamburg, Jena, Kassel, Kiel, Köln, Leipzig, Lübeck, Ludwigshafen, Magdeburg, Mannheim, München, Münster, Nowawes (böhmische Kolonie Nähe Babelsberg), Nürnberg, Pirna, Schweinfurt, Solingen und Wilhelmshaven. Arbeiterräte und Ausschüsse zur Leitung der Streiks werden gewählt. Mit Massenverhaftungen und Zwangseinweisung zum Kriegsdienst reagiert die Obrigkeit. Die Regierung lehnt Verhandlungen mit Vertretern der streikenden Arbeiter ab. Deren Erbitterung steigt.

1. Februar               Aufstand der Matrosen im Adriahafen Cattaro. 6.000 Matrosen sind beteiligt. Auf 40 Schiffen der österreichisch-ungarischen Kriegsflotte wird die rote Fahne gehisst. Wie in Russland werden Räte gebildet. Forderungen: Gleichbehandlung aller Mannschaftsteile, Demokratisierung der Regierung, sofortiger Frieden. Der isolierte Aufstand wird am 3. Februar niedergeschlagen.

Ab 1. Februar in Berlin über der ganzen Stadt und den bestreikten Betrieben verschärfter Belagerungszustand. Um die Massenstreiks der Industriearbeiterschaft in Berlin zu beenden, unterstellt Generaloberst Gustav von Kessel (Oberbefehlshaber der Mark Brandenburg und Militärgouverneur von Berlin) sieben Berliner Großbetriebe der Militäraufsicht (Deutsche Waffen- u. Munitionsfabrik in Marienfelde, Lichtenberg und Wittenau, Berliner Maschinenbau-Aktiengesellschaft vorm. L. Schwartzkopff Berlin, A. Borsig Tegel, AEG Hennigsdorf, Argus Motor-Gesellschaft Reinickendorf, Flug-Verkehrs-Gesellschaft Johannisthal, Daimler-Motoren Niederlassung Marienfelde). Die Arbeiter erhalten den Befehl, bis zum 4. Februar die Arbeit wieder aufzunehmen, widrigenfalls drohen ihnen Strafen nach den Bestimmungen des Belagerungszustandes, darunter den Wehrpflichtigen die militärische Einziehung in den Krieg.

2. Februar               Die Reichstagsabgeordneten Friedrich Ebert (SPD), Hugo Haase (USPD), Georg Ledebour (USPD) und Philipp Scheidemann (SPD) besprechen bei einem Treffen mit dem deutschen Reichskanzler Georg Graf von Hertling die Lage, in die der Massenstreik der Industriearbeiterschaft das Deutsche Reich gebracht hat. Während die USPD dem Streik positiv gegenübersteht, halten die SPD-Vertreter den Streik für politisch schädlich.

3. Februar               Hindenburg verlangt, Streik als Landesverrat zu ahnden.

Am 3. Februar beschließt die SPD/USPD-Streikleitung in Berlin, den Streik abzubrechen. Am Folgetag wird hier und in den meisten Städten Deutschlands die Arbeit wieder aufgenommen. In Berlin streiken noch etwa 40.000 Arbeiter. So beschließen die Arbeiter der Berliner Knorrbremse, der Verlautbarung des Generalobersts von Kessel zum Trotz erst am Dienstag, dem 5. Februar, wieder zu arbeiten. Die Regierung reagiert nach dem politischen Massenstreik mit tausenden Verurteilungen zu Gefängnis-, Zuchthaus- oder Festungshaft sowie Strafeinberufungen an die Kriegsfront. So werden am 4. Februar der Reichstagsabgeordnete Wilhelm Dittmann und mit ihm weitere 84 Mitglieder der USPD verhaftet und wegen Landesverrat angeklagt. Dittmann wird von einem der eilig eingerichteten Sonderkriegsgerichte zu 5 Jahren Festungshaft plus 2 Monaten Gefängnis verurteilt, weil er dem 6köpfigen Streikausschuss angehörte. Auf das schwerste erschüttert ist die Autorität der Reichstagsmehrheit. Die sozialdemokratischen Arbeitermassen haben gestreikt und mit SPD und USPD nichts erreicht. Die Oberste Heeresleitung hat damit nun im Osten und im Westen freie Hand für die Fortsetzung des Krieges bis zum angestrebten Siegfrieden.

9. Februar               In Brest-Litowsk verlangt der deutsche Vertreter, Staatssekretär von Kühlmann, von Sowjetrussland die Abtrennung Litauens, Polens, von Teilen Estlands, Lettlands und Belorusslands. (Karte) Bis jetzt erstreckte sich das russische Reich noch über ein Sechstel der Erde. Mitte des 19. Jh. gehörten die baltischen Staaten ebenso dazu wie Alaska, Teile von Polen und der Türkei sowie Finnland. Mit den Vertretern der nationalistischen Regierung der Ukraine wird ein separater Friedensvertrag unterzeichnet.

10. Februar              Als der politische Massenstreik im Februar in Deutschland gescheitert ist und das Militär Machtpositionen an der deutschen Heimatfront festigen konnte, geben die Russland regierenden Bolschewiki nach. Leo D. Trotzki, Volkskommissar des Äußeren in Russland und seit Dezember 1917 Leiter der sowjetischen Delegation bei den Friedensverhandlungen von Brest-Litowsk, erklärt bezüglich dieses Diktat-Friedens vom Vortag den Kriegszustand für beendet, ohne jedoch die ultimativen Friedensbedingungen der deutschen Regierung anzunehmen. Daraufhin werden die Verhandlungen abgebrochen. Am 11. Februar beginnt die Demobilisierung der russischen Armee. Lenin fordert dagegen die Annahme der räuberisch harten Friedensbedingungen als Atempause für den Sowjetstaat. Die alte russische Armee zerfällt, eine Sowjetarmee aufzubauen braucht Zeit und mit Revolutionen in anderen Ländern kann nicht gerechnet werden.

13. Februar              In Bad Homburg beraten die Oberste Heeresleitung und führende Politiker über die Wiederaufnahme eines Angriffs im Osten. Der Reichskanzler, der Vizekanzler, Staatssekretär v. Kühlmann, der Generalfeldmarschall, der Chef des Admiralstabs und Ludendorff nehmen daran teil. Ziel ist der Sturz der Sowjetmacht und die Einsetzung einer genehmen Regierung, auch die Eindämmung der Ausstrahlung des Sowjetsystems auf das deutsche Volk. Ludendorff: „Um die Bildung einer neuen Ostfront durch den Bolschewismus selbst zu verhindern, musste seinen uns gegenüber stehenden Truppen ein kurzer, starker Schlag versetzt werden, der uns auch Kriegsmaterial in Mengen bringen würde. (...) In der Ukraine war der Bolschewismus zu unterdrücken, es waren auch dort derartige Verhältnisse zu schaffen, dass wir militärischen Nutzen aus ihr gewinnen und Getreide und Rohstoffe beziehen konnten; dazu mussten wir hier tief ins Land einrücken. Es blieb uns gar nichts anderes übrig. (...) Auch in Finnland, das sich in seiner Bedrängnis vor den Bolschewisten hilfesuchend an uns gewandt hatte, konnten wir einen Bundesgenossen gegen die Bolschewisten erhalten.“

16. Februar              Die Oberste Heeresleitung kündigt den Waffenstillstand mit Sowjetrussland zum 18. Februar. Deutsche Truppen rücken unter Führung General Groeners auf russischem Gebiet auf der ganzen Linie zwischen Baltischem und Schwarzem Meer vor.

18. Februar              Einmarsch deutscher und österreichischer Truppen in die Ukraine und Besetzung der Ukrainischen Volksrepublik.

21. Februar              Mit dem durch Lenin erarbeiteten Dekret der Sowjetregierung „Das sozialistische Vaterland in Gefahr“ werden alle Mittel und Kräfte in den Dienst der revolutionären Verteidigung gestellt. Zehntausende Freiwillige treten in die neue Armee ein.

23. Februar              Die neuen sowjetrussischen Armeeeinheiten, bei denen es keine Dienstgrade mehr gibt, deren Kommandierende demokratisch gewählt werden und die aus Freiwilligen bestehen, schlagen Angriffe der deutschen Armee zurück. Insbesondere bei Pskow und Narwa bereiten die russischen Arbeiter- und Bauernbataillone den deutschen Truppen eine Niederlage und stoppen den Vormarsch auf Petrograd. (Seit 2002 ist der 23. Februar in Russland der „Tag der Verteidiger des Vaterlandes“, vordem Tag der Sowjetarmee).

3. März                    Aufruf der Spartakusgruppe zur Bildung von Arbeiter- und Soldatenräten und zur Bewaffnung des Proletariats: „Der letzte politische Massenstreik im Februar hat bewiesen, dass die Arbeiterklasse ohne Gewaltanwendung gegen die bestehende Gesellschaftsordnung nichts auszurichten vermag.“

Unterzeichnung des durch Deutschland diktierten Friedens von Brest-Litowsk. Lenin will Frieden und setzt den Beschluss der Sowjetregierung zur Annahme der Bedingungen durch. Der Machtbereich Deutschlands dehnt sich inzwischen bis nach Finnland und den Kaukasus aus. In Deutschland enthalten sich die Abgeordneten der SPD bei der Abstimmung über den Vertrag am 22. März 1918 wegen der ohne Abstimmung mit dem dortigen Volk vorgesehenen Gebietsabtrennungen der Stimme, die USPD hält den Vertrag für Unrecht gegenüber dem russischen Volk und stimmt dagegen. Zentrum und Fortschrittspartei stimmen dafür. Russland wird im Vertrag zur Abtretung von Polen, Litauen und Kurland, die weiter von deutschen Truppen besetzt bleiben, verpflichtet. Der deutsche Kaiser feiert diesen Raubfrieden als großen Erfolg in der Weltgeschichte. Die "Allgemeine Evangelisch-Lutherische Kirchenzeitung" vom 3. März 1918 über den Frieden von Brest-Litowsk: „Rußland, das keine Entschädigung geben wollte, mußte in letzter Minute unermeßliche Beute hergeben: 800 Lokomotiven, 8000 Eisenbahnwaggons mit allerlei Schätzen und Lebensmitteln; Gott wußte, daß wir es brauchten. Und weiter brauchten wir Geschütze und Munition, zum letzten Schlag gegen den Feind im Westen. Auch das wußte Gott. So schenkte er uns aus freier Hand, denn Gott ist reich, 2600 Geschütze, 5000 Maschinengewehre, zwei Millionen Schuß für die Artillerie. Gewehre, Flugzeuge, Kraftwagen und ungezähltes andere.“
Trotz unterzeichnetem Vertrag setzen am 4. März deutsche Truppen den Vormarsch ins russische Gebiet (Linie Narwa-Odessa-Krim) fort.

4. März                    In der ukrainischen Hauptstadt Kiew wird durch deutsche Truppen mit Hilfe der deutschen Obersten Heeresleitung die Zentralna Rada (Zentralrat) wieder eingesetzt. Kiew ist von deutschen Truppen besetzt. Vom 7. Februar bis 3. März war die höchste staatliche Autorität in den Händen der Bolschewiki, vordem hatten sich Sozialdemokraten, Sozialrevolutionäre und Bolschewiki die Macht geteilt.

9. März                    Am 9. März äußert der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes (Außenminister) Richard von Kühlmann gegenüber Reichskanzler Georg von Hertling: „Eine vollkommene Abschnürung Rußlands von der Ostsee und die dauernde Bedrohung seiner Hauptstadt aus nächster Nähe sind ein Zustand, der mit absoluter Sicherheit einen dauernden deutsch-russischen Gegensatz schaffen und zu einem zukünftigen Krieg führen muß.“ Die ehrgeizigen Expansionspläne der deutschen Generalität im Osten sieht Kühlmann mit Skepsis: „Je schlechter es ihnen im Westen geht, umso toller treiben sie es im Osten.“

15. März                  Wie die gesamte bürgerliche Presse in Deutschland verlangt auch das SPD-Organ „Vorwärts“ für die Zukunft deutsche Grenzsicherungen im Osten zu Sowjetrussland.

21. März                  Beginn der deutschen Entscheidungsoffensive im Westen. Nach Anfangserfolgen kommt die Offensive am 30. März zum Stehen, wird am 9. April wiederholt und nach riesigen Verlusten am 1. Mai eingestellt. Der letzte deutsche Offensivversuch Ende Mai endet dann mit einem Teilerfolg.

24. März                  Verhaftung von acht führenden Spartakisten, darunter Leo Jogiches, der die inhaftierten Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht in der illegalen Leitung der Spartakusgruppe vertreten hatte.

13. April                  Beginn der deutschen Intervention gegen die Arbeiterrevolution in Finnland.

20. April                  Die Sowjetbotschaft in Berlin nimmt ihre Tätigkeit auf.

29. April                  Gewaltsame Absetzung der ukrainischen Regierung (Zentralna Rada), die außerhalb des Bereichs deutscher Besatzung keinerlei Anhang besitzt, durch die deutsche Oberste Heeresleitung. Die Rada hat die festgelegten Nahrungsmittellieferverträge mit Deutschland und Österreich-Ungarn nicht erfüllt und auch entspricht ihre Zusammenarbeit mit der Besatzungsmacht nicht deren Wünschen. Die Nahrungsmittellieferungen waren Bestandteil des sogenannten Brotfriedens mit Deutschland, dessen Regierung ihrerseits im Vertrag Hilfe gegen die Bolschewiki vereinbart hatte. Die Besatzungsmacht setzt den ehemals kaiserlich-russischen General und Großgrundbesitzer Pawlo Skoropadski als ukrainisches Staatsoberhaupt ein. Damit wird in Anlehnung an Kosakentraditionen das Hetmanat eingeführt - der Heerführer als Staatsoberhaupt.

2. Mai                      Ablehnung der Gesetzesvorlage zur Einführung des gleichen Wahlrechts durch das Preußische Abgeordnetenhaus.

7. Mai                      Abschluss des Friedensvertrages zwischen den Mittelmächten und Rumänien in Bukarest.

14. Mai                    Sieg der Konterrevolution in Finnland nach Kämpfen im Februar und April. Am 7. Mai hatten finnische Unterhändler der ehemaligen, revolutionär entmachteten Regierung in Berlin ein Unterstützungsabkommen zur Niederschlagung der Revolution vereinbart, das Deutschland nach dem Krieg die militärische und wirtschaftliche Kontrolle über Finnland gegeben hätte; fünf Tage später landeten bereits die deutschen baltischen Ostseetruppen auf den Aland Inseln. Nach der Revolution, Anfang Februar, kontrollierten die konterrevolutionären Weißen drei Viertel des finnischen Territoriums mit knapp der Hälfte der Bevölkerung, darin keine großen Städte, dafür aber Agrargebiete. Der Übermacht deutscher Truppen im Bündnis mit finnischen Weißgardisten erliegen die finnischen Roten Garden. Von Sowjetrussland werden sie in Folge des mit dem Brester Frieden gegebenen Interventionsverbotes und in der Phase dort sich auflösender Armee bei gleichzeitiger Schaffung roter Freiwilligenverbände nur unzureichend unterstützt. Am 6. April 1918 fällt die rote Hochburg Tampere. In Tampere richten Weißgardisten ein Blutbad an und zerstören die Stadt. Am 14. April fällt Helsinki. 12.000 Soldaten des Generals von der Golz marschieren in die finnische Hauptstadt ein, und am 29. April erobern die Weißen nach tagelangen Kämpfen die letzte rote Stadt, Wiborg (Viipuri). Am 4. und 5. Mai sehen sich die Roten Garden von Lahti und Kotka gezwungen, den Kampf zu beenden. Im Laufe des Jahres werden 76.000 Revolutionäre wegen Landesverrats und Aufruhr verurteilt, eingesperrt und 265 von ihnen hingerichtet. In den finnischen Roten Garden kämpften ungewöhnlich viele Frauen, in Tampere stellten sie ein Drittel der Kämpfer. 8.500 Menschen fallen dem konterrevolutionären Terror unmittelbar zum Opfer. 12.000 Gefangene sterben im Gefolge von Hunger und Krankheiten in eilig errichteten Konzentrationslagern. Viele Rotgardisten flüchten über die Grenze nach Sowjetrussland oder auch in die USA. (Anfang der 1920er sind bis zu einem Drittel der Mitglieder der kommunistischen Partei der USA Finnen). Im Herbst beschließt das finnische Parlament mit seinen bürgerlichen Abgeordneten unter Ausschluss der Sozialdemokraten, einem neuen finnischen König, dem deutschen Prinzen Friedrich Karl von Hessen, die Macht des Zaren zu übertragen. Die deutsche Novemberrevolution vereitelt den Plan des Prinzen und zwingt die Finnen zur Wahl eines vorübergehenden Regenten und dann zur Etablierung einer Republik.

25. Mai                    Beginn der letzten deutschen Offensive an der Westfront.

27. Mai                    Streik der Bergarbeiter in den Gruben bei Kattowitz (Oberschlesien). Der Streik wird am 4. Juli wiederholt. 1.800 Arbeiter werden wegen Arbeitsverweigerung im militarisierten Betrieb zu 1 bis 2 Monaten Gefängnis verurteilt.

1. Juni                     Spartakusgruppe, Bremer Linke und linke Unabhängige beginnen illegal gedruckte Massenschriften von Lenin und anderen zu verbreiten, so „Die nächsten Aufgaben der Sowjetmacht“, „Sozialismus und Krieg“, „Der Kampf ums Brot“ usw. sowie an der Ostfront vielgelesene Flugblätter wie das über die deutsche Terrorherrschaft in der Ukraine „Der Galgenwald spricht“ und „Schlagt es tot, das Ungeheuer liegt im Sterben!“

9. Juni                     Der Verein deutscher Zeitungsverleger beklagt auf seiner Hauptversammlung in Berlin die neuesten Zensurbestimmungen, wonach das Erscheinen einer Tageszeitung über einen längeren Zeitraum verboten werden kann, falls die Zensurbehörde nur eine Nachricht als staatsfeindlich bemängelt.

24. Juni                   Der Staatssekretär des Auswärtigen Richard von Kühlmann (Außenminister) erklärt im Reichstag, dass durch rein militärische Entscheidungen das Kriegsende nicht herbeigeführt werden könne und Verhandlungen mit Großbritannien für einen Ausgleich erforderlich seien. Die Oberste Heeresleitung erzwingt daraufhin beim Kaiser von Kühlmanns Rücktritt. Ludendorff hat damit, auf der Höhe seiner Macht, den einzigen Staatsmann entfernt, der ihm hätte gefährlich werden können und der in der Besprechung am 13. Februar in Homburg der Aufkündigung des Waffenstillstandes mit Sowjetrussland widersprach. Von Kühlmanns Reichstagsrede sieht Ludendorff als Versuch eines innenpolitischen Machtkampfes an.

26. Juni                   Bis zum 24. Juli Streiks in verschiedenen Gruben Nieder- und Oberschlesiens; zeitweilig streiken etwa 13.500 Arbeiter.

29. Juni                   Die USA und Großbritannien nutzen die Situation des durch Bürgerkrieg und Weltkrieg geschwächten Russlands zur Gebietsannexion und um die bolschewistische Wirkungsmacht einzukreisen, zu bekämpfen und auszumerzen: Am 29. Juni Landung englischer Truppen in Murmansk. Zuvor sind bereits US-amerikanische Marinesoldaten eingetroffen. Nach schweren Gefechten verlassen die Interventen im Oktober die Stadt.

Das Generalkommando des deutschen V. Armeekorps berichtet über den “vergiftenden“ Einfluss der deutschen Ost-Truppen und ihrer Nachrichten aus Sowjetrussland auf das Heer. Es habe Schwierigkeiten gemacht, einige hundert Mann nach dem Westen zu transportieren, wo die Front gegen die Alliierten stabilisiert werden soll.

1. Juli                      Herabsetzung der Kartoffelration in Berlin von 7 auf 3 Pfund je Person und Woche. Der Verkauf zu horrenden Preisen im Schleichhandel, d. h. dem unerlaubten Handel mit offiziell rationierten Waren, wächst gewaltig an.

4. Juli                      Die im Juni noch einmal geänderte Wahlrechtsvorlage wird im preußischen Landtag am 4. Juli endgültig angenommen. Der Kompromiss für ein gleiches Wahlrecht soll das alte Drei-Klassen-Wahlrecht ablösen. Im kaiserlich-parlamentarischen Verlauf und entsprechend des Wahlgesetzes erfolgt die Weiterleitung an das Herrenhaus. Nach dessen Sommerferien ist der militärische Zusammenbruch Deutschlands offenkundig, General Ludendorff plötzlich für das allgemeine Wahlrecht ohne Kompromisse, und nach einem Appell der Obersten Heeresleitung nimmt das Herrenhaus im Oktober sofort das gleiche Wahlrecht an. Am 15. Oktober erklären sich dann die Landtagsfraktionen dafür, haben aber keine Gelegenheit, die notwendige Revision ihres ursprünglichen Kompromissentwurfs vorzunehmen – sie werden von der Revolution am 9. November weggefegt.

6. Juli                      Ermordung des deutschen Botschafters Wilhelm von Mirbach-Harff in Sowjetrussland durch den Sozialrevolutionär Jakow Blumkin. Aufstand der linken Sozialrevolutionäre in Moskau.

15. Juli                    Bis 17 Juli: die letzte deutsche Offensive im Westen scheitert (Marne, Champagne).

18. Juli                    Gegenoffensive der Alliierten an der Westfront unter Anwendung zahlreicher kettengetriebener Panzerfahrzeuge (Tanks), einer Waffe, die das deutsche Heer nicht hat, wodurch die deutschen Truppen in der Defensive sind.

Philipp Scheidemann muss in seinem Wahlkreis Solingen, wo er eine Rede hält, vor den empörten Arbeitern aus einer Massenversammlung durch ein Fenster flüchten. Die Forderung nach sofortigem Friedensschluss sprengt die Versammlung.

20. Juli                    Streik von etwa 7.400 Arbeitern im Ruhrgebiet.

22. Juli                    Geheimerlass des Kriegsministeriums an die Offiziere, gegen widersetzliche Soldaten von der Waffe Gebrauch zu machen. Es dürfe „vor Anwendung der Todesstrafe nicht zurückgeschreckt werden“.

22. Juli                    Bis 26. Juli: Streiks von Arbeitern in Rüstungsbetrieben des Ruhrgebiets, im Lugau-Oelsnitzer Kohlenrevier und in der Bergischen Stahlindustrie in Remscheid.

4. August                 Britische Truppen besetzen die zu Sowjetrussland gehörende erdölreiche kaspische Stadt Baku. (Vertreibung englischer u.a. ausländischer Truppen durch Sowjetkräfte erst 1920/21.)

8. August                 Ententetruppen durchbrechen die deutsche Westfront; die deutschen Truppen treten den Rückzug an.

12. August               Bis 25. August: Streiks im Ruhrbergbau auf vielen Schächten.

13. August               Ludendorff tritt im Kronrat für Fortsetzung des Krieges ein und fordert, dass an den bisherigen Eroberungszielen festgehalten werde.

14. August               Die Oberste Heeresleitung (OHL) erklärt intern die Fortführung des Krieges für aussichtslos. Sebastian Haffner schreibt in seinem Buch „Der Verrat“: „Ludendorffs festes Ziel war von dem Augenblick an, in dem er begann, die ‚Handhabung der Niederlage‘ zu planen: Die Armee muß gerettet werden - ihre Existenz und ihre Ehre. Um die Existenz der Armee zu retten, mußte der Waffenstillstand geschlossen werden – schleunigst, ohne jeden Verzug, möglichst schon morgen; jeder Tag konnte ja die militärische Katastrophe bringen. Um die Ehre der Armee zu retten, mußte das Waffenstillstandsgesuch von der Regierung ausgehen, nicht etwa von der Obersten Heeresleitung. Es mußte politisch motiviert werden, nicht militärisch. Aus dieser Zielsetzung ergaben sich drei Fragen: Wie war ein Waffenstillstandsgesuch politisch zu motivieren? Welche Regierung würde bereit sein, sich dazu herzugeben? Und wie konnte sichergestellt werden, daß der siegreiche Feind den erbetenen Waffenstillstand auch wirklich gewährte?“

30. August               Attentat auf Lenin durch die Sozialrevolutionärin Fanny Kaplan.

2. September           Die deutsche Presse veröffentlicht ein Schreiben des Kaisers an die Reichshauptstadt, in dem er zum Durchhalten und Durchkämpfen aufruft.

11. September         Andauern der Streiks. Parallel eine Propagandawelle, um die Stimmung zu heben: Wilhelm II. hält vor den Krupp-Arbeitern in Essen am 11. September eine Durchhalterede an das ganze deutsche Volk. Sie ist der Höhepunkt der Propaganda, Großaktion gegen den weiteren Verfall der Kampfmoral in Volk und Heer und wird in der deutschen Presse in vollem Wortlaut abgedruckt.

13. September         In Berlin erklärt Prinz Friedrich Karl von Hessen seine Bereitschaft, König von Finnland zu werden. Am 9. Oktober soll dazu in Helsinki gewählt werden.

14. September         Die österreichische Regierung gesteht ihre militärische Niederlage ein und macht den Alliierten ein Friedensangebot.

15. September         Die bulgarische Front beginnt zusammenzubrechen. Die bulgarisch-deutschen Truppen ziehen sich zurück.

21. September         General Ludendorff/Oberste Heeresleitung gibt bei einer Besprechung, aufgefordert durch die Reichsregierung, zu, dass die deutsche Armee den Krieg verloren hat und Deutschland schnell um Frieden bitten müsse, sollen die deutschen Fronten nicht in Kürze durchbrochen werden.

23. September         Reichstagsfraktion und Parteiausschuss der SPD sprechen sich (mit 80 gegen 21 Stimmen) grundsätzlich für den Eintritt in eine neue Reichsregierung unter der Bedingung der Einführung des parlamentarischen Systems und des allgemeinen, gleichen, geheimen und direkten Wahlrechts für alle deutschen Bundesstaaten aus. Die Abschaffung der Monarchie wird dabei nicht gefordert.

25. September         Die bulgarische Armee meutert.

28. September         General Ludendorff bittet den überraschten Reichskanzler Graf Hertling ins große Hauptquartier und informiert ihn darüber, dass die Oberste Heeresleitung zu der Ansicht gelangt sei, den Übergang zur parlamentarischen Regierungsform in die Wege zu leiten, womit sie eine Forderung der Mehrheitsparteien im Reichstag aufgreife.

Am Nachmittag macht Ludendorff seinen Chef Generalfeldmarschall von Hindenburg mit seinen Plänen zu einem Friedens- und Waffenstillstandsangebot bekannt, denen dieser zustimmt.

29. September         Das Zarentum Bulgarien kapituliert als erste der vier Mittelmächte, die mit Deutschland verbunden sind. In Thessaloniki unterzeichnet Bulgarien den Waffenstillstand mit der Entente. Nach der Niederlage dankt Zar Ferdinand I. (Dynastie der Wettiner) zu Gunsten seines Sohnes Boris III. ab. Die Donaumonarchie beginnt sich aufzulösen.

General Ludendorff erörtert seinen Friedens- und Waffenstillstandsplan mit dem Staatssekretär des Auswärtigen (Außenminister), Admiral Paul von Hintze. Mit Hinweis auf einen möglicherweise unmittelbar bevorstehenden Zusammenbruch der deutschen Westfront überzeugt er Hintze. Der wiederum regt einen Verfassungsumbau an, gleichsam eine Revolution von oben zur Rettung der Monarchie und zur Verhinderung einer befürchteten Revolution von unten. Damit wird ein Waffenstillstandsgesuch vollständig auf die dann neuen Männer im Parlament abgeschoben. Dem stimmt auch Hindenburg zu. Hintze informiert Reichskanzler Graf Hertling über die erforderliche Parlamentarisierung der Regierung. „Graf Hertling, der mit dem Entschluß angekommen war, vom Kaiser seinen Abschied zu erbitten, trat bei den weiteren Besprechungen nicht mehr in Tätigkeit.“ Gegen 16 Uhr, im Rahmen der Krisensitzung des Kronrates, trugen Hindenburg und Hintze ihre Ansichten dem Kaiser vor, der die Umbildung der Regierung und die Bitte um Waffenstillstand durch die Regierung genehmigte.

30. September         Erlass Wilhelm II., beschrieben von Karl Helfferich: „… in dem der Kaiser den Rücktritt des Reichskanzlers genehmigte und dann fortfuhr: ‚Ich wünsche, daß das deutsche Volk wirksamer als bisher an der Bestimmung der Geschicke des Vaterlandes mitarbeite. Es ist daher mein Wille, daß Männer, die vom Vertrauen des Volkes getragen sind, in weiterem Umfang teilnehmen, an den Rechten und Pflichten der Regierung.“

Mit dem Erlass trägt der Kaiser der die Monarchie rettenden Idee Ludendorffs, d.h. der Forderung der Obersten Heeresleitung vom 29. September nach Einführung des parlamentarischen Regimes Rechnung.

1. Oktober               Ludendorff und Hindenburg verlangen erneut dringend ein sofortiges Friedensangebot. Ludendorff telegrafiert: Heute halte die Truppe noch. Was morgen geschehen könne, sei nicht vorauszusehen.

Das Wolffsche Telegraphenbüro veröffentlicht Hindenburgs Appell an das deutsche Volk: „Es geht jetzt um unsere Ehre, Freiheit und Zukunft. Unüberwindlich sind wir, wenn wir einig sind. Ein Jeder sehe in dem Anderen nur den deutschen Kameraden! Ungebrochen schützt seit mehr als 50 Monaten unser Heer den heimatlichen Boden. Stark, opferbereit und geschlossen muß die Heimat hinter dem Heere stehen. Ist es so, dann wird unser deutsches Vaterland allen Stürmen trotzen.“

In der Öffentlichkeit mehren sich die Stimmen, die die Abdankung Kaiser Wilhelm II. fordern.

3. Oktober               Prinz Max von Baden wird Reichskanzler und löst Graf Hertling ab. Mit einer Note an US-Präsident Wilson bittet er um Vermittlung für Waffenstillstandsverhandlungen. Als Grundlage für die Verhandlungen akzeptiert er Wilsons 14 Punkte vom 8. Januar.

Zar Ferdinand von Bulgarien (aus der Linie Coburg) dankt ab. Österreich verweigert ihm Asyl. Er flieht in das deutsche Coburg. In Bulgarien wird die Volksregierung ausgerufen.

4. Oktober               Bildung einer neuen Regierung durch Max v. Baden auf parlamentarischer Grundlage, in die Philipp Scheidemann (SPD-Vorsitzender) und Gustav Bauer (2. Vorsitzender der Gewerkschaften Deutschlands) als Staatssekretäre sowie Gröber, Erzberger (Zentrum), Haußmann (Freisinniger) u. a. eintreten. Der “Spartakus“ Nr. 12 vom Oktober 1918 dazu: „Die Scheidemann und Bauer, die jetzt mit einem Kuß auf die Hand der deutschen Monarchie beginnen, werden noch mit blauen Bohnen gegen streikende und demonstrierende deutsche Arbeiter enden.“

7. Oktober               Reichskonferenz der Spartakusgruppe. Aufruf zur Revolution und zur Bildung von Arbeiter- und Soldatenräten und mit einer Solidaritätserklärung an die Bolschewiki. Ein Programm zur Durchführung der Volksrevolution wird entwickelt. Aus den Forderungen zum Aufruf: 1. Unverzügliche Freilassung all derer, die für die Sache des Proletariats in den Gefängnissen und Zuchthäusern schmachten. 2. Sofortige Aufhebung des Belagerungszustandes. 3. Sofortige Aufhebung des Hilfsdienstgesetzes. Darüber hinaus: 1. Annullierung sämtlicher Kriegsanleihen ohne Entschädigung. 2. Enteignung des gesamten Bankkapitals, der Bergwerke und Hütten; wesentliche Verkürzung der Arbeitszeit, Festsetzung von Mindestlöhnen. 3. Enteignung alles Groß- und Mittelgrundbesitzes; Übergabe der Leitung der Produktion an Delegierte der Landarbeiter und Kleinbauern. 4. Durchgreifende Umgestaltung des Heerwesens. 5. Abschaffung der Todes- und Zuchthausstrafe für politische und militärische Vergehen. 6. Übergabe der Lebensmittelverteilung an Vertrauensleute der Arbeiter. 7. Abschaffung der Einzelstaaten und Dynastien. (Belagerungszustand bedeutet Kriegszustand im innerstaatlichen Bereich bei Gefährdung der Staatssicherheit; Militär übernimmt Staatsgewalt über Zivilbevölkerung. Hilfsdienstgesetz ist die gesetzliche Verpflichtung zur Arbeit in der Rüstungsindustrie oder in kriegswichtigen Betrieben.)

Der Industrielle Walther Rathenau (Präsident Elektrokonzern AEG) fordert in der Morgenausgabe der „Vossischen Zeitung“ „die Erhebung des Volkes“ gegen Gebietsforderungen („Verkürzung deutschen Lebensraumes“) in den 14 Punkten des US-Präsidenten Wilson. „Die verfrühte Bitte um einen Waffenstillstand war ein Fehler. Das Land ist ungebrochen, seine Mittel unerschöpft, seine Menschen unermüdet. Wir sind gewichen, aber nicht geschlagen.“ Es sei ein unabhängiges Verteidigungsamt aus Bürgern und Soldaten zu schaffen, das gesunde Alte sowie alle Urlauber und von der Front entlassenen u. a. Waffenträger dahin zurückschickt.

8. Oktober               Wilson antwortet: Ein Waffenstillstand sei unmöglich, solange deutsche Heere im Westen auf fremdem Boden stehen.

9. Oktober               Zusammenkunft einer Anzahl von Industriellen im „Stahlhof“ zu Düsseldorf. Gegenstand der Beratungen: Wie kann die drohende Revolution verhindert werden? Dr. Reichert (Geschäftsführer des Vereins Deutscher Eisen- und Stahlindustrieller) schreibt dazu: „Einen überragenden Einfluß schien die organisierte Arbeiterschaft zu haben. Daraus zog man den Schluß: Inmitten der allgemeinen großen Unsicherheit, angesichts der wankenden Macht des Staates und der Regierung, gibt es für die Industrie nur auf Seiten der Arbeiterschaft starke Bundesgenossen, das sind die Gewerkschaften ... Wenn in dieser großen Masse der organisierten Arbeitnehmer der Gedanke der Zusammengehörigkeit, der Solidarität mit den Unternehmern für die großen wirtschaftspolitischen Fragen erweckt werden kann, dann - so schien es - ist ein Weg vorhanden, auf dem man künftig zum Besten der deutschen Industrie weitergehen kann, dann ist eine Aussicht auf Rettung.“

11. Oktober             Lenin schreibt in der „Prawda“: „Das größte Unglück und die größte Gefahr für Europa bestehen darin, das es dort keine revolutionäre Partei gibt.“

12. Oktober             Deutsche Note an Wilson nimmt Räumungsforderung an.

Zur Beruhigung der Massen erlässt Kaiser Wilhelm II. eine Amnestie für alle politischen Gefangenen im Deutschen Reich, wodurch auch Karl Liebknecht am 23. Oktober 1918 frei kommt, nicht jedoch Rosa Luxemburg, die erst durch die Revolution befreit wird.

14. Oktober             Wilson antwortet Deutschland: Keine Verhandlungen mit den alten autokratischen Gewalten.

15. Oktober             Änderung der deutschen Verfassung: Kriegserklärung und Friedensschluss sollen künftig nur mit Zustimmung des Bundesrates und des Reichstages erfolgen.

16. Oktober             Friedensdemonstration von 5.000 bis 6.000 Berliner Arbeitern vor dem Reichstag und der sowjetischen Botschaft unter den Rufen: Nieder mit dem Krieg! Nieder mit der Regierung! Hoch Liebknecht! Die bürgerliche Presse spricht von schreiender und johlender Menge.

17. Oktober             Regierung und Oberste Heeresleitung erörtern die Wilson-Note, in der die Einstellung des U-Boot-Krieges und die Räumung besetzter Gebiete gefordert werden. Ludendorff schwenkt jetzt um, nachdem er und die Oberste Heeresleitung den Reichskanzler Anfang Oktober gedrängt hatten, Waffenstillstand zu erbitten. In der Sitzung des Kriegskabinetts am 17. Oktober tritt er für die Fortsetzung des Krieges ein. Es müsse versucht werden, das Volk hochzureißen. Ludendorff: „Kann das nicht Herr Ebert tun? Es muß gelingen“, so Max von Baden in seinen Erinnerungen. Unter Leitung des Reichskanzlers Max von Baden wird beraten, ob der Krieg im nächsten Jahr unter besseren Bedingungen beendet werden kann, wozu die Westfront zu stabilisieren sei. Erwogen wird, Truppen für die Westfront von der Ostfront unter Preisgabe der okkupierten Ukraine abzuziehen. Kriegsminister General Schëuch verpflichtet sich, 600.000 Mann Nachschub zu liefern.

Gustav Bauer (Gewerkschaftsführer und Staatssekretär) schreibt im sozialdemokratischen „Vorwärts“ zur neunten Kriegsanleihe: „Es komme, wie es wolle, die Kriegsanleihe ist gesichert! Dafür wird Reichstag und Regierung sorgen.“

Aufruf des Vorstandes der SPD "An Deutschlands Männer und Frauen!": „Deutschland auf dem Wege vom Obrigkeitsstaat zum Volksstaat ... Deutschland und das deutsche Volk ist in Gefahr, das Opfer der Eroberungssucht englisch-französischer Chauvinisten und Eroberungspolitiker zu werden … Was wir am 4. August 1914 erklärt haben: 'In der Stunde der Gefahr lassen wir unser Vaterland nicht im Stich', gilt heute in verstärktem Maße. Mit einem Frieden der Vergewaltigung, der Demütigung und der Verletzung seiner Lebensinteressen wird sich das deutsche Volk nie und nimmer abfinden … Um das entsetzliche Morden zu beenden, hat die neue Regierung schnellstens einen Waffenstillstand angeboten und sich bereit erklärt zu einem Frieden des Rechts und der Völkerversöhnung ... Schon regen sich gegen diese friedliche Revolution die dunkeln Mächte der Gegenrevolution: Jene alldeutsch-konservativ-schwerindustriellen Eroberungs- und Interessenpolitiker, jene chauvinistischen Demagogen und Phantasten ... Auch alle jene Treibereien durch bolschewistische Revolutionsphrasen ..., die die Arbeiter zu jetzt sinn- und zwecklosen Demonstrationen gegen die Regierung aufzuputschen versuchen, erschweren den Frieden und die Demokratisierung Deutschlands und arbeiten, wenn vielleicht auch ungewollt, den alldeutschen Kriegstreibern und Feinden der Demokratie in die Hände. ... Nicht durch die Herbeiführung eines bolschewistischen Chaos, durch Entfesselung des Bürgerkrieges … kann die innere Erneuerung Deutschlands erfolgen. Nein, wie die berufenen Vertreter der Sozialdemokratischen Partei immer erklärt haben, im Wege friedlicher Umwälzung wollen wir unser Staatswesen zur Demokratie und das Wirtschaftsleben zum Sozialismus überleiten."

18. Oktober             Brief Lenins an die Spartakusgruppe, in dem er deren und der Bremer Linksradikalen Förderung der Arbeiter- und Soldatenräte in Deutschland begrüßt und die Hoffnung auf den Sieg der proletarischen Revolution in Deutschland zum Ausdruck bringt.

Beginn von (bisher immer grundsätzlich abgelehnten) Verhandlungen zwischen Bergwerksbesitzern und Gewerkschaftsvertretern. Der Zechenverband erkennt die vier Gewerkschaften der Bergarbeiter nun als Vertreter an.

Der Vorstand der SPD veröffentlicht im „Vorwärts“ einen Aufruf an das deutsche Volk, in dem zum Durchhalten bis zum Friedensschluss aufgerufen und auf anschließende friedliche Schaffung einer demokratischen Ordnung orientiert wird.

19. Oktober             Der preußische Innenminister Wilhelm Drews fordert in einer Mitteilung an Reichskanzler Max von Baden, die Sowjetbotschaft aus Deutschland zu entfernen. Nur so könne dem „hetzerischen Treiben“ Abhilfe geschaffen werden.

20. Oktober             Hindenburg wie Ludendorff treten für die Fortsetzung des verlorenen Krieges ein.

Dritte deutsche Antwortnote an Wilson: Die deutsche Regierung erklärt sich zur Einstellung des U-Boot-Krieges bereit.

22. Oktober             Geheimer Angriffsbefehl des Stabschefs der Seekriegsleitung Admiral Scheer an das Flottenkommando in Wilhelmshaven zum Angriff der deutschen Hochseeflotte auf die englische Flotte. Der Operationsbefehl wird am 27. Oktober durch die Seekriegsleitung bestätigt.

Mobilisierung des Jahrgangs 1900, Einberufung der letzten Reserven in Deutschland, so der sogenannten Reklamierten, d. h. vom Kriegsdienst, z. B. wegen kriegswichtiger Produktion, freigestellten Männer.

23. Oktober             Karl Liebknecht wird aus dem Zuchthaus Luckau entlassen. Tausende empfangen ihn im Anhalter Bahnhof in Berlin. Bahnsteigkarten sind schnell ausverkauft, es werden Billets nach Groß-Lichterfelde für 30 Pfennig gelöst, um an die Gleise zu kommen, und der Rest der Menge durchbricht die Polizeiketten.

Wilson antwortet auf die dritte deutsche Note vom 20. Oktober: Zustimmung zu Waffenstillstandsverhandlungen, wenn jede zu treffende Vereinbarung erzwingbar und eine Erneuerung deutscher Feindseligkeiten unmöglich, und nur mit den „echten Vertretern des deutschen Volkes“, nicht mit den „militärischen Beherrschern und monarchischen Autokraten“. Ansonsten „nicht Friedensverhandlungen, sondern Übergabe“.

24. Oktober             Ohne die Entscheidung über die vortägige Wilson-Note durch die Regierung abzuwarten verfügt General Ludendorff in einem Armeebefehl: Wilsons Bedingungen sind „für uns Soldaten unannehmbar“, „Widerstand mit äußersten Kräften fortsetzen“.

Das Preußische Herrenhaus, eine Kammer „historisch berechtigter Obrigkeiten“, vor allem grundbesitzender Adel, Standesherren etc., nimmt eine beschränkte Wahlrechtsvorlage über die „Reform“ des Wahlrechts an. In das Herrenhaus sollen nun 16 Arbeitervertreter aufgenommen werden. Damit endet das Dreiklassenwahlrecht mit seinem, in drei Klassen/Abteilungen abgestuften Stimmrecht, gewichtet nach persönlicher Steuerleistung. (1845 z. B. konnte Krupp allein mit seiner Steuerzahlermacht ein Drittel der Stadtratsmitglieder in Essen bestimmen.)

Die liberale, Bankenkreisen nahestehende „Frankfurter Zeitung“ meint in ihrem Leitartikel, der Kaiser „hat sicherlich nicht auf den großen Krieg gesteuert, in den man schließlich mehr hineingerutscht, als gegangen ist … Weite Kreise lassen keinen Zweifel darüber, daß sie es dankbar empfunden hätten, wenn er bei der radikalen Umwandlung der inneren und äußeren Politik, welche eingeleitet ist, persönliche Konsequenzen gezogen hätte … Im Übrigen ist die Lage so, daß das Volk das alte Regime bis zum Halse satt hat …“

25. Oktober             Die Abdankung Wilhelms II. wird öffentlich diskutiert.

Der Parteivorstand der USPD bietet Liebknecht einen Sitz im Parteivorstand an; Liebknecht stellt (nicht angenommene) Bedingungen: Sofortige Einberufung eines Parteitages, auf dem Programm und Taktik im Sinne der Spartakusgruppe geändert und eine diese Änderung sichernde Leitung gewählt wird.

Beginn der Revolution in Ungarn: Neben der Militärregierung Gründung eines Nationalrates mit zwei bürgerlich-demokratischen und der sozialdemokratischen Partei. Forderungen an den Nationalrat, u. a.: Sofortige Beendigung des Krieges, vollständige Unabhängigkeit von Österreich nach 400jähriger Fremdherrschaft, demokratische Reformen, allgemeines Wahlrecht, politische Amnestie, Agrarreform und spürbare Verbesserung der Lebenslage. Dem Nationalrat schließen sich in der Folge auch Vertreter der reaktionären Geistlichkeit, Aristokraten, Großkapitalisten und hohe Militärs an.

26. Oktober             Reichspräsident von Hindenburg und General Ludendorff zur Audienz beim Kaiser: Entlassung Ludendorffs entsprechend der Intervention des Reichskanzlers, Max von Baden. Ausschlag gibt Ludendorffs eigenmächtiger Armeebefehl vom 24. Oktober. Der Kaiser erklärt ihm, das Vertrauen zu ihm verloren zu haben. Nachfolger wird am 27. Oktober General Wilhelm Groener.

Die Mitglieder der Spartakusgruppe Karl Liebknecht und der am selben Tage aus holländischem Exil zurückgekehrte Wilhelm Pieck nehmen zum ersten Mal an einer Sitzung des konspirativ arbeitenden Kreises der revolutionären (Betriebs-)Obleute teil, den Organisatoren der großen Massenstreiks. Beschluss: Erweiterung dieses Kreises durch Arbeitervertrauensleute der Spartakusgruppe und Aufnahme von Liebknecht, Pick und Ernst Mayer in den Vollzugsausschuss der revolutionären Obleute. Liebknecht und Pieck drängen bei dieser Sitzung vergeblich auf Aktionen, Demonstrationen und (ab 2. November) zum Losschlagen. „Nach Meinung Liebknechts und der anderen Spartakusleute mußte die Arbeiterschaft ständig in Aktionen, ständig in Kampfhandlungen gehalten werden. Demonstrationen, Streiks, Zusammenstöße mit der Polizei sollten den revolutionären Elan der Masse anfachen und bis zur Revolution steigern.“ Die revolutionären Obleute lehnen diese Kampfmethoden mit Hinweis darauf ab, dass die für einen Übergang zu „revolutionärer Tatbereitschaft“ zwingend zu beachtende historische Gewordenheit der deutschen Arbeiterklasse außer Acht gelassen wird. Die deutsche Arbeiterschaft ist stark geworden im „organisierten systematischen Tageskampf“ und geprägt durch „demokratisch-reformistische Ideologie“, so der Leiter der revolutionären Obleute Richard Müller.

Gegen die Stimmen der Konservativen, aber mit Zustimmung des Kaisers wird die Reichsverfassung in einigen Punkten geändert: Der Reichskanzler ist jetzt dem Reichstag verantwortlich, und dort sind Kriegserklärungen und Friedensschluss künftig zustimmungspflichtig. Die Militärgewalten sind wieder der Zivilregierung unterstellt.

Vom 26. bis 27. Oktober findet in Berlin der Gründungskongress der Freien Sozialistischen Jugend statt; ein Redner ist Karl Liebknecht. (Marxistisch orientierter Arbeiter-Jugendverband; Herausgeber der „Jungen Garde“.)

27. Oktober             Die Seekriegsleitung bestätigt den Operationsbefehl Nr. 19 des Flottenkommandos (geheimer Flottenbefehl zum Angriff auf England); Vorbereitungen zum Auslaufen werden getroffen.

28. Oktober             Wilhelm II. überträgt formell durch die „Gesetze zur Abänderung der Reichsverfassung“ dem Reichstag Machtbefugnisse, die am 25. und 26. Oktober im Reichstag verhandelt wurden. Das Deutsche Reich wird so für kurze Zeit eine parlamentarisch-konstitutionelle Monarchie. Die Entscheidung über Krieg und Frieden liegt nunmehr beim Reichstag, dem damit theoretisch auch die Oberste Heeresleitung untersteht.

28. Oktober             Am 28. Oktober wird der Befehl zum Auslaufen der Flotte gegen England erteilt. Die Seekriegsleitung und ihr Chef, Konter-Admiral von Levetzow, wollen nach der Entscheidung von Regierung und Kronrat, für einen erträglichen Frieden den U-Boot-Krieg einzustellen, hinter deren Rücken die gesamte Hochseeflotte in eine riesige Schlacht gegen England führen. Die vor allem zur Sicherung der Ehre und Existenz der zukünftigen deutschen Marine geplante Aktion wird verhindert. In der Nacht vom 29. zum 30. Oktober unterbinden Heizer auf der Schillig-Reede vor Wilhelmshaven die von Admiral Scheer der Hochseeflotte befohlene Ausfahrt zur Entscheidungsschlacht gegen England. Ein Teil der Matrosen verweigert den Gehorsam. Sie gehen davon aus, dass die deutsche Flotte versenkt werden soll, um bei Waffenstillstandsverhandlungen nicht übergeben werden zu müssen. In der Folge werden Matrosenräte gebildet und die rote Flagge gehisst. Auch der Plan der Admiralität, U-Boote und nicht betroffene Großkampfschiffe gegen England zu senden, scheitert, da weitere Besatzungen sich verweigern. Über 1.000 Matrosen und Heizer werden verhaftet – ihnen droht standrechtliche Erschießung. Nach der Verhaftung kommt es zur Erhebung nahezu aller Schiffsbesatzungen, Dockarbeiter und Heeressoldaten in den Küstenstädten.

Die Regierung erkennt mit der vierten deutschen Note an Wilson die Waffenstillstandsbedingungen an.

29. Oktober             Wilhelm II. verlässt Berlin und begibt sich in das Große Hauptquartier nach Spa in Belgien.

Massendemonstration in Stuttgart.

31. Oktober             Bei Metz meutert eine Landwehrdivision.

Der „Vorwärts“, das Organ der Mehrheits-SPD, fordert den Rücktritt von Kaiser Wilhelm II.

In Wien kommt es zu großen antimonarchischen Demonstrationen.

1. November            Aufruf der Spartakusgruppe zur Vorbereitung des bewaffneten Aufstandes.

Beginn planmäßiger Arbeit der Führung der SPD in den Kasernen und bei den Fronttruppen mit dem Ziel, die Soldatenräte zu vereinnahmen.

In Sachsen treten Julius Fräßdorf (SPD) und Max Heldt (SPD) in die bürgerliche Regierung ein. Sie werden vom sächsischen König Friedrich August III. zu königlich-sächsischen Staatsministern ohne Portefeuille ernannt.

2. November            Matrosenversammlung in Kiel verboten.

Wilhelm II. lehnt mit Unterstützung Hindenburgs und dessen neuen Stellvertreters in der Obersten Heeresleitung Groener seine Abdankung ab.

Der Vollzugsausschuß der revolutionären Obleute Berlins beschließt den Aufstand für den 4. November, das Plenum lehnt jedoch Aktionen wegen Unsicherheit über das Bestehen einer revolutionären Situation für die nächsten Tage ab.

3. November           Demonstrationen in München. Die Freilassung politischer Gefangener wird erzwungen.

In Magdeburg demonstrieren 50.000 Arbeiter, Frauen und Soldaten, organisiert von USPD, SPD und Spartakisten, nach einer Kundgebung gegen den Krieg in die Innenstadt.

Gründung der Kommunistischen Partei Österreichs.

Der sozialdemokratische „Vorwärts“ schreibt: „Wenn durch namenlose Flugzettel oder durch kleine Gruppen der Ruf ergeht, die Betriebe zu verlassen und auf die Straße zu gehen, so gebietet die Disziplin der Organisation, ihnen nicht Folge zu leisten.“

In Kiel Demonstration und Kundgebung von mehreren tausend Matrosen, Soldaten und Männern und Frauen aus der Arbeiterschaft zur Befreiung inhaftierter Meuterer aus der Marine-Arrestanstalt Feldstraße in der Waldwiesenkaserne und mit Forderungen nach Beendigung des Krieges, nach Frieden und Brot. Die Demonstration wird in der Karlstraße von der Patrouille unter Befehl des Leutnants der Reserve Oskar Steinhäuser beschossen. 8 Tote und 29 Schwerverletzte, worauf sich die Soldaten der örtlichen Garnison der Erhebung anschließen. Das Blutbad löst den bewaffneten Aufstand auf. Beginn der Novemberrevolution.

Kieler Matrosen erreichen Rostock, Wismar und Schwerin und berichten.

4. November            Die Erhebung umfasst am 4. November in Kiel bereits 20.000 Matrosen und wächst auf 40.000 an. Auf Schiffen und in Kasernen werden Offiziere entwaffnet, Gefangene, darunter die Inhaftierten des Matrosenaufstandes vom 29. Oktober, befreit, Soldatenräte gewählt, die u. a. die Beendigung des Krieges und die Abdankung des Kaisers verlangen. Arbeiter schließen sich an und bilden Arbeiterräte. Die militärische und zivile Macht befindet sich in den Händen der Aufständischen. Die Revolution aus der Provinz ist das spontane Werk der Arbeiter und Soldaten; sie hat zunächst keine Organisation und keinen Führer. Die Regierung schickt den SPD-Reichstagsabgeordneten Gustav Noske und Staatssekretär Conrad Haußmann zur Erdrosselung des Aufstandes nach Kiel: „Ich habe mit der Möglichkeit einer Abdrosselung der Kieler Bewegung ganz ernsthaft nach zwei Tagen gerechnet. Ich stand unter dem Eindruck, daß bloß in Kiel ein Unglück passiert sei, und versuchte abzuwiegeln.“ So Noske im Dolchstoßprozess später. Noske und Haußmann können die Bewegung nicht mehr aufhalten, jedoch gelingt es Noske, sich an ihre Spitze zu setzen. Er wird Gouverneur von Kiel.

Demonstration in Stuttgart, Bildung eines Arbeiter- und Soldatenrates.

In der SPD-Zeitung „Vorwärts“ veröffentlicht der Parteivorstand der SPD als Aufruf eine Warnung, sich Streiks und Demonstrationen anzuschließen.

60 kaiserliche Schlösser werden auf Befehl Wilhelms II. in Lazarette umgewandelt.

Im Bahnhof Friedrichstraße in Berlin wird eine der Kurierpostkisten der Sowjetbotschaft durch Gepäckträger (absichtlich) beschädigt, wobei Flugblätter der Spartakusgruppe mit einem revolutionären Aufruf und andere Schriften mit empfohlenen Kampfmethoden herausfallen. Urheber dieser Provokation ist, wie durch seine Memoiren 1928 bekannt wurde, der SPD-Staatssekretär ohne Portefeuille Philipp Scheidemann bzw. als sein Ideengeber der Leiter des Russlandreferats im Auswärtigen Amt, Geheimrat Nadolny. Die Flugblätter waren von der Polizei in die Kurierpost lanciert worden.

Die ersten revolutionären Matrosen aus Kiel treffen in Hamburg ein.

Ohne von den Ereignissen in Kiel an diesem Tage zu wissen, beschließt eine Gruppe revolutionärer Obleute für den 11. November den Putsch in Berlin. Die Gruppe hatte sich mit der Organisierung der vergangenen Massenstreiks unter den Streikführern gebildet, die konspirativ nun seit Wochen die Revolution als Handstreich auf die Regierungszentren plant.

5. November            In Hamburg solidarisieren sich Soldaten und Arbeiter und rufen den Generalstreik aus. Matrosen besetzen Hauptbahnhof, Elbtunnel, Kasernen und Kriegsschiffe. Auf einer Kundgebung ruft Wilhelm Dittmann (USPD) zur Errichtung der sozialistischen Republik auf. Soldaten und Matrosen übernehmen die militärische Kontrolle. Von hier greift die Bewegung nach Bremen und Lübeck über.

Abbruch der diplomatischen Beziehungen zu Sowjetrussland. Die sowjetische Botschaft wird binnen 24 Stunden ausgewiesen und das deutsche Botschaftspersonal aus Russland zurückgerufen. Vorwand ist das Auffinden von revolutionärem Propagandamaterial am 4. November, als deutsche Provokation dafür in sowjetische Kurierpost untergeschoben.

6. November            In Bremen treten die Arbeiter in den Generalstreik und die bürgerliche Stadtregierung beschließt schnell das allgemeine, gleiche und direkte Wahlrecht. Auch in Lübeck übernehmen Arbeiter und Soldaten die öffentliche Gewalt ohne Widerstand. Ein Arbeiter- und Soldatenrat aus USPD und Linksradikalen wird gebildet.

Bildung eines Arbeiter- und Soldatenrats im sächsischen Großenhain.

In Schwerin besetzen revolutionäre Soldaten das Arsenal (Waffendepot) sowie Post- und Telegrafenamt. Ein Arbeiter- und Soldatenrat wird gebildet.

Im Großherzogtum Oldenburg konstituiert sich nach Matrosendemonstrationen in Wilhelmshaven/Rüstringen ein Soldatenrat als 21er Rat.

Aufruf des Parteivorstandes der SPD: „Folgt nicht den Parolen kleiner Gruppen und unbekannter Drahtzieher… keine russischen Zustände, sondern das Ganze geschlossen vorwärts, zu den Zielen der Demokratie und des Sozialismus.“

Prinz Max von Baden berichtet in seinen Erinnerungen über eine Beratung der Kaiserfrage mit den Führern der SPD, General Groener/Oberste Heeresleitung und anderen am 6. November: „Ebert sprach zuerst: … Daher sei die Abdankung des Kaisers, wenn man den Übergang der Massen in das Lager der Revolutionäre verhindern wolle, notwendig. Er schlug vor, daß der Kaiser spätestens morgen seine Abdankung bekanntgebe und einen seiner Söhne, Oskar oder Eitel Friedrich, mit seiner Vertretung beauftrage. Der Kronprinz sei jetzt unmöglich, da er bei den Massen zu verhaßt sei.“ Scheidemann Jahre später im Dolchstoßprozess 1925 zu diesem Thema: „Man soll die alberne Unterstellung unterlassen, wir hätten eine Revolution gewollt und vorbereitet.“

Prinz Max von Baden telefoniert mit Wilhelm II. im Großen Hauptquartier und schlägt ihm vor, abzudanken und seinem Enkel die Regentschaft zu übertragen. „Mit Hilfe der Sozialisten wäre die Lage auf diese Art noch zu retten, sonst kommt die Republik.“ Kaiser Wilhelm II. antwortet: „Unsinn! Die Truppe steht zu mir. Morgen marschieren wir gegen die Heimat.“

Die Revolutionären Obleute Berlins beschließen in ihrer Sitzung in der alten Sozialistenkneipe „Musik-Fuchs“ in der Jostystraße, den Aufstand ab dem 11. November auszurufen. Liebknechts Antrag, den Aufstand am 8. November zu beginnen, wird abgelehnt.

7. November            Revolution und Bildung von Arbeiterräten in Lehe, Geestemüde, Schwerin, Hannover, Schleswig, Oldenburg, Lüneburg, Frankfurt (Main), München, Wilhelmshaven.

60.000 Menschen versammeln sich auf der Münchner Theresienwiese auf der Kundgebung von Kurt Eisner (USPD), Erhard Auer (SPD) und zehn weiteren Rednern. Gefordert werden die Abdankung des Kaisers, sofortiger Friedensschluss und Einführung des Achtstundentages. Kasernierte Truppen schließen sich an. Noch in der Nacht zum 8. November ruft Eisner den Freistaat Bayern (frei von Monarchie) aus; der Berliner Journalist und Theaterkritiker Eisner wird vom Münchner Arbeiter- und Soldatenrat in seiner ersten Sitzung im „Mathäserbräu“ zum Ministerpräsidenten gewählt und ein Kabinett aus USPD- und SPD-Mitgliedern gebildet. Die Dynastie der Wittelsbacher wird für abgesetzt erklärt. König Ludwig III. entbindet sodann die bayerischen Beamten, Offiziere und Soldaten von Schloss Anif bei Salzburg aus, wohin er sich geflüchtet hatte, am 12. November von ihrem Treueeid. Der Eisenbahn- und Nachrichtenverkehr zwischen Berlin und dem kaiserlichen Oberkommando wird gesperrt, Großbetriebe werden militärisch besetzt.

In Berlin wird der Polizeipräsident von Oppen vom Oberkommandierenden in den Marken und Gouverneur von Berlin angewiesen, fünf geplante Versammlungen der USPD zum Jahrestag der Oktoberrevolution zu verbieten. Das repressive Gebaren von Polizei und Militär erregt die Stimmung in der Hauptstadt zusätzlich. Die Führung der SPD fürchtet, die Massen könnten ihr entgleiten. Das Oberkommando mobilisiert alle im Urlaub befindlichen Offiziere. Sämtliche Offiziere sind angewiesen, sich auf der Straße mit geladen untergeschnallter Pistole zu bewegen.

Die SPD-Reichstagsfraktion und der SPD-Parteivorstand fordern ultimativ bis zum Mittag des nächsten Tages die Abdankung Wilhelms II. und den Thronverzicht des Kronprinzen. Eine Forderung, wonach eine Republik zu schaffen sei, gibt es nicht. Gefordert werden jedoch „die Verstärkung des sozialdemokratischen Einflusses in der Regierung“ sowie die äußerste Zurückhaltung von Polizei und Militär sowie die Aufhebung des Verbots der USPD-Versammlungen. Bei Nichterfüllung wird der Austritt der Sozialdemokratie aus der Regierung angedroht. Max von Baden bittet um Zurücknahme des Ultimatums. Dazu sagt Ebert: „Heute abend sind 26 Versammlungen, verkünden wir da nicht das Ultimatum, läuft uns die ganze Gesellschaft zu den Unabhängigen.“ Unter dem Vorwand, den zu schließenden Waffenstillstand für die Beendigung des Krieges nicht zu gefährden, bleiben die SPD-Mitglieder nach Ablauf ihres Ultimatums am 8. November abends weiter in der Regierung und verzichten vorerst auf Abdankungsforderungen.

Nach Aufzeichnungen des Reichskanzlers Max von Baden erklärte Ebert ihm am 7. November vormittags im Garten der Reichskanzlei: „Wenn der Kaiser nicht abdankt, dann ist die soziale Revolution unvermeidlich. Ich aber will sie nicht, ja, ich hasse sie wie die Sünde.“

Der Berliner Oberbefehlshaber Generaloberst von Linsingen verbietet die Revolution nun auch mit einer Bekanntmachung: „In gewissen Kreisen besteht die Absicht, unter Mißachtung gesetzlicher Bestimmungen Arbeiter- und Soldatenräte nach russischem Muster zu bilden. Derartige Einrichtungen stehen mit der bestehenden Staatsordnung in Widerspruch und gefährden die öffentliche Sicherheit. Ich verbiete auf Grund des § 9 b des Gesetzes über den Belagerungszustand jede Bildung solcher Vereinigungen und die Teilnahme daran.“

Mittags Beratungen der preußischen Regierung, der Marine, der Militärbehörden, des Eisenbahnministeriums und des Polizeipräsidiums im Berliner Reichsamt des Innern.

Starke Konzentration kaisertreuer Truppen am Lehrter Bahnhof. 300 auf dem Bahnhof eintreffende Matrosen werden sofort verhaftet. In den Großbetrieben werden Militärwachen installiert, die Zufahrtstraßen zum Schloss durch Militär besetzt, bewaffnete Polizeipatrouillen verstärkt. Die sichtbaren Maßnahmen des militärischen Oberbefehlshabers in Berlin verstärken die Aufstandserwartung der Massen.

Unterdes werden im Berliner Polizeipräsidium unter Befehl von Polizeidirektor Eugen Henninger, Vorsteher der Exekutive in der Abt. VII (Politische Polizei), in der Zeit vom 7. bis 9. November die politischen Akten der Kaiserzeit, darunter aller sozialistischen Parteiführer, verbrannt.

8. November            Revolution und Bildung von Räten in Braunschweig, Köln, Essen, Krefeld, Gotha, Koblenz, Mainz, Magdeburg, Halle, Leipzig, Chemnitz, Dresden, München, Düsseldorf, Haltern, Darmstadt, Nürnberg, Bayreuth, Passau, Augsburg, Rosenheim, Lahr und Offenburg.

In Hamburg wird ein großer Arbeiterrat aus Linksradikalen, USPD, SPD, Gewerkschaften und 18 Betriebsvertretern gebildet.

Beginn revolutionärer Erhebung in Magdeburg. Am Vortag aus Kiel eingetroffene Matrosen, Soldaten der Encke-Kaserne und Arbeiter Magdeburger Betriebe, darunter des Krupp-Werks, befreien im Bezirkskommando Neue Ulrichstraße und dem Militärgericht Landwehrstraße Arrestanten und entwaffnen Offiziere. Die Haftanstalt des Polizeipräsidiums wird besetzt und politische Gefangene werden befreit. Am Nachmittag Großkundgebung auf dem Domplatz. Polizeipräsident von Alten nimmt Kontakt zur Parteileitung der SPD auf (Hermann Beims und Ernst Wittmaack), die daraufhin auf dem Domplatz Handzettel verteilen lassen, die zu Ruhe und Besonnenheit aufrufen.

Der Vollzugsausschuss der Revolutionären Obleute Berlins und die Spartakusgruppe beschließen den Umsturz einstimmig: Losschlagen am 9. November. Gefertigt werden getrennte Aufrufe der Spartakusgruppe und des Vollzugsausschusses der Revolutionären Obleute zur Machtergreifung durch die Arbeiter- und Soldatenräte.

Rosa Luxemburg wird am Tag des Revolutionsbeginns in Breslau abends aus der dortigen Haft entlassen. Die Amnestie der Regierung Max von Baden war ihr verweigert worden.

Die Regierung des Prinzen Max von Baden lässt das einzige, zu dieser Zeit als zuverlässig eingeschätzte Bataillon, die Lübbener Jäger, nach Berlin kommen, um die Regierungsgebäude zu schützen und gegen Aufständische vorzugehen. Kriegsmäßig ausgerüstete Polizei liegt im Schlosskeller und im Berliner Rathaus.

In Bayern Bildung eines Rates von Arbeitern, Soldaten und Bauern unter dem Vorsitz von Kurt Eisner. In seiner ersten Sitzung erlässt der Rat einen Aufruf an die Bevölkerung Münchens, wonach Ordnung sowie Sicherheit der Person und des Eigentums verbürgt werden. Die Soldaten in den Kasernen regieren sich durch Soldatenräte. Offiziere, die sich nicht widersetzen, dürfen ihren Dienst weiter versehen. Die Bauern verbürgen sich für Lebensmittelversorgung. Der Polizeipräsident darf im Einvernehmen mit dem Arbeiter- und Soldatenrat unter gewissen Verpflichtungen seine Amtsführung weiter versehen.

Abdankung der Welfen. Der Herzog Ernst August von Braunschweig erklärt den Thronverzicht für sich und seine Nachfolger. Auf dem herzoglichen Schloss weht die rote Fahne, der Arbeiter- und Soldatenrat, der von Spartakus-Anhängern in der USPD dominiert ist, hat die Abdankungsurkunde in den Händen.

Friedrich Franz IV., Großherzog von Mecklenburg, entlässt auf Druck der Arbeiter- und Soldatenräte, die sich am 5. und 6. November in Wismar, Rostock, Parchim und Neustrelitz gebildet hatten, das Staatsministerium. Die neu gebildeten Staatsministerien wurden am 9. November in Schwerin und am 11. November in Strelitz vom Großherzog eingesetzt. In Schwerin gehörten diesem parlamentarischen Gremium an: Hugo Wendorff, ein Gutsbesitzer aus Pommern, der Nationalliberale Friedrich Stratmann, Hans Sivkovich, ein pensionierter Pädagoge aus Lübtheen, Heinrich Dethloff, der Vorsitzende des Schweriner Soldatenrates, Heinrich Erdmann, der Vorsitzende des Arbeiterrates, und der Chefredakteur der „Mecklenburgischen Volkszeitung“ Franz Starosson. Die liberalen Reichstagsabgeordneten Sivkovich und Wendorff waren im Auftrag der Reichsregierung zu Verhandlungen mit dem Großherzog geschickt worden.

Blutige Zusammenstöße in Wolfenbüttel (Braunschweig). In Berlin am Abend eine gewaltlose Demonstration Unter den Linden, deren Teilnehmer die Abdankung des Kaisers fordern.

Abends erteilt der Parteivorstand der SPD ihren Betriebsvertrauensleuten die Weisung, am 9. November morgens alles zu tun, um den Generalstreik zu verhindern.

Reichskanzler Max von Baden bietet, knapp einen Monat im Amt, seinen Rücktritt an. Der Kaiser, welcher von dem Reichskanzler über die Gesamtlage unterrichtet ist, bittet Prinz Max von Baden, einstweilen die Geschäfte des Reichskanzlers weiterzuführen, bis der endgültige kaiserliche Beschluss erfolgt.

9. November            Revolution und Bildung von Räten u. a. in Brandenburg, Breslau, Eisenach, Erfurt, Görlitz, Königsberg, Plauen, Mannheim, Karlsruhe, Mainz, Darmstadt, Dessau, Alt-Strelitz, Posen und Saarbrücken. Letzterer wird nach französischer Besetzung durch die Besatzungsmacht aufgelöst.

In der Nacht zuvor verfasst, werden morgens in Berlin zwei Flugblätter verteilt, die zum Generalstreik aufrufen; das eine von den Revolutionären Obleuten, das andere von der Spartakusgruppe.

„Zwischen acht und zehn Uhr morgens beginnt in den Großbetrieben und vielen kleineren Betrieben an diesem Sonnabend der Generalstreik. Der Aufstand beginnt. Beteiligt sind u.a. Daimlerwerke, Schwartzkopff, AEG Hennigsdorf, AEG Brunnenstraße, AEG Ackerstraße, AEG Huttenstraße, AEG Voltastraße, Siemens & Halske, Argus, Knorr-Bremse, Borsig, Samson, Bergmann, Loewe. Aus den Betrieben heraus formierten sich Demonstrationszüge, die gewaltlos zu den Kasernen strömen, auf den Plakaten die Losung: ‚Brüder – nicht schießen’, um dort die Soldaten zur Verbrüderung aufzurufen und weiter in Richtung Innenstadt zu ziehen. Soldaten öffneten selbst die Kasernen und halfen rote Fahnen zu hissen. Nicht wenige schlossen sich den Demonstranten an. ‚Die Revolution war so gutmütig, wie sie überall gewesen war. Wenn Blut vergossen wurde, dann von der anderen Seite’ …“, schreibt Sebastian Haffner in seinem Buch „Verrat“.

Ein Demonstrationszug kommt gegen 12 Uhr zur Maikäferkaserne in der Chausseestraße. Die dort durch Weißenseer Wachmannschaften am Verlassen der Kaserne gehinderten Soldaten jubeln den Demonstranten zu, die die Kasernentore erbrechen. Ein Offizier schießt. Erich Habersath, ein Führer der Berliner Jugendbewegung, Metallarbeiter bei Schwartzkopff, ein AEG-Arbeiter und ein weiterer Arbeiter der Firma Schwartzkopff werden erschossen. Ein Teil der Soldaten schließt sich den Demonstranten an, andere fahren nach Hause. Bei ähnlichen Zwischenfällen im Marstall und in der Universität gibt es weitere Tote. Die Taktik der Revolutionären Obleute, in bewaffneten Demonstrationszügen von den Industriegebieten am Stadtrand ins Zentrum vorzudringen und dort die Regierungsgebäude zu besetzen, geht auf. Um 13 Uhr stürmt ein Trupp bewaffneter Arbeiter und Soldaten das Moabiter Zellengefängnis. Sie erzwingen die Freilassung der politischen und Kriegsgefangenen. Auch Leo Jogiches (Spartakusgruppe) wird hier befreit, wo er wegen seiner Beteiligung am Munitionsarbeiterstreik in Berlin wegen Landesverrat inhaftiert war. Das Tegeler Strafgefängnis wird von Matrosen gestürmt und man lässt 200 Militärgefangene frei. 500 in Berlin transportmäßig festsitzende Soldaten auf Urlaub forderten in der Berliner Kommandantur ihre Löhnung, werden abgewiesen und gehen zu den Aufständischen über. Das Jägerbataillon Nr. 4, das aus Naumburg nach Berlin geschickt worden war, um die Revolution niederzuschlagen, und andere Truppen in der Kaserne am Kupfergraben sowie das am Vortag nach Berlin beorderte Bataillon der Lübbener Jäger und die Besatzungen der Panzerkraftwagen am Schloss weigern sich, gegen die Demonstration vorzugehen. Die Nordreserve und Jüterboger Artillerie schließen sich an. Nun sieht sich die SPD-Führung gezwungen, sich dem Generalstreik und den riesigen Demonstrationen anzuschließen, nachdem sie sich bis zum Morgen vergeblich bemüht hatte, diesen Streik zu verhindern. Eine Extraausgabe des „Vorwärts“ verkündet dann mittags gegen 13 Uhr, als bereits die gesamte werktätige Bevölkerung im Generalstreik steht und alle Soldaten sich dem Aufstand angeschlossen haben, dass ein Arbeiter- und Soldatenrat Groß-Berlin den Generalstreik beschlossen habe. Für diesen Rat zeichnen die Abgeordneten Ebert, Wels, Braun, Ernst und zwölf Fabrikvertrauensleute verantwortlich, meldet die Vossische Zeitung am 9.11.1918 in ihrer Abendausgabe. Nacheilend, aber noch rechtzeitig gegründet hat diesen Welsschen Arbeiter- und Soldatenrat die SPD-Führung in ihrer Zentrale in der Lindenstraße.

Eine Konferenz der Truppenführer im kaiserlichen Großen Hauptquartier in Spa erklärt, auf die Truppen sei kein Verlass mehr. Hindenburg teilt Wilhelm II. mit: „Das Heer steht nicht mehr hinter Ihnen.“ Das Kaiserreich besitzt kein Machtinstrument mehr und der Chef der Operationsabteilung Oberst August Wilhelm Heye bestätigt ihm, die Armee will nicht mehr kämpfen, weder nach außen noch nach innen. Wilhelm II. will nun als Kaiser zugunsten seines Enkels abdanken, aber König von Preußen bleiben.

Gegen ein Uhr mittags macht Reichskanzler Max von Baden, ohne Autorisierung durch den Kaiser, über das Wolffsche Telegraphenbureau bekannt: Abdankung des Kaisers, Thronverzicht des Kronprinzen, Ebert wird Reichskanzler. Die Meldung wird schnell über Extrablätter in der Stadt verteilt. Der Kaiser wurde gleichsam vom Prinzen abgedankt und Friedrich Ebert wird Kanzler des kaiserlichen Deutschlands ohne Kaiser und regiert mit Kaiserreichsverfassung.

Im Berliner Hotel „Continental“ findet zu dieser Zeit eine Konferenz zwischen Großindustriellen und Gewerkschaftsführern statt. Der Konzernherr Karl Friedrich von Siemens berichtet später darüber: „Im Geknatter der von draußen hereintönenden Gewehrschüsse bietet Hugo Stinnes als Sprecher der Großindustriellen den Gewerkschaftsführern den ohnehin unvermeidlich gewordenen Achtstundentag und Arbeitsgemeinschaft zwischen Unternehmern und Gewerkschaftsführern an.“

Nach 13 Uhr geht Friedrich Ebert mit einer Abordnung des SPD-Vorstandes in die Reichskanzlei und fordert von Prinz Max von Baden die Regierungsübergabe. Ebert wird von einem Kanzler zum Kanzler der kaiserlichen Regierung ernannt. Im Unterschied zum Vortag lehnt die SPD-Führung nun ein Weiterbestehen der Monarchie ab und nimmt die Verhandlungen zur Regierungsbildung unter Beteiligung bürgerlicher Parteien auf.

Gegen 13 Uhr treffen einige tausend Demonstranten, darunter bewaffnete, vom Alexanderplatz und der Dircksenstraße vor dem Polizeipräsidium ein. Die Zugänge zum Gebäude werden besetzt, der ehemalige Redakteur von Arbeiterzeitungen, vormalige Landessekretär der SPD in Baden, der Reichstagsabgeordnete und Burgfrieden-Gegner Emil Eichhorn (USPD), der spätere Berliner Polizeipräsident der Revolution, erlangt von den dort stationierten Jägern die Kapitulation. Unter dem Eindruck wachsender Volksmassen, unübersehbar auf den Straßen, entledigt sich die Polizei ihrer Waffen und entfernt sich rasch und unverprügelt aus dem Gebäude. Eichhorn schließt mit dem Polizeipräsidenten Heinrich von Oppen einen Übergabevertrag des Präsidiums und seiner Einrichtungen zur Fortführung des Hauses unter einer Leitung, die von revolutionärer Seite eingesetzt wird. Helene Zirkel hisst auf dem Berliner Polizeipräsidium die rote Fahne.

Mittags 13.30 Uhr, als der Sieg der friedlichen Revolution in Berlin feststeht, erlässt General von Linsingen vom Berliner Oberkommando den Befehl: „Truppen haben nicht von Waffen Gebrauch zu machen, auch nicht bei Verteidigung von Gebäuden.“

Am Nachmittag verhandelt ein Teil der Berliner USPD (Dr. Oskar Cohn, Wilhelm Dittmann und Ewald Vogtherr) mit Führern der SPD. Ein gemeinsamer „Volksausschuss zum Schutz der gemeinnützigen Einrichtungen von Groß Berlin“ wird geschaffen, der, von den beiden Parteien und Vertretern der Hirsch-Dunckerschen Gewerkvereine und der christlichen Gewerkschaften getragen, die Lebensmittelversorgung in der Stadt sichern soll. Unterzeichnet von Friedrich Ebert, einem USPD-Mann als Soldatenrat und einer bis dahin unbekannten Gewerkschaftskommission unterstellt er die Lebensmittelvorräte, Lebensmittel-Verteilerstellen und die gemeinnützigen Einrichtungen (Gas-, Wasser-, Elektrizitätswerke, Sparkassen und öffentliche Kassen sowie Verkehrsmittel) dem Schutz des Volkes. Vorsitzender wird der Gewerkschafter Johannes Sassenbach. Der Welssche Arbeiter- und Soldatenrat erlässt am Folgetag dann ein wirkungslos bleibendes Streikverbot für die Gewerbe Handel, Verkehr, Lebensmittel, Energie, Straßenreinigung, Müllabfuhr, Krankenhäuser, da festgestellt wurde, dass sie sich dem Generalstreik angeschlossen hatten.

Ein weiteres Extrablatt des „Vorwärts“ ruft die Soldaten zur Rückkehr in ihre Kasernen auf. Unterzeichnet: Die neue Regierung. Die gesamte Innenstadt, so auch das Regierungsviertel, ist zu dieser Zeit mit hunderttausenden von demonstrierenden Menschen gefüllt, denen sich auch viele Soldaten angeschlossen haben. Etwa um 14 Uhr sieht sich Philipp Scheidemann ob der lauten Rufe der Demonstranten nach Ebert und Scheidemann vor dem Reichstag veranlasst, ihnen zuzurufen: „Das Volk hat auf der ganzen Linie gesiegt! Es lebe die deutsche Republik!“; Friedrich Ebert macht ihm dafür heftige Vorwürfe.

Weiter gehen Demonstrationen zum Königlichen Schloss. Gegen 16 Uhr erscheint Karl Liebknecht - nach über zweijähriger Haft wegen öffentlicher Proteste gegen den Krieg, nun seit 14 Tagen frei. Er spricht vor dem Schloss und später vom Balkon zu den Massen. „Der Tag der Revolution ist gekommen. Wir haben den Frieden erzwungen. Der Friede ist in diesem Augenblick geschlossen. Das Alte ist nicht mehr. Die Herrschaft der Hohenzollern, die in diesem Schloss jahrhundertelang gewohnt haben, ist vorüber. In dieser Stunde proklamieren wir die freie sozialistische Republik.“ Auf dem Mast der Kaiserstandarte wird die rote Fahne gehisst. „Der Aufstand in Berlin forderte nur geringe Opfer. Die siegreichen Arbeiter und Soldaten zählten 15 Tote. Die Zahl der Toten auf der Gegenseite ist nicht genau ermittelt worden, sie dürfte weit geringer sein“, schreibt Richard Müller später.

Kurz nach 14 Uhr hatte Wilhelm II. aus seinem belgischen Hauptquartier in Spa mitteilen lassen, dass er bereit sei, als Deutscher Kaiser abzudanken, nicht aber als König von Preußen. Ebert setzt gegen 14 Uhr in der Reichskanzlei die Verhandlungen über die Regierungsbildung fort. Die Abgeordneten Scheidemann und Landsberg werden von Ebert zu Staatssekretären bestimmt, ansonsten bittet er die Staatssekretäre des alten Kabinetts, ihr Amt vorläufig weiterzuführen. Später erlässt er einen Aufruf mit der Bitte um Ruhe und Ordnung an die deutschen Bürger, in dem er zum Verlassen der Straße auffordert, sowie einen weiteren Aufruf an die Beamten, an ihren Plätzen zu bleiben und der neuen Regierung zu dienen.

Am frühen Nachmittag besetzt Hermann Duncker mit Soldaten und Matrosen gewaltlos die Redaktion des „Berliner Lokal-Anzeigers“, eines für seine chauvinistische Ausrichtung bekannten Blattes, und gibt in der zweiten Abendausgabe die Zeitung „Die Rote Fahne“ heraus. Duncker zu den versammelten Redakteuren: „Sie verstehen, daß eine siegreiche Revolution eine konterrevolutionäre Presse nicht dulden kann.“

Die großen Zeitungsbetriebe, die „Volkszeitung“, die „Berliner Allgemeine Zeitung“ und die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung“, das Wolffsche Telegraphische Bureau, das Telegraphenamt und das Reichstagsgebäude waren bereits in den frühen Nachmittagsstunden besetzt worden.

Am späten Abend beraten Vertreter der revolutionären Obleute im Sitzungssaal des Reichstages den Vorschlag Richard Müllers, schnell eine Versammlung der Arbeiter- und Soldatenräte einzuberufen und zuvor am Sonntag, dem 10. November, vormittags in den Fabriken Arbeiterräte und den Kasernen Soldatenräte wählen zu lassen. Nachmittags um 17 Uhr sollte die Versammlung der gewählten Räte dann eine provisorische Regierung wählen. Im Interesse der Revolution und nach den Erfahrungen aus dem Januarstreik will man eine Regierung aus SPD und USPD verhindern. „Kurz nach zehn Uhr eilten einige SPD-Leute, die zugehört hatten, aus dem Sitzungssaal, legten im Geschwindschritt den kurzen Fußweg vom Reichstag zur Reichskanzlei zurück und meldeten Ebert bestürzt, was geschehen war: Soeben hatte eine Versammlung im Reichstag beschlossen, daß am nächsten Morgen in allen Fabriken und Kasernen Arbeiter- und Soldatenräte gewählt werden sollten – je ein Vertreter für ein Bataillon und für tausend Arbeiter – und daß diese gewählten Räte sich nachmittags um fünf Uhr im Zirkus Busch versammeln sollen, um eine provisorische Regierung, einen ‚Rat der Volksbeauftragten‘ zu ernennen. Von Eberts Regierung war dabei keine Rede gewesen, man hatte getan, als gäbe es gar keine Regierung mehr; man wollte sie offenbar einfach beiseite schieben“, so Sebastian Haffner in seinem Buch „Verrat“.

Gegen 18 Uhr fragt Philipp Scheidemann im Reichstag bei der USPD ob eines Regierungseintritts an. Georg Ledebour, Emil Barth und Richard Müller lehnen eine gemeinsame Regierung mit Sozialdemokraten ab. Liebknecht fordert alle exekutive, legislative und richterliche Gewalt für die Arbeiter- und Soldatenräte. Die Meinung bei den übrigen Unabhängigen geht auseinander. Die Mehrheit einigt sich schließlich – auch unter dem Druck anwesender Revolutionärer Obleute - auf sechs Forderungen, darunter: Deutschland soll eine soziale Republik sein, die gesamte Macht ausschließlich in Händen gewählter Vertrauensleute der gesamten werktätigen Bevölkerung liegen und bürgerliche Parteien sollen aus der Regierung ausgeschlossen bleiben. Die SPD sieht sich zu Zugeständnissen genötigt, ist mit einer rein sozialistischen Regierung einverstanden und akzeptiert zunächst vermeintlich, dass alle Gewalt von den Räten ausgeht und dass eine konstituierende Versammlung erst nach Konsolidierung der revolutionären Zustände erfolgen soll. Im Hintergrund steht die Frage: Bürgerliche Demokratie oder soziale Demokratie, genannt Diktatur des Proletariats. Für die Zeit nach der mit dem Umsturz eroberten politischen Macht haben die Führer der Unabhängigen keinen Plan und ihr bekannter Theoretiker, Karl Kautsky, legt dieser Tage gerade seine Schrift gegen die russische Räteherrschaft vor, in der er sich mit den Auffassungen von Marx und Engels zur Diktatur des Proletariats befasst. (Lenin antwortet später mit seiner Schrift „Die proletarische Revolution und der Renegat Kautsky“.)

In Berlin bildet sich am Abend darüber hinaus ein Rat geistiger Arbeiter. Die literarische Intelligenz hatte über die Jahre die Wandlung von ursprünglicher Kriegsbegeisterung zur Kriegskritik vollzogen. In dem Weltkrieg sieht man nun den apokalyptischen Zusammenbruch der alten Welt und der Expressionismus wird ihnen vom Begriff zur Wirklichkeit, der in der beginnenden Weltrevolution seine Bestätigung findet. Der Rat geht hervor aus dem „Bund zum Ziel“, dem Kreis um die Autoren und Sympathisanten der Hiller-Jahrbücher „Das Ziel“. Der Schriftsteller und Publizist Kurt Hiller wird Vorsitzender des von ihm an diesem Tage im Reichstag mitbegründeten Politischen Rates geistiger Arbeiter, der versucht Einfluss auf die Politik zu nehmen und z. T. Anspruch auf eine geistige Führungsposition der Intellektuellen gegen die Arbeiterparteien erhebt. Seine Leitsätze zielen auf die Schaffung einer sozialen Republik, die persönliche Freiheit wie soziale Gerechtigkeit gewährleisten soll. Zum Rat gehören der Architekt Bruno Taut, der Maler Ludwig Meidner, die Schauspieler Gustav von Wangenheim und Alexander Moissi, die Schriftsteller Heinrich Mann, René Schickele, Fritz von Unruh, der Journalist Siegfried Jacobson u. a. Ähnliche Räte entstehen in München, Leipzig, Dresden, Hamburg, Darmstadt und anderen Städten. Bildende Künstler schließen sich im Arbeitsrat der Kunst zusammen (Kreise um Walter Gropius und die Novembergruppe). Der Schriftsteller Wilhelm Herzog, ebenfalls Mitglied im Rat geistiger Arbeiter, gibt die Zeitschrift „Die Republik“, ein bürgerlich demokratisches Blatt, heraus.

Im Großherzogtum Oldenburg ruft der 21er Soldatenrat in Wilhelmshaven die Republik Oldenburg-Ostfriesland aus und beschließt die Absetzung des Großherzogs.

Seine königliche Hoheit Wilhelm Ernst Großherzog zu Sachsen-Weimar-Eisenach wird vom Soldatenrat zur Abdankung gezwungen und geht auf sein Schloss Heinrichau ins schlesische Exil.

In Gotha erklärt der Reichstagsabgeordnete der USPD Wilhelm Bock auf einer Großkundgebung den regierenden Herzog Carl Eduard von Sachsen-Coburg und Gotha für abgesetzt und den Arbeiter- und Soldatenrat zum obersten Machtorgan der Republik Gotha. Der Herzog dankt am 14. November ab.

König Wilhelm II. von Württemberg verlässt am 9. November sein Schloss, nachdem eine revolutionäre Menge in sein Stuttgarter Wilhelmspalais eingedrungen war. Er dankt am 30. November ab.

10. November          Bildung von Arbeiter- und Soldatenräten in Beuthen, Bromberg, Danzig, Frankfurt/Oder, Gleiwitz, Graudenz, Karlsruhe, Oppeln.

Durch den Arbeiter- und Soldatenrat wird in Braunschweig nach einer großen Demonstration eine USPD-Regierung gebildet und die Sozialistische Republik Braunschweig proklamiert. August Merges (USPD/Spartakusgruppe) wird ihr Präsident, die Regierungsgewalt geht vom Rat der Volkskommissare aus.

Wilhelm II. flieht aus Deutschland und geht ins Exil nach Holland.

Der sozialdemokratische „Vorwärts“ trifft mit seiner Schlagzeile „Kein Bruderkampf!“ und der Mitteilung über eine gemeinsame Regierungsbildung von SPD und USPD bei den Arbeitern auf breiteste Zustimmung. Die „Rote Fahne“, Presseorgan der Spartakusgruppe, vielen unbekannt, da am Vortag erst gegründet, schreibt am selben Tage: „… Vier lange Jahre haben die Scheidemänner, die Regierungssozialisten, euch durch die Schrecken eines Krieges gejagt, haben euch gesagt, man müsse ‚das Vaterland‘ verteidigen, wo es sich nur um die nackten Raubtierinteressen des Imperialismus handelt. Jetzt da der deutsche Imperialismus zusammenbricht, suchen sie für die Bourgeoisie zu retten, was noch zu retten ist und suchen die revolutionäre Energie der Massen zu ersticken. Es darf kein ‚Scheidemann‘ mehr in der Regierung sitzen, es darf kein Sozialist in die Regierung eintreten, solange ein Regierungssozialist noch in ihr sitzt.“

In einem Extrablatt der Abendausgabe der „Roten Fahne“ am 10. November ruft die Spartakusgruppe die Arbeiter und Soldaten von Berlin auf, die von ihnen errungene Macht zu sichern und fordert auf, die Geschicke in die eigenen Hände zu nehmen: „… Mit der Abdankung von ein paar Hohenzollern ist es nicht getan. Noch viel weniger ist getan damit, daß ein paar Regierungssozialisten mehr an die Spitze treten. Sie haben vier Jahre lang die Bourgeoisie unterstützt, sie können nicht anders, als dies weiter tun. Mißtraut denen, die von Reichskanzler- und Ministerstellen herunter glauben, eure Geschicke lenken zu dürfen. Nicht Neubesetzung der Posten von oben herunter, sondern Neuorganisierung der Gewalt von unten herauf. Sorget, daß die Macht, die ihr errungen habt, nicht euren Händen entgleite und daß ihr sie gebraucht für euer Ziel. Denn euer Ziel ist die sofortige Herbeiführung eines proletarisch-sozialistischen Friedens, der sich gegen den Imperialismus aller Länder wendet, und die Umwandlung der Gesellschaft in eine sozialistische …“ Sofortmaßnahmen des Programms: Entwaffnung der Offiziere und der Polizei, Bewaffnung der Arbeiter und der revolutionären Soldaten, Übernahme aller militärischen und zivilen Verwaltungsstellen durch den Arbeiter- und Soldatenrat bis zur Wahl eines Reichs-Arbeiter-und-Soldatenrates, Absetzung aller Dynastien, Vereinigung aller Einzelstaaten zu einer einheitlichen sozialistischen Republik, Rückberufung der Sowjetbotschaft, Kontaktaufnahme zu allen sozialistischen Parteien. Mit diesem Programm geht die Spartakusgruppe im Zirkus Busch am S-Bahnhof Börse in die Vollversammlung der Arbeiter- und Soldatenräte.

Die Berliner Arbeiter sind an diesem Sonntag wieder in ihren Betrieben, um ihre Räte zu wählen. Die Frühausgabe des „Vorwärts“ und Massen von Flugblättern der SPD und versöhnliche Siegesstimmung prägen die Wahlen. Die Revolutionären Obleute sprechen in den Betriebsversammlungen zu den Arbeitern, erfolglos. Die Arbeiter wollen ein Zusammengehen von SPD und USPD. In den Kasernen agitiert seitens der Regierungssozialisten Otto Wels die Soldaten. Man bildet einen Aktionsausschuss Berliner Truppenteile und marschiert nach einer Massenversammlung unter seiner Führung in den Zirkus Busch.

Im Zirkus Busch beginnt um 17 Uhr die Vollversammlung der Arbeiter- und Soldatenräte. Enthusiastisch werden die Reden von Ebert und Haase aufgenommen. Ebert orientiert auf die Wiedervereinigung von SPD und USPD und darauf, gemeinsam eine Wirtschaft nach den Grundsätzen des Sozialismus aufzubauen. Liebknecht warnt vergeblich und unter starken Unmutsäußerungen der Delegierten vor den Führern der SPD und der Gegenrevolution. Niedergeschrien mit den Rufen „Einheit, Einheit“ nimmt er nicht mehr an der Wahl des Vollzugsrates der Arbeiter- und Soldatenräte von Groß-Berlin teil. Gewählt werden am 10. November zunächst jeweils 12 Vertreter der Arbeiter, paritätisch aus SPD und USPD, sowie 12 Soldatenräte. Soweit noch bekannt, gehören zum Komitee der Arbeiter seitens der Revolutionären Obleute: Emil Barth, Paul Eckert, Richard Müller, Paul Neuendorf, Paul Wagemann und von der USPD deren Vorsitzender Georg Ledebour, der eng mit den Revolutionären Obleuten zusammengearbeitet hatte. Fünf von ihnen hatten bereits im provisorischen Vollzugsrat mitgearbeitet und mit Spartakusführern zur Revolution aufgerufen. Für die SPD werden gewählt: Franz Büchel, Gustav Heller, Ernst Jülich, Max Maynz, Otto Hiob, Oskar Rusch. Es sind Betriebsvertrauensleute, mit denen die SPD-Führung in enger Verbindung steht.

Die Angaben zur Wahl des Soldatenrates weichen ob des Durcheinanders der Versammlung voneinander ab. Das Protokoll enthält: Hans Georg von Beerfelde (Hptm.), Brutus Molkenbuhr (Feldwebel, Mitglied Aktionsausschuss im Kriegsministerium), Gustav Gerhardt (Kriminalkommissar), Härtel, Lempert, Hans Paasche (Kapitänleutnant, dann pazifistischer Schriftsteller), Eduard Walz (Oltn.), Walter Portner (Hilfsbeamter), Hermann Bergmann (Kanonier, Medizinstudent), Köhler (Marine), Echtmann, Christian K. Finzel (Obermatrose, Mitglied Aktionsausschuss im Kriegsministerium). Als Mitglieder, vielleicht später nachberufen, auch: Felix Bernhagen, Otto Braun, Max Cohen-Reuß (Journalist, SPD), Ernst Däumig (ehem. Redakteur des „Vorwärts“), Heinrich Denecke, Gelberg, Colin Ross (Reise-, später Kriegsberichterstatter), Otto Strobel (Matrose) und Baldusz. Zum Vorsitzenden des Vollzugsrates wird Richard Müller und zu seinem Stellvertreter Hauptmann von Beerfelde bestimmt. Am nächsten Tag kommen noch hinzu Ernst Däumig (ehem. Redakteur „Vorwärts“, Parteivorstand USPD) und Emil Gierth (SPD, Betriebsvertrauensmann). Otto Hiob tauscht die SPD gegen Otto Braun vom SPD-Vorstand, und als der am 12.11.18 preußischer Landwirtschaftsminister wird, gegen das Mitglied des Parteivorstandes der SPD Hermann Müller. Müller ist vom 11. 11.-21.12.18 Mitglied im Vollzugsrat und dort engster Vertrauter Friedrich Eberts und bis zur Bildung der SPD-Regierung Scheidemann einer der drei Vorsitzenden des Zentralrats der Deutschen Sozialistischen Republik, eines vom Ersten Allgemeinen Kongress der Arbeiter- und Soldatenräte Deutschlands im Dezember 1918 errichteten Gremiums zur Überwachung und Kontrolle der Volksbeauftragten-Regierung Ebert. Hauptmann von Beerfelde scheidet am 12.11.1918 aus dem Vollzugsrat aus, Brutus Molkenbuhr wird neuer Stellvertreter Richard Müllers. Ausgeschlossen werden später als Konterrevolutionäre, so Richard Müller: Dr. phil. Colin Ross (Oblt., Kriegsberichterstatter, später Herausgeber „Die Reichswehr“), Kriminalkommissar Gustav Gerhardt (Privatdetektiv, Leiter Deutsche Nachrichtenzentrale, Tarnbezeichnung: Deutsche Ostmarkhilfe, arbeitet für Sicherheitspolizei), Otto Strobel (Matrose Warnemünde, durch 53er-Ausschuss der Marine als Spitzel entlarvt) und nach umfangreicher Diskussion Eduard Walz (Oblt., Festnahme und Verrat der Aufstandspläne 9.11.1918).

Der Vollzugsrat soll vorläufig die Exekutivgewalt für die ganze Republik übernehmen. Nach der Ernennung zum Reichskanzler durch Prinz Max von Baden wird Friedrich Ebert nun durch den Vollzugsrat gleichsam zum Revolutionsführer gewählt: Die Vollversammlung bestätigt die provisorische Regierung aus SPD (Ebert, Scheidemann, Landsberg) und USPD (Haase, Dittmann, Barth) als „Rat der Volksbeauftragten“, der sich ab 29. Dezember dann als Reichsregierung bezeichnet und bis zum Jahreswechsel die höchste Regierungsgewalt innehat. Der Versuch der Führer der Revolutionären Obleute, die abzusehende Mehrheit der revolutionsfernen Sozialisten in dieser Vollversammlung zu verhindern, scheitert. Auch gerät ihre nun entwickelte Idee, als Institution zur Fortführung der Revolution einen Aktionsausschuss der Arbeiter- und Soldatenräte wählen zu lassen, in Bahnen, die seine differenzierte Besetzung zur Folge hat und die sich so dem vollständigen Einfluss der Revolutionären Obleute entzieht. Friedrich Ebert übernimmt im Rat der Volksbeauftragten Inneres und Militär, Hugo Haase Äußeres, Otto Landsberg die Finanzen, Philipp Scheidemann Presse und Nachrichtenwesen, Wilhelm Dittmann wird für Diverses und Emil Barth für die Sozialpolitik zuständig. Die für die Weiterführung der Revolution wichtigen Bereiche Inneres, Militär, Finanzen und Presse liegen damit bei den drei SPD-Vertretern. Die im Vorfeld von den Vertretern der USPD gemachten Vorschläge sind jedoch Grundlage des gemeinsamen Kabinetts.

„Ebert hatte jetzt für seine gegenrevolutionäre Regierung eine revolutionäre Legitimation, und mit dem Vollzugsausschuß, so wie er nun aussah, war schwerlich gegen ihn anzukommen“, so Sebastian Haffner. Die Vollversammlung der Arbeiter- und Soldatenräte beschließt den „Aufruf an das werktätige Volk“. Darin wird Deutschland zur sozialistischen Republik erklärt, in der Arbeiter- und Soldatenräte die Träger der politischen Macht seien. Der von ihnen eingesetzte Rat der Volksbeauftragten wird beauftragt, schnell einen Waffenstillstand zu vereinbaren und mit der Vergesellschaftung der kapitalistischen Produktionsmittel zu beginnen. Jedoch werden keine Beschlüsse gefasst, die den neuen Trägern der Macht die Verwirklichung der Vorhaben auch sichern würden, vor allem keine Beschlüsse zur Zerschlagung des kaiserlichen Staatsapparates - wie es zur Theorie der Sozialdemokratie dieser Zeit gehört - und der Schaffung eines neuen, der im Sinne der Revolution tätig ist.

Aus der Breslauer Haft trifft am Abend Rosa Luxemburg in Berlin ein.

Spätabends und dann täglich wird Friedrich Ebert in den Abendstunden über eine noch aus dem Krieg stammende nicht kontrollierte geheime Telefonverbindung in der Reichskanzlei von General Groener, Oberste Heeresleitung, angerufen und verhandelt mit ihm die Sammlung und Heranführung zuverlässiger Truppen, um zunächst in Berlin mit den revolutionären Arbeitern und Soldaten fertig zu werden. General Groener sagte im „Dolchstoßprozess“ 1925 aus: „Zunächst handelte es sich darum, in Berlin den Arbeiter- und Soldaten-Räten die Gewalt zu entreißen. Zu diesem Zwecke wurde ein Unternehmen geplant, zehn Divisionen sollten in Berlin einmarschieren.“

Der Evangelische Oberkirchenrat veröffentlicht eine prinzipielle Positionsbestimmung, in der des verlorenen Weltkrieges und des Verlusts der Monarchie trauernd gedacht und grausame Waffenstillstandsbedingungen und Demütigung konstatiert werden.

Bernhard III. Friedrich Wilhelm Albrecht Georg Herzog von Sachsen-Meiningen dankt unter dem Druck des Meininger Arbeiter- und Soldatenrates ab. Sein Bruder Prinz Ernst weigert sich zunächst, verzichtet dann aber am 12. November und die Regierung geht auf den Freistaat Sachsen-Meiningen über.

Fürst Heinrich XXVII. Reuß jüngere Linie verzichtet entsprechend der Forderung des Arbeiter- und Soldatenrates auf den Thron. Mit einer Demonstration der USPD in Greiz, unterstützt von einer bewaffneten Sicherheitstruppe aus Gera, wird auch die fürstliche Regierung am 11. November zum Rücktritt gezwungen.

In Dresden wird die sächsische Republik ausgerufen. Der sächsische König floh am Vortag aus Dresden.

11. November          Abflauende Schießereien in Berlin Unter den Linden, im Bankenviertel und am Alexanderplatz. In der Nähe des Opernhauses und der Neuen Wache werden junge Leute in der Uniform der Jugend-Kompanien verhaftet und den Wachen zugeführt, schreibt das „Berliner Tageblatt“ am nächsten Tag.

Um 11.55 Uhr tritt der Waffenstillstand mit der Entente in Kraft, dem Friedensverhandlungen in Versailles folgen sollen. In Berlin läuten die Glocken.

Im Reichskanzlerpalais konstituiert sich derweil der Vollzugsrat der Arbeiter- und Soldatenräte von Groß-Berlin zur nun höchsten Körperschaft der Revolution. Er konstituiert sich in seiner Bekanntmachung als oberste Kontrollinstanz aller Kommunal-, Landes-, Reichs- und Militärbehörden. Seinen Sitz nimmt er im Gebäude des aufgelösten preußischen Dreiklassenparlaments in der Leipziger Straße. „Hunderte von Arbeitern, Soldaten, Delegationen aus Betrieben und Gemeinden kommen, erklären ihre Bereitschaft zur Mitarbeit, warnen vor konterrevolutionären Anschlägen, verlangen Rat.“ 600 bis 800 täglich, berichtet Richard Müller. „Der Vollzugsrat ist für hunderttausende Berliner Werktätige das Symbol für die Errungenschaften, die das Volk dem Novemberaufstand verdankt: Sturz der Monarchie, Aussicht auf rasche Beendigung des Krieges, Beseitigung der Militärdiktatur, Beseitigung des verhaßten Dreiklassenwahlrechtes, Wahlrecht der Frauen, allgemeine Koalitions-, Presse- und Versammlungsfreiheit, Beseitigung der Gesindeordnung und anderer reaktionärer Gesetze aus Preußens Vergangenheit.“ In seiner ersten Bekanntmachung vom 11. November erklärt der Vollzugsrat: „Alle kommunalen, Landes-, Reichs- und Militärbehörden setzen ihre Tätigkeit fort … Alle seit Beginn der Revolution im Bereich Groß-Berlins provisorisch gebildeten Körperschaften, auch solche, die den Namen Arbeiter- und Soldatenrat führen und bestimmte Verwaltungsmaßnahmen ausgeführt haben, treten sofort außer Kraft. Alle weiteren Anordnungen und Verfügungen werden von den zuständigen zivilen und militärischen Stellen schnellstens erlassen werden.“

Auf einer Beratung in der Nähe des Anhalter Bahnhofs im Berliner Hotel Excelsior beschließt die Spartakusgruppe ihre Umwandlung in den Spartakusbund. Für die Massenarbeit wird eine Zentrale gebildet. Ihr gehören an: Hermann und Käte Duncker, Hugo Eberlein, Leo Jogiches, Paul Lange, Paul Levi, Karl Liebknecht, Rosa Luxemburg, Franz Mehring, Ernst Meyer, Wilhelm Pieck und August Thalheimer. Der Bund soll als Propagandavereinigung weiter der USPD angehören. Insbesondere Luxemburg und Jogiches rechnen mit einer revolutionären Entwicklung der Partei im Gefolge der revolutionären Bewegung. Beschlossen wird, die Leitung der „Roten Fahne“ Liebknecht und Luxemburg zu übertragen, ein Zentralbüro mit verschiedenen Sekretariaten zu schaffen und die Spartakusanhänger im ganzen Land organisatorisch zusammenzufassen. Luxemburg schlägt eine Liste nächster Aufgaben vor, darunter die Herausgabe von Zeitungen für die Jugend, für Frauen, Soldaten, eine theoretische Wochenzeitschrift und eine Zeitungskorrespondenz (Korrespondentenbeiträge zu Ereignisschwerpunkten oder -zusammenhängen). Die Zentrale arbeitet zunächst im Hotel „Stadt Halle“ in der Wilhelmstraße 114. Am 12. Dezember Umzug in die Räume der „ROSTA“, den ehemaligen Standort der aus Deutschland ausgewiesenen sowjetischen Presseagentur in der Friedrichstraße 217.

Die Volksbeauftragten-Regierung schreibt an Reichspräsident Hindenburg: „Wir bitten für das gesamte Feldheer anzuordnen, daß die militärische Disziplin, Ruhe und straffe Ordnung im Heer unter allen Umständen aufrechtzuerhalten sind, daß daher den Befehlen der militärischen Vorgesetzten … unbedingt zu gehorchen ist … Die Vorgesetzten haben Waffe und Rangabzeichen beizubehalten. Wo sich Soldatenräte oder Vertrauensleute gebildet haben, haben sie die Offiziere … rückhaltlos zu unterstützen.“

Obermaat Paul Wieczorek, der am 9. November die Besetzung des Militärflugplatzes Johannisthal und die Entwaffnung des Stabes des Militärfliegercorps geleitet hatte, beruft im Berliner Marstall eine Matrosenversammlung ein. Ziel ist die Gründung einer Gruppe revolutionärer Matrosen. Der ohne Rangabzeichen in Soldatenuniform teilnehmende Reserve-Oberleutnant Graf Hermann Wolff-Metternich (Nachrichtenabteilung Kürassierregiment) schlägt vor, sich dem sozialdemokratischen Stadtkommandanten Wels zu unterstellen. Heinrich Dorrenbach, Teilnehmer des Januarstreiks, schlägt dagegen vor, sich dem revolutionären Berliner Polizeipräsidenten Eichhorn zur Verfügung zu stellen. Metternich will im Auftrage der Volksbeauftragten-Regierung eine Sicherungsgruppe gegen die revolutionären Berliner Arbeiter organisieren. Dorrenbach versucht in Abstimmung mit Karl Liebknecht eine verlässliche militärische Formation aufzubauen. Es konstituiert sich der Volksmarinerat von Groß-Berlin und Vororten. Zum Kommandanten der Volksmarinedivision wird Paul Wieczorek gewählt und ihm gehören u. a. an: Metternich – er erklärt den Matrosen, dass er auf Adelstitel und Offizierstitel verzichtet hat und nun für die Revolution tätig ist - und Dorrenbach. Die Division übernimmt die Bewachung wichtiger Gebäude im Stadtzentrum.

Beginn einer Kette von Bergarbeiterstreiks in Deutschland.

Unterzeichnung des Waffenstillstandes von Compiègne zwischen dem Deutschen Reich und Frankreich sowie Großbritannien. Die Bedingungen für Deutschland: binnen 15 Tagen Belgien, Frankreich, Elsass-Lothringen räumen; Auslieferung von 5.000 Kanonen, 3.000 Minenwerfern, 25.000 Maschinengewehren, 1.700 Flugzeugen, 5.000 Lokomotiven, 150.000 Waggons, 5.000 Kraftwagen, 100 Unterseebooten, 8 leichten Kreuzern, 6 Panzerkreuzern. Die deutschen Vertreter bitten bei den Waffenstillstandsverhandlungen um die Überlassung von 5.000 Maschinengewehren mehr als vorgesehen, weil sie zur Niederschlagung der Revolution erforderlich seien. Die Bitte wird gewährt.

Auf Beschluss des Allrussischen Zentralexekutivkomitees gehen aus Moskau für die deutschen Arbeiter zwei Getreidezüge mit je 25 Waggons als Solidaritätsaktion nach Deutschland ab. Auf der Fahrt, in Minsk, ereilt den Transport eine ablehnende Antwort von Hugo Haase/USPD als Mitglied der Volksbeauftragten-Regierung aus Berlin. Der Transport wird durch General von Falkenhayn im Auftrag der Volksbeauftragten-Regierung gestoppt. Philipp Scheidemann erläutert später, dass dieses bedingungslose Geschenk der russischen für die deutschen Arbeiter dazu führen würde, dass die Westmächte Deutschland jede Lebensmittelhilfe verweigern würden.

Der Großherzog von Hessen-Darmstadt wird vom Arbeiter- und Soldatenrat für abgesetzt erklärt. Der Herzog entbindet die Beamtenschaft erst am 18. März 1919 von ihrem Treueeid, erklärt aber nie formal seinen Rücktritt.

Friedrich August Großherzog von Oldenburg dankt ab, tritt von der Regierung zurück und zieht sich auf sein Schloss Rastede zurück.

Am 11. November danken auch die regierenden Fürsten Heinrich XXVII. Fürst Reuß-Gera und Heinrich XXIV. Fürst von Reuß-Greiz ab.

Auf einer Volksversammlung verkündet die SPD, dass der Arbeiter- und Soldatenrat in Coburg die Verwaltung übernommen hat und fordert den Rücktritt des Herzogs. Dieser flieht auf Schloss Callenberg.

12. November          Der Vollzugsrat der Arbeiter- und Soldatenräte ruft Arbeiter und Parteigenossen in Groß-Berlin auf, den militärischen Schutz der Revolution zu übernehmen. Der Aufruf des Vollzugsrates, mit 2.000 Mann am nächsten Tag Arbeiter zu bewaffnen und mit ihnen eine rote Garde zu bilden, löst sofort Propagandaaktionen der Gegenrevolution insbesondere unter den Soldatenräten aus. Den Soldaten wird erzählt, der Vollzugsrat wolle sich eine eigene militärische Macht schaffen und sehe sie als Gegenrevolutionäre an. Am Abend des 13. November werden die Soldatenräte in die Alexanderkaserne gerufen. Die erregten Soldatenräte bilden eine Kommission und fordern die Rücknahme des Aufrufs des Vollzugsrates. In der zugespitzten Situation stellt der Vollzugsrat die Bildung einer roten Garde ein.

Die Volksbeauftragten-Regierung verkündet mit Gesetzeskraft Aufgaben dieser gleichsam aus der Revolution hervorgegangenen Regierung: Aufhebung des Belagerungszustandes, d. h. der Machtdominanz der Militärbehörden und ihres Kriegsrechts über zivile Bereiche, Gewährleistung des Vereins- und Versammlungsrechts, Abschaffung der Zensur, freie Meinungsäußerung, Freiheit der Religionsausübung, Amnestie für politische Straftaten, Aufhebung des Hilfsdienstgesetzes, d. h. des Arbeitszwangs in der Rüstungsindustrie, Aufhebung der Gesindeordnung, d. h. des Freizügigkeit beschränkenden, der Disziplinierung dienenden Regelwerkes und die Wiedereinsetzung der Arbeitsschutzbestimmungen. Angekündigt wird die Einführung des Achtstundentages ab 1. Januar 1919, eine Verordnung über Erwerbslosenfürsorge und Krankenversicherung. Abhilfe der Wohnungsnot und Volksernährung werden thematisiert. Alle Wahlen sind künftig als gleiche, geheime, direkte und allgemeine Wahlen durchzuführen.

Die Volksbeauftragten-Regierung an die Oberste Heeresleitung: Geordnete Demobilisierung, kein willkürliches Zurückfluten. Das Vorgesetztenverhältnis der Offiziere bleibt bestehen („Verhältnis zwischen Offizier und Mann hat sich auf gegenseitiges Verständnis aufzubauen.“), gleiche Ernährung, gleiche Zuschüsse zu den Löhnungen. Die Soldatenräte haben beratende Stimme in Fragen der Verpflegung, des Urlaubs und der Verhängung von Disziplinarstrafen. „Ihre oberste Pflicht ist es, auf die Verhinderung von Unordnung und Meuterei hinzuwirken.“

Bildung der „Sozialisierungskommission“ mit Hilferding und Kautsky an der Spitze. Professor Wilbrandt, Mitglied der Sozialisierungskommission: „Um die wilde Menge zu beruhigen, mußte man ihr ein Zauberwort sagen; ein solches Zauberwort sollte die Sozialisierung sein.“

Im Auftrag des Vollzugsrates der Arbeiter- und Soldatenräte werden Paul Hirsch (SPD) und Heinrich Ströbel (USPD) Vorsitzende des Revolutionskabinetts Preußens. Am 14. November geht ihr Rundschreiben heraus: „In einer Reihe von Stadtgemeinden ist die Stadtverordnetenversammlung und sind die Deputationen aufgehoben, und an ihre Stelle sind für die gesamte Gemeindeverwaltung die zur Durchführung der Revolution gebildeten Organe gesetzt worden. Ein derartiges Vorgehen widerspricht den grundlegenden Erlassen der neuen Zentralorgane in Reich und Staat.“ Hirsch ist zugleich preußischer Innenminister und wird am 4. Januar 1919 den revolutionären Polizeipräsidenten Eichhorn seines Amtes entheben.

Gründung der „Bayerischen Volkspartei“ (Zentrum).

Regierungserklärung der Volksbeauftragten-Regierung. Im Aufruf „An die deutsche Landbevölkerung!“ wird die unverzügliche Bildung von Bauernräten gefordert. Die reaktionäre Gesindeordnung und die Ausnahmegesetze gegen die Landarbeiter werden aufgehoben. „Allen willkürlichen Eingriffen Unberufener“ in die „Eigentums- und Produktionsverhältnisse“ ist entschieden entgegenzutreten. Karl Liebknecht warnt einige Tage später, dass sich auf dem Lande die wohlhabenden Schichten zu einem Block zusammenschließen, „dessen Gefährlichkeit um so größer ist, je mehr das Landproletariat seinen Einflüssen überlassen und zugänglich ist.“ Die regierungsseitig verordneten Wahlen zu den Bauern- und Landarbeiterräten haben regelmäßig ein großes Gewicht der Junker und Großgrundbesitzer zum Ergebnis. Im pommerschen Greifenhagen protestiert der Arbeiter- und Soldatenrat am 30. November gegen die Richtlinien zur Bildung und zu den Aufgaben von Bauern- und Landarbeiterräten, die darauf gerichtet seien, die alten Zustände zu erhalten und Volkskontrolle auszuschalten. In Bad Freienwalde gibt der Arbeiter-, Soldaten- und Bauernrat Oberbarnim Richtlinien heraus, die u. a. die Wahl von Großgrundbesitzern ausschließen.

General Ludendorff, vormals Oberste Heeresleitung, flüchtet mit einem von den Behörden blanko übergebenen Pass aus Berlin nach Schweden.

Nach Straßendemonstrationen verzichtet Prinz Aribert im Namen des noch minderjährigen Herzogs Joachim Ernst von Anhalt und der gesamten anhaltinischen Fürstenfamilie auf den Thron.

Leopold IV. Fürst zur Lippe wird durch den lippischen Volks- und Soldatenrat zum Thronverzicht gedrängt und dankt ab.

13. November          Die Sowjetregierung erklärt den Gewaltfrieden von Brest-Litowsk für null und nichtig.

Die „Deutsche Zeitung“ berichtet, dass der „Hansabund“, eine vom Centralverband deutscher Industrieller getragene Vereinigung, zur Bildung von Bürgerausschüssen auffordert und empfiehlt, sie im Einklang mit der Rätewelle „Bürgerräte“ zu nennen.

In Berlin wird an den Generalsekretär christlicher Gewerkschaften Deutschlands und Vorstandsmitglied des Reichsernährungsamtes Adam Stegerwald vom Präsidenten der AEG Walther Rathenau die Bitte herangetragen, einige tausend Soldaten zum Schutz von Berlin anzuwerben. Mittel würden ausreichend zur Verfügung gestellt. Am 16. November wird die Zuweisung der Truppen für Berlin vom Staatskommissar für Demobilmachung Koeth zugebilligt. Die Truppen stellten sich allerdings einige Tage später, bezogen auf die Anforderungsintention, als unzuverlässig heraus.

Durch Franz Seldte wird in Magdeburg die paramilitärische Organisation „Stahlhelm, Bund der Frontsoldaten“ gegründet. Sie versteht sich als Kampfreserve der durch den Friedensvertrag von Versailles auf 100.000 Mann beschränkten Reichswehr. Finanziert von ehemaligen Militärs, Unternehmern (Deutscher Herrenklub) und Großgrundbesitzern, fordert man im gleichnamigen Zentralorgan einen Revanchekrieg und die Errichtung der Selbstherrschaft (Autokratie) in Deutschland.

Konstituierung des Zentralen Arbeiter- und Soldatenrates in Dresden. Friedrich August III. König von Sachsen verzichtet auf den Thron, entbindet Offiziere und Beamte von ihrem Treueeid und zieht sich auf seine schlesische Besitzung Schloss Sibyllenort zurück. Zuvor hatte er die Niederschlagung der Aufstände in den sächsischen Städten Dresden, Leipzig und Chemnitz, wo Arbeiter- und Soldatenräte die Macht übernommen hatten, untersagt.

Nach Verhandlungen zwischen dem Arbeiter- und Soldatenrat und dem de facto weiterregierenden Herzog Ernst II. von Sachsen-Altenburg setzt dieser eine neue Regierung ein und verzichtet am 13.11. auf den Thron. Am 14.11. wird der Thronverzicht offiziell bekannt gegeben.

Der Gothaer Arbeiter- und Soldatenrat erklärt Carl Eduard Herzog von Sachsen-Coburg und Gotha für abgesetzt, worauf dieser am 13. November seinen Rücktritt erklärt, der am 14. November durch den Staatsminister von Bassewitz in einer Sitzung des gemeinsamen Landtags in Gotha verkündet wird und der den Thronverzicht auf beide Herzogtümer bedeutet.

In Preußen tritt die Verordnung über die Erwerbslosenfürsorge in Kraft, die erstmals das Recht auf Arbeit festschreibt.

14. November          Öffentliche Versammlungen der Freien Sozialistischen Jugend in Berlin. Jeweils 3.000 Jugendliche in den Pharussälen und parallel in den Sophiensälen. Zweitausend Jugendliche demonstrieren am nächsten Tag zum Vollzugsrat und überbringen Forderungen für den Reichsrätekongress.

Die Bayerische Räteregierung beschließt, ein Ministerium für soziale Fürsorge zu errichten.

Aufruf zur Bildung von Volkskirchenräten. Darin entwickeln der protestantische Theologe Paul Martin Rade und der Chemnitzer Pfarrer Bernhard Gay Forderungen, die, in einer revolutionären Situation formuliert, von weiterwirkender Bedeutung sein werden: „Die evangelische Kirche ist unabhängig von jeder Staatsform. Ihr Verhältnis zu dem gegebenen Staat kann nur das des gegenseitigen Dienens sein.“ Ursprüngliche reformatorische Überlegungen kommen wieder zum Tragen: Die evangelische Kirche gründet sich auf die religiöse Gleichberechtigung aller ihrer Glieder (allgemeines Priestertum auch der Laien). Zu den Persönlichkeiten, die sich dem Aufruf anschließen, gehören bekannte Theologen.

Oberhofprediger D. Ernst von Dryander hält im Potsdamer Neuen Palais seinen letzten Gottesdienst vor der Kaiserin. Die revolutionären Ereignisse kommentiert er 1922 in seinen Erinnerungen: „In unverständlichem Wahnsinn zerschlug die Revolution alles, was war, alte Autoritäten und bewährte Ordnungen, ohne sich auch nur zu überlegen, was sie an die Stelle setzen sollte. … Sie war nicht möglich ohne zielbewußte jahrzehntelange, im Krieg fortgesetzte, an die Front hinausgetragene Vorarbeit und das Beschämendste, sie war eine Fremdpflanze, die mit russischem Golde gepflegt unserem Volk in einem Moment in den Schoß gelegt wurde, wo alle Kraft nötig war, um in höchster Lebensgefahr sich über Wasser zu halten.“

Veröffentlichung der Verordnung der Volksbeauftragten-Regierung, dass alle Gesetze und Verordnungen aus der kaiserlichen Zeit in Kraft bleiben, und darüber, dass unbefugter Waffenbesitz Strafen bis zu fünf Jahren Gefängnis nach sich zieht.

Der Kommandeur der Volksmarinedivision, Paul Wieczorek, wird in Berlin durch Kapitänleutnant Friedrich Brettschneider erschossen. (Brettschneider war durch das Mitglied des Volksmarinerates Hermann von Wolf-Metternich als fachmännischer Mitarbeiter eingeführt worden.) Brettschneider holt am Lehrter Bahnhof 60 Matrosen ab, die als ausgewählte Freiwillige von der Volksbeauftragten-Regierung zum Schutz der Republik per Sonderzug aus Cuxhaven angefordert worden waren, und befiehlt ihnen, im Marstall die Wachen der revolutionären Matrosen zu entwaffnen. Zur Rede gestellt, erschießt er Wieczorek, bevor er von einem Matrosen unschädlich gemacht wird. Otto Tost, Gewerkschafter und einer der Organisatoren des Januarstreiks, wird von den Matrosen zum neuen Befehlshaber der Division gewählt und behält diese Position bis zum 23. November, als er zum Zentralrat der Marine wechselt. Die Volksmarinedivision unterstellt sich dem Berliner Polizeipräsidenten der Revolution, Emil Eichhorn.

In Berlin wird das Schauspielhaus mit Lessings „Nathan der Weise“ und die Oper mit „Die Meistersinger von Nürnberg“ wiedereröffnet, nunmehr als staatliches Schauspielhaus und Staatsoper.

Friedrich Franz IV., Großherzog von Mecklenburg, verzichtet nach Berufung der Volksregierung aus Mitgliedern der Reichsparteien für sich und seine Familie auf den Thron und emigriert zunächst nach Dänemark.

Fürst Friedrich von Waldeck-Pyrmont wird vom Kassler Arbeiter- und Soldatenrat für abgesetzt erklärt, leistet jedoch als einziger deutscher Fürst keinen Verzicht. Er will seinen Thronverzicht erst nach einer Volksabstimmung unterzeichnen.

Neben dem Zentralen Arbeiter- und Soldatenrat für Sachsen konstituiert sich in Dresden aus SPD und USPD der Rat der Volksbeauftragten und löst die königlich-sächsische Regierung ab.

Bildung eines Aktionsausschusses des Arbeiter- und Soldatenrates aus USPD und Linksradikalen in Bremen, der am 14. November die Funktion der Regierung übernimmt. Der Bremer Senat amtiert als Verwaltungsleitung weiter.

Der ehemals kaiserliche Bundesrat wird von der Volksbeauftragten-Regierung per Verordnung ermächtigt, seine Verwaltungsaufgaben weiter auszuführen.

15. November          „Die Freiheit“ (Berliner Organ der USPD) erscheint zum ersten Mal. Leitender Redakteur ist Rudolf Hilferding.

Stinnes-Legien-Abkommen. Die kapitalistischen Unternehmer sehen sich aus Furcht vor einer Sozialisierung ihrer Unternehmen zum Abschluss eines Arbeitsgemeinschaftsabkommens zwischen Unternehmern und Gewerkschaften gezwungen. Von 21 Industrie- und Gewerbeverbänden und 7 Gewerkschaften wird die Regelung der Arbeitsbedingungen durch Kollektivvereinbarungen, die Schaffung von Arbeiterausschüssen als Interessenvertreter und die Einführung des Achtstundentages vereinbart.

Beschluss des Vollzugsrates der Arbeiter- und Soldatenräte: „Die Vertretung der wirtschaftlichen Interessen für alle in den Betrieben Groß-Berlins beschäftigten Personen ist Aufgabe der freien Gewerkschaften.“ (Freie, sozialistisch organisierte Gewerkschaften innerhalb der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung in Abgrenzung von den liberalen Hirsch-Dunckerschen Gewerkvereinen und den christlichen Gewerkschaften. Seit dem Stinnes-Legien-Abkommen anerkannter Verhandlungspartner der Unternehmerverbände.) Im Gefolge des Vollzugsrat-Beschlusses fordert die Berliner Gewerkschaftsorganisation, sämtliche Arbeiter- und Soldatenräte aufzulösen. Gegen die geforderte Unterordnung der Rätebewegung in den Betrieben unter die Gewerkschaftsführer wenden sich die Betriebsräte. Richard Müller bezeichnet den Beschluss etwas später als Fehler; am 16. November wird als Kompromiss das Bestehen bleiben der Fabrikarbeiterräte bis zur Neuwahl beschlossen.

In einem Erlass untersagt der Kultusminister des nunmehrigen Ministeriums für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung, der Freidenker und Mitbegründer der USPD Adolph Hoffmann, volksverhetzende Äußerungen im Geschichtsunterricht. Ein solcher Missbrauch solle in der Zukunft unterbleiben und einer „sachgemäßen kulturhistorischen Belehrung Platz … machen“. Alle tendenziösen und falschen Belehrungen über den Weltkrieg, alle abfälligen oder entstellenden Bemerkungen über die Ursachen und Folgen der Revolution sollen unterlassen werden.

Fürst Adolf von Schaumburg-Lippe wird zum Thronverzicht gezwungen. Die Regierungsgewalt übernimmt der Arbeiter- und Soldatenrat.

16. November          Gründung der Deutschen Demokratischen Partei (DDP).

Bekanntmachung des Vollzugsrates der Arbeiter- und Soldatenräte mit jetzt anderer Intention als fünf Tage zuvor: „Nach eingegangenen Meldungen sind die reaktionären Regierungsgewalten vielerorts bestrebt, ihre Tätigkeit nach altem System fortzusetzen. Durch den Erlaß der preußischen Regierung sind alle Regierungspräsidenten und Landräte ermächtigt, ihr Amt weiter zu führen. Dies ist jedoch nur so zu verstehen, daß ihre Amtsführung unter schärfster Kontrolle durch die örtlichen Arbeiter- und Soldatenräte erfolgt. Alle Landräte und sonstigen Beamten, die ihre Amtstätigkeit nach dem alten System fortsetzen oder gegenrevolutionäre Bestrebungen bezeigen und unterstützen, sind durch den zuständigen Arbeiter- und Soldatenrat unverzüglich abzusetzen. Unbedingt sind allen Landratsämtern Beauftragte der Arbeiter- und Soldatenräte beizuordnen, denen die ständige Überwachung aller Maßnahmen obliegt. Offener Widerstand ist gegebenenfalls mit Waffengewalt zu brechen.“ Mit seiner Verordnung am 16. November regelt der Vollzugsrat die Beiordnung von Beauftragten für alle wichtigen behördlichen Dienst- und Amtsstellen mit dem Recht des vorläufigen Einspruchs. Entscheidungen über den Einspruch trifft der Vollzugsrat. Das System wird bei kommunalen Behörden und Amtsstellen relativ reibungslos eingeführt, bei Landesbehörden stößt die Durchführung der Verordnung vielfach auf Widerstand. Den Reichsbehörden werden, entsprechend einer Vereinbarung zwischen SPD und USPD, Beauftragte (Beigeordnete) durch die Volksbeauftragten-Regierung gestellt, auch dem Kriegs- und dem Marineministerium - nicht aber der obersten Heeresleitung. Kontrollen der Reichsbehörden durch den Vollzugsrat treffen regelmäßig auf Widerstand, auch durch die Volksbeauftragten-Regierung.

Hindenburg fordert das Offizierskorps durch vertrauliche Mitteilung auf, der Wahl von Soldatenräten „als Beschwerdeinstanz“ seine Aufmerksamkeit zuzuwenden: Das Heer brauche eine Schutzimpfung.

Übergabe des Abkommens über den Achtstundentag durch Hans von Raumer (Zentralverband der elektrotechnischen Industrie) und Carl Legien (Gewerkschaftsführer) an die Volksbeauftragten-Regierung. Von Raumer erinnert sich: „Man geht nicht zu weit mit der Feststellung, daß die ZAG (Zentralarbeitsgemeinschaft der industriellen und gewerblichen Arbeitgeber- und Arbeitnehmerverbände Deutschlands) im ersten Jahr ihres Bestehens Deutschland vor dem Chaos und vor einer bolschewistischen Revolution bewahrt hat. Als alle Autoritäten zusammenbrachen: Monarchie, Staat, Militär und Bürokratie, schuf sie durch den Zusammenschluß der Unternehmer mit den Gewerkschaften eine Macht, die die Wirtschaft und die Betriebe in Ordnung hielt. Der bei allen Revolutionen sonst zu beobachtende Vorgang, daß sich die Arbeiter gegen ihre Arbeitgeber wandten, wurde nicht ausgelöst, weil die Gewerkschaften fest zur Ordnung und ihrer Aufrechterhaltung mit den Unternehmern zusammenstanden.“

Der Schriftsteller Gerhart Hauptmann veröffentlicht ein politisches „Manifest der Künstler und Dichter“, in dem er sich positiv zur Revolution äußert.

17. November          Der Arbeiter- und Soldatenrat in Bremen schickt eine Kampfansage an die Volksbeauftragten-Regierung (Themen: Offiziersfrage, alle Macht den Räten).

Der Parteitag der USPD von Württemberg fordert den zukünftigen Reichsparteitag auf, zu den Fragen der Revolution Stellung zu nehmen. Der Parteitag von Württemberg stellt sich gegen zwei Stimmen auf den Boden des Aktionsprogramms des Spartakusbundes.

Aufruf des nationalistischen Ostmarkenvereins (Vereinsziel: Stärkung des Deutschtums in den deutsch annektierten Gebieten Polens) zur Gründung von Bürgerräten. (Das Bürgertum adaptiert die proletarische Organisationsform der Räte, übernimmt als entsprechende Organisationsformen Massenveranstaltungen, Streiks, Demonstrationen, Boykott, um gegen diese eigene Interessen durchzusetzen.)

Englische Truppen besetzen Baku.

Otto Wels, Führer der SPD in Berlin, seit dem 9. November 1918 Mitglied des Arbeiter- und Soldatenrates in Berlin und einen Tag später deren Stadtkommandant, ruft zur Gründung der Republikanischen Soldatenwehr auf. Unter seiner Führung als Interimslösung zum Schutz der öffentlichen Ordnung, Freiheit und Ruhe aufgebaut, konkurriert sie mit der unter Leitung des Polizeipräsidenten der Revolution Emil Eichhorn (USPD) stehenden Sicherheitswehr um die oberste Polizeigewalt. Die bewaffneten, mehr als dreitausend Mann umfassenden Einheiten des Polizei-Sicherheitsdienstes Eichhorns bewachen das riesige Polizeipräsidium und die angeschlossene Haftanstalt, beaufsichtigen die nunmehr waffenlos tätigen Schutzleute und übernehmen den Schutz gegen konterrevolutionäre und kriminelle Elemente in den ersten Tagen der Revolution.

18. November          Bildung eines Zentralen Arbeiter- und Soldatenrates für Mecklenburg-Strelitz.

Die USPD Sachsens fordert die Einberufung eines Parteitages. Der Parteivorstand lehnt diese auch von anderen Organisationen der Partei erhobene Forderung mit der Berufung auf „Verkehrsschwierigkeiten“ ab.

„Die Rote Fahne“ erscheint nach siebentägiger Unterbrechung unter Redaktion Karl Liebknechts und Rosa Luxemburgs.

Adolph Hoffmann, revolutionärer preußischer USPD-Minister für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung im Selbstverständnis:„Ich will hier weniger Minister als Ausmister sein“ fordert die völlige Trennung der Schule von der Kirche. Von ihm angeregt, lädt der Vorstand der Pfarrkonferenz Dr. Ludwig Wessel in Berlin zu einer Versammlung ein. Nahezu 250 Pastoren erscheinen, nicht jedoch die ehemaligen Hofprediger. Aus der Versammlung geht ein 11köpfiger Evangelischer Pfarrerrat von Großberlin hervor. Der Rat soll die Interessen der Pfarrerschaft bei der Regierung anmelden und der kirchlichen Erneuerung unter den Bedingungen der Trennung vom Staat dienen. In einer Erklärung fordert der Pfarrerrat, die Trennungsoperation nicht überstürzt durchzuführen und versichert der neuen Regierung die Bereitschaft, bei allen sozialen und humanitären Aufgaben der Neuzeit mitzuwirken. Die die Kirchenleitungen schockierende Wirkung des religionspolitischen Kurses von Minister Adolph Hoffmann führt am gleichen Tag zu einer gemeinsamen Sitzung des Evangelischen Oberkirchenrates und des Generalsynodalvorstandes. Ziel ist die Sicherung der Interessenvertretung der Kirchenleitungen in den seitens der Bürgerbeauftragten-Regierung vorgesehenen Wahlen zur Nationalversammlung. Dazu wird unter Einbeziehung sämtlicher kirchenpolitischer Richtungen eine Anzahl namhafter Persönlichkeiten berufen und eine Art Volksrat der Landeskirche für die tatkräftige Vertretung der evangelisch-kirchlichen Belange mit ca. 50 Mitgliedern geschaffen und als ein Vertrauensrat installiert. Die Konsistorien, der Oberkirchenrat bleiben für die Neueinrichtungsphase der evangelischen Landeskirchen unangetastet. Der Vertrauensrat soll den Oberkirchenrat beraten und kommt am 29./30.11.1918 zur ersten Sitzung zusammen. Innerkirchlich geht es um die Schaffung einer neuen Kirchenspitze, nachdem das Summepiskopat, d.h. die Leitung durch die Landesfürsten, mit deren Abdankung weggefallen ist, und nach außen um energische Interessenvertretung gegenüber der neuen Regierung vor allem zum Erhalt der Mitsprache in der Schulfrage.

Friedrich Ebert wird über den Plan der Obersten Heeresleitung informiert, Ebert nach militärischer Besetzung Berlins als vorläufigen Reichspräsidenten mit „diktatorischer Gewalt“ einzusetzen, sofort alle Arbeiter- und Soldatenräte aufzulösen, den alten Reichstag einzuberufen und die gesamte Bevölkerung zu entwaffnen.

Beschluss über den Beginn der Sozialisierung der Wirtschaft durch die Volksbeauftragten-Regierung. Sofort sozialisiert werden sollen Industriezweige, die dazu reif sind. Es soll eine Kommission aus Nationalökonomen und Vertretern der Arbeiter und der Wirtschaft gebildet werden. Die Sozialisierungs-Kommission soll Gutachten und Vorschläge für eine künftige Nationalversammlung erarbeiten. Im Unterschied hat das am 7. November 1918 auf der Grundlage des Ermächtigungsgesetzes von 1914, „zum Bewahren der deutschen Wirtschaft vor Schaden“ gegründete und von der Volksbeauftragten-Regierung bestätigte „Reichsamt für wirtschaftliche Demobilmachung“ weitgehende Befugnisse und diktatorische Vollmachten. Vorgesehen für die Sozialisierungskommission sind: Karl Ballod (Nationalökonom), Heinrich Cunow (Redakteur, SPD), Ernst Francke (Journalist, DDP), Rudolf Hilferding (USPD, Chefredakteur „Freiheit“), Otto Hue (SPD, Gewerkschaftsfunktionär), Karl Kautsky (USPD, Philosoph), Emil Lederer (Nationalökonom), Walther Rathenau (Industrieller, DDP), Theodor Vogelstein (DDP, Aufsichtsrat von Braunkohle- und Elektrizitätsgesellschaften) und Robert Wilbrandt (Professor für Volkswirtschaft, Amt für wirtschaftliche Demobilmachung).

Die Oberste Heeresleitung verbietet rote Fahnen und Abzeichen für das Feldheer. Die Volksbeauftragten-Regierung wird aufgefordert, Telefongespräche heimatlicher Soldatenräte zur Front zu unterbinden.

19. November          Erlass der Volksbeauftragten-Regierung gegen Streiks in lebenswichtigen Betrieben.

Bildung eines Hauptausschusses, eines 53er-Ausschusses und eines Zentralrates der Marine.

Der Hamburger Arbeiter- und Soldatenrat beruft den Senat und das Parlament zur Aufrechterhaltung der Hamburger Verwaltung wieder ein. Dagegen protestiert die Hamburger „Rote Fahne“.

20. November          Massendemonstration mit Trauerzügen von Arbeitern aller Berliner Betriebe, Soldaten und Matrosen in der Chausseestraße, am Alexanderplatz und in der Eichendorffstraße anlässlich der Beisetzung der Revolutionsopfer. Auf dem Friedhof der Märzgefallenen in Berlin-Friedrichshain werden beigesetzt: der Monteur Franz Schwengler, der Gastwirt Richard Glatte, der Werkzeugmacher Erich Habersath, der Sattler Karl Steinguter, die Arbeiterin Charlotte Nagel, der Gasarbeiter Otto Mai und der Schüler Fritz Wilsbeck. Auf der Hauptkundgebung auf dem Tempelhofer Feld spricht der Stadtverordnete und Volksbeauftragte Berlins, Dr. Kurt Rosenfeld (USPD). Luise Zietz (USPD), Emil Barth (Revolutionäre Obleute) und Karl Liebknecht (Spartakusbund) sprechen an den Gräbern. Das „Berliner Tageblatt“ meldet am 20. November, dass auch der Werkmeister Wenzel, Schlächter Joseph Baschinski, Kraftwagenführer Walter Kaminski, Soldat Karl Thiel, Kraftfahrer Sprengler, Ltn. Pöllmann, Paula Plate und ein unbekannter Matrose ihren Verletzungen erlagen.

Als politisches Gegengewicht zu den sozialistischen (freien) Gewerkschaften bilden die christlichen und die liberalen (Hirsch-Duncker) Gewerkschaften und der Deutsch-Nationale Handlungsgehilfenverein den Demokratischen Gewerkschaftsbund.

Konstituierung des Bürgerrats von Groß-Berlin auf einer Veranstaltung von 2.000 Teilnehmern bürgerlicher Verbände und Vereine im Zirkus Busch. Der erste Vorstandsvorsitzende, Waldemar Koch, vormals AEG-Direktor, dann Wirtschaftsministerium, sieht den Bürgerrat als Widerstandsorganisation gegen den Versuch der Spartakisten, Berlin mit einem Arbeiter- und Soldatenrat zu regieren und richtet dessen „energische Propagandatätigkeit in erster Linie gegen die Kommunisten“ aus. Der Bürgerrat fordert die alsbaldige Einberufung der Nationalversammlung sowie „den unbedingten Schutz des Eigentums gegen gesetzlose bolschewistische und andere gewaltsame Eingriffe“ und „die Unterlassung aller die Grundlagen produktiver Wirtschaft umgestaltenden Maßregeln wirtschaftlicher, finanzieller und politischer Art …“. Dem geschäftsführenden Ausschuss gehören an: der Schwager von Gustav Stresemann, Dr. Kurt von Kleefeld, vormals Geschäftsführer des Wirtschaftsinteressenverbandes „Hansabund“, dann Leiter der Güter- und Finanzverwaltung des Fürsten Christian Kraft zu Hohenlohe-Oehringen und von diesem am Abdankungstag noch geadelt, Kurt Köhler, Geschäftsführer des „Hansabundes“, und der Präsident der Berliner Handelskammer Karl Rahardt sowie der Bankier und Aufsichtsrat in verschiedenen Firmen, Salomon Marx. Die Geschäftsstelle am Berliner Schiffbauerdamm 6-7 ruft das gesamte deutsche Bürgertum auf, überall in Stadt und Land Bürgerräte zu konstituieren. Geplant ist die Bildung eines Zentralbürgerrates, der die Interessen des deutschen Bürgertums vertreten soll. Ende November bestehen in mehr als 100 deutschen Städten Bürgerräte, zum Teil mit bürgerlich-demokratischen Vorstellungen, dann überwiegend den Gegensatz des Bürgertums zur SPD betonend.

Von der Volksbeauftragten-Regierung wird der Vorschlag des Vollzugsrates, Hindenburg/Oberste Heeresleitung sofort abzusetzen, ohne Diskussion abgelehnt.

Gründung der Kommunistischen Partei Ungarns.

21. November          Massenversammlung und Demonstrationen, vom Spartakusbund organisiert, in Berlin. In der „Roten Fahne“ schreibt Liebknecht: „Zwischen der bisherigen politischen Form und dem bisherigen sozialen Inhalt der deutschen Revolution klafft ein Widerspruch, der Lösung heischt und in dessen Lösung sich die weitere Entwicklung der Revolution vollziehen wird. Ihre politische Form ist die einer proletarischen Aktion, ihr sozialer Inhalt der einer bürgerlichen Reform … Die Zentralen der Staatsgewalt waren am 9. November in den Händen der Arbeiter und Soldaten; niemand hätte sie auch hindern können, wichtige wirtschaftliche Machtmittel zu ergreifen. Stattdessen haben sie sich auch die bereits eroberten Machtmittel seit dem 9. November mehr und mehr wieder entgleiten lassen. … Parallel mit diesem Prozeß der Schwächung des Proletariats geht der höchst intensive Prozeß der Sammlung aller Todfeinde des Proletariats.“

Streiks in der Berliner Metallindustrie bis 29. November zur Erfüllung der Lohnforderungen. Die Arbeiter der Siemens-Werke treten in den Streik, als die Direktion sich weigert, den Arbeiter- und Angestelltenrat anzuerkennen, der Lohnerhöhungen fordert. Demonstrationsstreik von 6.000 Arbeitern in Berlin-Reinickendorf. Die Streikbewegung greift auf die Fritz-Werner-AG, die Deutsche Motorenbau-Gesellschaft, die Siemens-Schuckertwerke, die Firma C. Flohr und andere Metallbetriebe über. Die Unternehmer hoffen auf das Abkommen vom 15. November, wonach Verhandlungspartner Unternehmerverband und Gewerkschaft sein sollen. Die Arbeiter der drei großen Zeitungsfirmen Mosse, Ullstein und Scherl schließen sich dem Streik an, ohne ihre Gewerkschaft zu informieren. Die Volksbeauftragten-Regierung nennt die Streikwelle „wirtschaftlichen Wahnsinn.“ Die Streiks werden als „Wilde Streiks“ und als „Sabotage am Sozialismus“ diffamiert. Die Positionen der Betriebsräte sind durch die Streiks wieder gestärkt. In der „Roten Fahne“ bewertet Rosa Luxemburg am 27. November die Streiks als ersten Anfang einer Generalauseinandersetzung zwischen Kapital und Arbeit. Die Revolution habe die Lebensverhältnisse der Arbeitenden wenig verändert.

22. November          Arbeiter- und Soldatenräte Badens treten für bürgerliche Demokratie ein.

Friedrich II. Großherzog von Baden verzichtet auf den badischen Thron.

Soldatenräte von Hamburg und Umgebung beschließen, sich hinter die Regierung der Volksbeauftragten zu stellen. Ähnliche, meist von der SPD organisierte Entschließungen fassen in der Folge viele Räte, insbesondere Soldatenräte.

23. November          Gründung der Deutschen Volkspartei (DVP), vorher Nationalliberale.

Stadtkommandant Otto Wels (SPD) erlässt einen Aufruf, dass die Berliner Garnison geschlossen durch Berlin marschieren soll, um der Bürgerschaft das Gefühl von Ruhe wiederzugeben.

Bergarbeiterstreik in Rheinland-Westfalen. Die Streikbewegung hält bis Januar 1919 an.

Der Vollzugsrat der Arbeiter- und Soldatenräte veröffentlicht eine von Brutus Molkenbuhr (SPD) und Richard Müller (USPD, Revolutionäre Obleute) unterzeichnete Erklärung zur staatsrechtlichen Stellung der Arbeiter- und Soldatenräte und der Volksbeauftragten, da ein großer Teil der Presse die Räte ablehnt, ihre Kundgebungen totschweigt und gegen den Vollzugsrat Misstrauen schürt. „Der Vollzugsrat der Groß-Berliner Arbeiter- und Soldatenräte betrachtet seine Aufgabe der Reichsregierung gegenüber als die einer provisorischen Kontrollinstanz. … Die Berufung und Abberufung des entscheidenden Kabinetts der Republik – und bis zur Regelung der staatlichen Verhältnisse auch Preußens – erfolgt durch den zentralen Vollzugsrat, dem auch das Recht der Kontrolle zusteht.“ Die öffentliche Klarstellung trägt den Auseinandersetzungen innerhalb des Vollzugsrates Rechnung, bei denen der linke Flügel konsequentes Einschreiten gegen Kontrollen sabotierende Reichsämter forderte, und den Auseinandersetzungen mit den Volksbeauftragten, die dem Vollzugsrat das Kontrollrecht absprachen. Klargestellt wird darin auch, dass die politische Gewalt in den Händen der Arbeiter- und Soldatenräte liegt, die die Errungenschaften der Revolution behaupten, ausbauen und die Gegenrevolution niederhalten sollen. Den lokalen Arbeiter- und Soldatenräten wird für die Sicherung der revolutionären Errungenschaften ebenfalls das volle Kontrollrecht zugeschrieben, sie hätten sich aber direkter Eingriffe in die Verwaltung zu enthalten.

Am selben Tag beschließt der Vollzugsrat, einen Reichskongress der Arbeiter- und Soldatenräte nach Berlin einzuberufen. Den bestehenden Arbeiter- und Soldatenräten wird empfohlen, aus ihrer Mitte Delegierte zu wählen. Im Ergebnis zeigt sich ein zahlenmäßig überragender Einfluss von sozialdemokratischen Delegierten. Nur ein Fünftel der Delegierten bekennt sich zum Rätesystem.

Am gleichen Tag veröffentlicht der Vollzugsrat im Zusammenhang mit den sich aus seinem Beschluss vom 15. November ergebenden Fragen „Richtlinien für die Betriebsräte“, wonach diese gemeinsam mit den Betriebsleitungen bzw. der Direktion alle die Arbeiter und Angestellten betreffenden Fragen zu regeln haben. Fragen der Sozialisierung der Betriebe dürfen nur von einer sozialistischen Regierung unter Berücksichtigung aller inneren und außenpolitischen Verhältnisse vorgenommen werden. Außerdem: „Zur Eindämmung der Arbeitslosigkeit dürfen Entlassungen nicht erfolgen, bevor nicht die Arbeitszeit bis zu 4 Stunden herabgesetzt ist.“ Wegen fehlendem Kontroll- und Mitbestimmungsrecht fordert am 25. November eine Vertrauensmännerkonferenz der Berliner Betriebsarbeiter, die Gewerkschaftskommission durch Vertreter der Arbeiterräte zu erweitern, da sie lähmend auf die Arbeit der Arbeiterräte wirkt.

Günther Victor Fürst von Schwarzburg-Rudolstadt dankt ab. Mit einem von ihm am 22. November erlassenen und vom Landtag bestätigten Gesetz wurde eine Abfindungsvereinbarung über seine Besitz- und Vermögensverhältnisse getroffen. Dem ehemaligen Landesherrn wurden eine lebenslange jährliche Rente von 150.000 Mark und Nutzungsrechte an dem Schloss Schwarzburg, Jagdschloss Rathsfeld und einigen Räumen der Heidecksburg zugesprochen. Am 23. November 1918 legt er die Regierungsgeschäfte für Schwarzburg-Rudolstadt und am 25. November 1918 für Schwarzburg-Sondershausen nieder.

24. November          Befehl im Garderegiment Potsdam, Kokarden und Tressen wieder anzulegen. Telegramm des Arbeiter- und Soldatenrats Köln. „Offiziere der 17. Armee begehen ständig schwere Ausschreitungen, lösen Arbeiter- und Soldatenräte auf, verhaften diese teilweise, gehen sogar zum Teil zu körperlichen Mißhandlungen derselben über. Rote Abzeichen und Fahnen werden gewaltsam entfernt. Erbitten sofortiges Eingreifen der Reichsregierung …“

Neuwahl der Arbeiter- und Soldatenräte in Dresden, Sieg der SPD. In Leipzig Sieg der USPD bei der Besetzung der Räte.

Die Deutschnationale Volkspartei (DNVP), vorher Konservative, tritt für parlamentarische Regierungsform, Sozialpolitik, Schutz des Privateigentums ein.

25. November          Der Kommandeur der nach Aachen zurückgekehrten IV. Armee verbietet das Hissen der roten Fahnen.

Reichskonferenz des Rates der Volksbeauftragten mit den Vertretern der Länderregierungen in Berlin. Kritik in zahlreichen Einzelfragen und an bürgerlichen Staatssekretären. Mit Ausnahme der Vertreter Gothas und Braunschweigs, Otto Geithner und August Merges, wird der Einberufung der Nationalversammlung zugestimmt. Das Kabinett der Volksbeauftragten-Regierung berät im Anschluss die Endfassung des Wahlgesetzes, schlägt als Wahltermin den 19. Januar 1919 vor, und am 29. November einigen sich SPD und USPD-Regierungsmitglieder auf den 16. Februar 1919, vorbehaltlich der Zustimmung durch den Reichsrätekongress.

Das Mitglied der Sozialisierungskommission Professor Emil Lederer schreibt im USPD-Organ „Die Freiheit“, dass „die Vergesellschaftung der Produktionsmittel“ sehr behutsam erfolgen muss. „Ich kann doch nicht den Unternehmer von seinem Schreibtisch wegjagen und einen beliebten Arbeiter oder Angestellten auf seinen Stuhl setzen – er wird sich nicht einmal in der Aktenregistratur auskennen.“

Reaktionäre landwirtschaftliche Verbände erlassen einen Aufruf zur Bildung von Bauernräten.

26. November          Aufruf des Zentrums zur Wahl von Bürger- und Bauernräten, zur Unterstützung der Regierung Ebert, gegen Bolschewismus, für Nationalversammlung.

Protest des Berliner Vollzugsrats gegen feudale Offiziere in den Soldatenräten.

Das 64. Infanterieregiment erklärt sich gegen die Nationalversammlung und für Räte.

Ein Entente-Geschwader läuft im Odessaer Hafen zur Unterstützung des gegen die Bolschewiki kämpfenden Generals Denikin ein.

27. November          Per Verordnung des Kultusministers Adolph Hoffmann (USPD) wird in Preußen die bisherige geistliche Ortsschulaufsicht der Kirchen und das obligatorische Schulgebet abgeschafft. Sie werden durch staatliche Schulinspektoren ersetzt.

28. November          Ebert bittet Wilson um eine Lebensmittelsendung nach Deutschland mit der Versicherung, dass Ruhe und Ordnung aufrechterhalten bleiben.

Der Parteiausschuss der SPD vertritt in einem Beschluss die Auffassung, dass das allgemeine, gleiche, direkte, geheime Wahlrecht die wichtigste Errungenschaft der Revolution sei und das Mittel, die kapitalistische Gesellschaftsordnung in planmäßiger Arbeit zur sozialistischen umzuwandeln. Gefordert wird die schleunigste Einberufung der Nationalversammlung.

Die USPD stellt in ihrem Aufruf klar: „Die Träger dieser Gewalt sind heute die Arbeiter- und Soldatenräte.“

Die antibolschewistische Kampagne des „Generalsekretariats zum Studium und zur Bekämpfung des Bolschewismus“ beginnt abends um 20 Uhr mit einem Vortrag dessen Gründers Eduard Stadtler im Großen Saal der Philharmonie. Veranstalter ist der Bürgerrat Groß-Berlin. Der Vortrag und weitere Propaganda-Schriften werden im Dezember in hoher Auflage verteilt.

29. November          Der Kultusminister in der Regierung der Volksbeauftragten Adolph Hoffmann (USPD) bestimmt, dass die Teilnahme am Religionsunterricht nunmehr freiwillig ist. Religion ist kein Prüfungsfach mehr.

Die Volksbeauftragten-Regierung beschließt das Reichswahlgesetz für die von ihr geplante zukünftige Nationalversammlung.

In der „Roten Fahne“ schreibt Rosa Luxemburg: „Das deutsche Proletariat braucht heute an seiner Spitze eine sozialistische Partei, die der großen Stunde gewachsen ist. Für eine Partei der Halbheit und Zweideutigkeit ist in der Revolution kein Platz.“ Sie verlangt einen sofortigen USPD-Parteitag zur Klärung.

30. November          Fortdauernde Streiks im Ruhrgebiet und in Oberschlesien.

Verkündung der „Verordnung über die Wahlen zur verfassunggebenden Deutschen Nationalversammlung“ durch die Volksbeauftragten-Regierung.

Neuwahlen zu den Arbeiter- und Soldatenräten im Reich bis Ende November. Die überwiegende Mehrheit folgt den SPD- und Gewerkschaftsführern und tritt für eine Nationalversammlung ein.

Gründung der gegenrevolutionären „Eisernen Division“ in Mitau durch Reichskommissar Winnig (SPD) und den Soldatenrat der VIII. Armee.

Thronverzicht des letzten deutschen Monarchen, des Königs Wilhelm II. König von Württemberg. Die Regierung (Crispien - USPD, Blos - SPD) dankt ihm und seiner Gemahlin in einer öffentlichen Erklärung. Die provisorische Regierung sicherte ihm bereits am 29. November 1918 zu, dass er neben einer jährlichen Rente von 200.000 Mark sowie einem lebenslangen Wohnrecht im Jagdschloss Bebenhausen das uneingeschränkte Verfügungsrecht über sein Privateigentum behielte.

1. Dezember            Auf einer Zusammenkunft beschließen der US-amerikanische Präsident Wilson, der englische Premier Lloyd George und der französische Ministerpräsident Clemenceau Deutschland einzuladen, an der Befreiung Russlands und am Wiederaufbau Osteuropas mitzuhelfen, so Winston Churchill 1930. Seitens der Nachrichtenabteilung des US-amerikanischen Hauptquartiers werden im Dezember in Deutschland geheime Verbindungen zur Obersten Heeresleitung und zur Volksbeauftragten-Regierung aufgebaut. Die Oberste Heeresleitung wünscht Unterstützung im Kampf gegen Räte und Bolschewismus sowie Stützung der Volksbeauftragten-Regierung; die USA befürwortet eine wirtschaftliche Reorganisation in Deutschland, die ihr die Beteiligung mit bedingungsgebundenen Krediten ermöglicht, und politisch eine Staatsform ähnlich der ihren. Kanal dieser parallel zu den Friedensverhandlungen laufenden informellen Gespräche ist u. a. Oberst Arthur L. Conger, Chef der Nachrichtenabteilung des USA-Hauptquartiers.

Berliner Massenversammlungen des Spartakusbundes im Lehrervereinshaus in der Alexanderstraße (Luxemburg), im „Königsbau“ in der Großen Frankfurter Straße (Pankow), in der „Habel-Brauerei“ (Haberland), in der „Vereinsbrauerei Neukölln“ (Eberlein), in den „Hohenzollern Lichtspielen“ (Pieck), in den „Germania Sälen“ in der Chausseestraße (Levi) und in den „Prachtsälen des Westens“ (Liebknecht), in denen Entschließungen angenommen werden, die die Nationalversammlung als ein Mittel der Gegenrevolution ablehnen und die Übergabe der gesamten Macht an die Arbeiter- und Soldatenräte fordern. Es gelte die „Verräter der Arbeiterklasse und des Sozialismus, Ebert, Scheidemann und Genossen, von der Regierung zu verjagen.“ Verlangt wird Volksbewaffnung und durchgreifende Sozialisierung, d. h. Entmachtung des Monopolkapitals. Spartakusbund-Veranstaltungen dazu auch in Barmen, Düsseldorf, Elberfeld, Solingen und anderen Städten des rheinisch-westfälischen Industriegebiets.

Streikwelle im Reich (Anlässe: Lohn, Konflikte mit Unternehmern über die Befugnisse der Betriebsräte, Entfernung missliebiger Direktoren und Meister usw.).

Ein Flugblatt des Spartakusbundes „Wer schwingt die Hungerpeitsche?“ erscheint zu der von Ebert erbetenen Lebensmittellieferung der USA an Deutschland.

Offiziere in Kreuznach (Baden) verbrennen rote Fahnen.

Der Publizist und Generalsekretär der am gleichen Tag gegründeten „Antibolschewistischen Liga“, Eduard Stadtler, vormals Mitarbeiter der deutschen Botschaft in Moskau, errichtet in der Berliner Lützowstraße 107 ein „Generalsekretariat zum Studium und zur Bekämpfung des Bolschewismus“. Die Institution wird durch den Bankier Karl Helfferich (Deutsche Bank) und Friedrich Naumann (DDP) unterstützt. Bis Ende Januar richtet die Liga in Hamburg, Bremen, Königsberg, Düsseldorf, Essen, Dresden, Halle, Leipzig und Breslau Zweigstellen ein. Die Anfang Dezember in Berlin in großer Zahl auftauchenden Flugblätter und Plakate, die zur Ermordung der Führer des Spartakusbundes aufrufen, werden von der Liga in Umlauf gebracht und zwei Broschüren Stadtlers erscheinen gleichzeitig mit Startauflagen von 50.000 bzw. 100.000 Exemplaren. Am 8. Dezember 1918 werden die Räumlichkeiten der Liga von Angehörigen einer Arbeiterwehr durchsucht und versiegelt, wogegen der Berliner Vollzugsrat einschreitet.

Der Landessoldatenrat von Bayern fordert die Nationalversammlung, warnt vor dem Bolschewismus und billigt Eisners Politik.

Tag der Frontsoldaten in Ems vom 1. bis 2. Dezember; Vertreter der Frontsoldaten erklären sich für Sozialisierung und gegen Streiks in lebenswichtigen Betrieben.

2. Dezember            Flugblatt Hindenburgs an die Soldaten; gegen USPD und Spartakus, gegen Soldatenräte in der Heimat.

3. Dezember            Truppen in Essen holen eine rote Fahne herunter.

Konterrevolutionäre Verbindungen in Essen, Hamm und Paderborn aufgedeckt.

Konferenz der Führer der Berliner Truppen. Aufstellung eines Einsatzplanes. In Gegenwart des sozialdemokratischen Stadtkommandanten Otto Wels (SPD) und Oberst Kurt von Behr, Generalstabschef des Gardekorps, beschließen die Führer der Berliner Truppenteile unter Vorsitz der Unteroffiziere Krebs und Mutz bewaffnete Maßnahmen gegen den Spartakusbund und seine Sympathisanten. Durch Mutz und Krebs wird bekannt gegeben, dass eine Gegenrevolution der Spartakisten in den nächsten Tagen bevorstünde und unterdrückt werden müsse. Jedes Bataillon soll einen Trupp zusammenstellen, mit Karabinern und Maschinengewehren ausrüsten und Tag und Nacht alarmbereit halten. Jedem Soldaten dieser Kommandos stehen dafür fünf Reichsmark Sonderlöhnung zu. Krebs und Mutz fordern bis zum nächsten Tag Meldungen über verfügbare Mannschaftsstärke, Maschinengewehre, Munitionsbestände an und vereinbaren ein Alarm- und Chiffriersystem: Parole „Rot-Herz“.

Erste Sitzung der „Novembergruppe“ bildender Künstler, angestoßen durch die Maler Max Pechstein und César Klein. Die Novembergruppe als Verband radikaler Künstler wird zu einem Mittelpunkt im geistigen Berlin und will mitentscheiden bei der Kunstgesetzgebung und in allen Fragen künstlerischer Gestaltung. Zu ihr gehören Architekten, Maler, Dichter, Musiker und Kunsttheoretiker. Der Aufruf des Dichters und Literaturkritikers Ludwig Rubiner zur politischen Kunst „Der Dichter greift in die Politik“ wird aufgegriffen. Lyonel Feininger, Otto Dix, Wassili Kandinski, George Grosz, Bruno Taut, Walter Gropius und Mies van der Rohe schließen sich an. Mit ihnen entsteht ein „Arbeitsrat der Kunst“ mit revolutionären Ideen.

4. Dezember            Frontsoldaten in Thorn fordern die Entfernung der roten Fahnen.

Eine separatistische Versammlung des Zentrums in Köln fordert die Proklamierung einer selbständigen Rheinisch-westfälischen Republik (Organisator Konrad Adenauer, Oberbürgermeister von Köln und Vertrauensmann der Schwerindustriellen).

5. Dezember            Demonstration der Berufs-Unteroffiziere Berlins für Ebert.

Schießerei zwischen Rotgardisten und Husaren in Braunschweig.

Erste Sitzung der „Sozialisierungskommission“. Der „Vorwärts“ schreibt: „Aufgabe der Sozialisierungskommission wird es sein, von vornherein beruhigend zu wirken in dem Sinne, daß keine unvernünftigen Experimente zu befürchten sind und daß zum mindesten niemand einen Schaden davon haben wird, wenn er zunächst seiner vor dem Kriege gewohnten Beschäftigung wieder nachgeht. Sie wird sich des weiteren dessen bewußt sein müssen, daß zu jeder Nationalisierung, Verstaatlichung, Vergesellschaftung eine konstituierte Nation, ein konstituierter Staat, eine konstituierte Gesellschaft vorhanden sein muß, wie sie im Augenblick bei uns noch nicht bestehen. Die müssen erst wieder geschaffen werden, wenn wir festen Baugrund bekommen wollen.“

6. Dezember            Die Regierung der Volksbeauftragten tritt mit 5 Stimmen bei einer Stimmenthaltung für die Wahl der Nationalversammlung ein.

In Berlin: Erster konterrevolutionärer Putsch, gerichtet gegen die Macht der Arbeiter- und Soldatenräte und ihres Vollzugsrates. Gelöst werden soll die Frage: Bürgerliches Kabinett oder revolutionärer Vollzugsrat. Teile des Berliner Gardegrenadierregiments, Gardepioniere der Marinelandfliegerabteilung u. a. umstellen gegen 16:30 Uhr das Preußische Abgeordnetenhaus, in dem die Sitzung des Vollzugsrates der Arbeiter- und Soldatenräte Groß-Berlins stattfindet. In Vorbereitung auf den konterrevolutionären Putsch hatte die Oberste Heeresleitung ausgesuchte Truppenteile nebst einem besonderen Generalkommando unter Leitung von Generalleutnant Arnold Lequis am Rande Berlins bereitgestellt, die in Abstimmung mit Friedrich Ebert durch den Einmarsch von Fronttruppen Verhältnisse zu Gunsten des Rates der Volksbeauftragten herstellen sollen. Der Plan sieht vor, Berlin schrittweise zu besetzen und zu entwaffnen. Als Fanal dient die Verhaftung des revolutionären Vollzugsrates der Arbeiter- und Soldatenräte Groß-Berlins, der faktischen Parallelregierung. Alarmiert mit der Parole „Rot-Herz“ dringen Vize-Feldwebel Hans Fischer mit 30 Mann in das Sitzungszimmer ein und erklären den Vollzugsrat für verhaftet. In der Diskussion werden die befehligten Soldaten jedoch unsicher, und als das Mitglied der Regierung der Volksbeauftragten Emil Barth (USPD) erscheint und erklärt, dass ein Haftbefehl nicht vorliege, die Volksmarinedivision aus dem Marstall anrückt, Arbeiter aus Betrieben in großen Scharen erscheinen, um den Vollzugsrat zu befreien und von Reichskanzler Ebert durch Kurier Obermaat Wiener erfolglos ein schriftlicher Haftbefehl gefordert wurde, endet der Putschversuch im Abgeordnetenhaus. Der Befehl zur Verhaftung kam von Hauptmann Hans Coler vom Garde-Grenadier Regiment „Kaiser Franz“ (Die Franzer), auch Mitglied des Aktionsausschusses Groß-Berliner Truppen im preußischen Kriegsministerium.

Vor der Reichskanzlei marschieren derweil etwa tausend Soldaten, Matrosen und Zivilisten, nicht wenige mit einer Armbinde „Rot-Herz“, darunter viele Mitglieder der Studentenwehr, auf. Der Kommandeur des Kaiser-Franz-Regiments, der Marinefeldwebel Heinrich Spiro, ruft Friedrich Ebert zum Reichspräsidenten aus; der lehnt ab, müsse sich mit seinen Freunden in der Regierung besprechen. Aus dem im „Vorwärts“ vom 07.12.1918 veröffentlichten Protokoll der Aktion durch den Soldatenrat der „Franzer“ geht hervor, dass Hermann Josef Graf Wolff-Metternich, Reserveoberleutnant im 4. Kürassierregiment, Nachrichtenabteilung, seit dem 26.11. bis zum 7.12.1918 Kommandant der Volksmarinedivision, die Instruktion des Kommandeurs der „Franzer“ zur Durchführung der Ovation Eberts organisierte.

Das abziehende Gardegrenadierregiment wird auf Höhe des Warenhauses Wertheim von Hauptmann Hans Coler vom Garde-Grenadier Regiment gestoppt und ein neuer Befehl erteilt: Besetzung der Redaktion der „Roten Fahne“, der Zeitung der Spartakisten, und Beschlagnahme der Tresore und des Geldes. Sein Vorwand: Vorhandensein falscher Regierungsstempel. Die „Franzer“ lehnen die Beschlagnahme ab, prüfen im Rahmen der Besetzung die Stempelfrage und ziehen wieder ab.

Der Spartakusbund hat an diesem Nachmittag drei Versammlungen einberufen, in deren Gefolge Demonstrationszüge geplant sind, die sich im Stadtinneren zu einer gemeinsamen Kundgebung vereinen sollen. Polizeipräsident Emil Eichhorn (USPD) genehmigt sie unter der Bedingung, dass keine Waffen mitgeführt werden. Der Demonstrationszug der Spartakisten und sympathisierenden Arbeiter und Soldaten, weit über zweitausend Mann, von den Germaniasälen kommend, wird Ecke Invaliden- und Chausseestraße durch eine mit Maschinengewehren bewaffnete Abteilung der Gardefüsiliere in die Invalidenstraße umgeleitet. Teilnehmer der zweiten Versammlung kommen als Demonstrationszug vom Oranienburger Tor. Die Gardefüsiliere jagen Maschinengewehrsalven in den Demonstrationszug. 16 Demonstranten sterben, 12 werden schwer verwundet. Die Schützen werden von den Demonstranten entwaffnet. Unteroffizier Krebs, der am 3. Dezember die Vorbereitungskonferenz leitete, gab für dieses Blutbad den Befehl: „Mannschaften alarmbereit auf die Straßen gehen und Demonstranten von Germania- und Sophiensälen zerstreuen.“ In Gegenwart des sozialdemokratischen Stadtkommandanten hatten die Führer der Berliner Truppenteile unter Vorsitz der Unteroffiziere Krebs und Mutz zuvor Maßnahmen gegen die Revolutionäre beschlossen.

7. Dezember            Mittags in Berlin Unter den Linden und in der Siegesallee bewaffnet geschützte Massendemonstration, die erste, die der Spartakusbund selbständig organisiert hat, als Antwort auf den konterrevolutionären Putschversuch und Demonstrantenmord vom Vortag. Gefordert wird der Rücktritt der Volksbeauftragten-Regierung. „Rettet die Revolution, die Freiheit, den Sozialismus!“ Arbeiter entwaffnen Einheiten der republikanischen Soldatenwehr. Liebknecht spricht vor dem Zeughaus, Pieck in der Siegesallee, per Flugblatt wird zum Massenprotest am Sonntag, dem 8. Dezember, in den Treptower Park gerufen. 10.000 Arbeiter und Angestellte der AEG Werke Hennigsdorf legen aus Protest gegen die Demonstranten-Morde die Arbeit nieder.

Am 7. Dezember schreibt das Organ der USPD „Die Freiheit“: „Seit Tagen hatten sich alle Kloaken der Großstadt geöffnet, und eine Schlammflut von Verleumdungen häßlichster Art, von niedrigsten Hetzereien gegen die Träger der Revolution ergießt sich über die Stadt. Schlagt die Juden tot. Tötet Liebknecht! So klebt‘s an allen Anschlagsäulen, steht es auf hunderttausend Flugzetteln.“

Der Matrose Fritz Radtke wird zum Kommandanten der Volksmarinedivision gewählt. Hermann von Wolff-Metternich wird durch den Zentralrat der Arbeiter- und Soldatenräte als Kommandant der Volksmarinedivision abgesetzt. Metternich wurde überrascht, wie er mit Hilfe des Auswärtigen Amtes den Putschisten Auslandspässe besorgen wollte, auch hatte er die Lastwagen bereitgehalten, mit denen der verhaftete Vollzugsrat abtransportiert werden sollte. Wie sich später herausstellt, war Metternich - ein persönlicher Freund des abgedankten Kaisers und mit guten Beziehungen zu Ebert und Wels - einer der Hauptschuldigen am Putschversuch. Am 6. Dezember war er mit seiner Truppe und anderen Einheiten zur Reichskanzlei marschiert, wo Friedrich Ebert als Staatsoberhaupt mit diktatorischen Vollmachten ausgerufen werden sollte – eine Idee von Oberst Hans von Haeften (Oberste Heeresleitung), für deren Durchführung Ministerialdirektor Ferdinand von Stumm seinen Verwandten Metternich und dessen Volksmarinedivision empfohlen hatte. Metternich war von der Nachrichtenabteilung des Heeres zum Kreis revolutionärer Matrosen gewechselt, hatte Korvettenkapitän Friedrich Brettschneider, den späteren Mörder Paul Wieczoreks, eingeschleust und gelangte im Gefolge an ihre Spitze. Nach der Absetzung Metternichs beginnt die eskalierende Hetze und Verleumdungskampagne gegen die Volksmarinedivision.

Am selben Tag Bekanntmachung der Volksbeauftragten-Regierung, dass der Befehl zur Verhaftung des Vollzugsrates „von einem gewissen Marten und zwei Beamten des Auswärtigen Amtes, Graf Matuschka und von Rheinbaben erteilt worden ist.“ Der Unteroffizier Krebs wird darin für das Blutvergießen verantwortlich gemacht. Die Schuldigen sollen bestraft werden. Der Soldatenrat des Garde-Grenadier-Regiments Nr. 2 „Kaiser Franz“ („Franzer“) erklärt öffentlich, dass Hauptmann Hans Coler (Vorsitzender des Aktionsausschusses der Groß-Berliner Truppen im preußischen Kriegsministerium) den Auftrag zur Verhaftung des Vollzugsrates erteilt und auch, dass Graf Metternich die Führer des Putsches im Hotel Adlon zur Instruktion versammelt hatte. Bei Marten werden eine große Anzahl rote Herzbinden, Flugblätter gegen den Vollzugsrat und Spartakusbund gefunden, darunter nach dem erfolgreichen Putsch zu verteilende Flugblätter: „Kameraden, Mitbürger und Frauen! Laut lesen! Truppenteile der Berliner Garnison und der Front haben heute den verräterischen, unfähigen und betrügerischen Vollzugsrat festnehmen müssen, da dieser die Zukunft des Volkes auf das Schwerste gefährdet. In 14 Tagen hätten wir Hunger, Not, Seuchen und Neger in Berlin. Wir alle wollen Frieden, Freiheit, Ordnung und Brot. All dies wird gewährleistet durch eine sofortige Einberufung der Nationalversammlung, die wir als Weihnachtsgeschenk für die junge Republik fordern! Der Wille des Volkes sei oberstes Gesetz!“

Im Hotel „Bristol“, Sitz des Vorstandes der zur Unterminierung der Revolution gegründeten Studentenwehr Unter den Linden, nimmt der Arbeiter- und Soldatenrat Neukölln mit Unterstützung der Marinedivision 70 konterrevolutionäre bewaffnete Offiziere, Diplomaten und Studenten, darunter Prinz Kraft zu Hohenlohe, Graf Bismarck und Graf Sierstorpff, fest. Die Gefangenen werden dem Polizeipräsidium überstellt. Bei Hohenlohe werden Flugblattentwürfe sichergestellt, in dem die Entente zur Sicherung der Ordnung zum Einmarsch in Deutschland gebeten wird. Verhaftet werden auch der Gründer der Studentenwehr Dr. Alfons Sack und sein Verbindungsmann ins Reichskriegsministerium Hauptmann Hans Lorenz. (Die Bewaffnung der Studenten finanzierte Freiherr von Stumm vom Auswärtigen Amt.)

Am Abend verlangt der Vollzugsrat von der Volksbeauftragten-Regierung Rechenschaft über die Militäraktionen am 6. Dezember. Der Vorsitzende Richard Müller: „… Die Regierung ist insofern schuld an dem gestrigen Putsch, als sie der ungeheuren Hetze gegen den Vollzugsrat in der bürgerlichen Presse nicht entgegengetreten ist.“ Philipp Scheidemann antwortet: „Wir haben Pressefreiheit!“ Daraufhin Müller: „Die Pressefreiheit hört da auf, wo es heißt: Tötet Liebknecht! … Warum sind die Truppen zwei Tage alarmbereit in den Kasernen gewesen und hat man ihnen fünf Mark versprochen? Warum hat man noch keine Untersuchungskommission über die gestrigen Vorgänge eingesetzt? …“

Zeitungsbesetzungen in München.

8. Dezember            Großdemonstrationen im Friedrichshainer Humboldthain und am Bismarck-Denkmal vor dem Reichstag, zu denen die USPD aufgerufen hat. Georg Ledebour (USPD) fordert dort den Austritt der USPD-Vertreter aus der Regierung. Im Anschluss Teilnahme an der Demonstration des Spartakusbundes mit zehntausenden Teilnehmern im Treptower Park. Von zehn Tribünen rufen dort die Spartakus-Führer Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht, Paul Levi, Eugen Leviné, Hermann Duncker, Hugo Eberlein, Fritz Rück, Fritz Haberland und Otto Franke zur Fortsetzung der Revolution auf und enthüllen Einzelheiten des Gesamtplanes des konterrevolutionären Versuchs vom 6. Dezember. Die anschließende Demonstration in das Stadtinnere, der sich immer mehr anschließen, umfasst 150.000 - 200.000. Vor dem Reichskanzlerpalais wird die Forderung nach Rücktritt der Volksbeauftragten-Regierung skandiert, die Sicherheitswehr des Polizeipräsidiums schließt sich den Demonstranten an, vor der ehemaligen russischen Botschaft fordert Liebknecht deren sofortige Rückberufung. Vor dem Reichkanzlerpalais dann die Rufe: „Nieder mit Ebert-Scheidemann …“

Aufdeckung und Abwehr konterrevolutionärer Putschvorbereitungen in Hamburg und Chemnitz. Konterrevolutionäre Ulanen überfallen den Chemnitzer Arbeiter- und Soldatenrat. Vorübergehende Verhaftung Fritz Heckerts und vier anderer Mitglieder des Arbeiter- und Soldatenrates.

Streik von etwa 2.500 Arbeitern in Hamborn (Ruhr).

Der Arbeiter- und Soldatenrat in Mülheim (Ruhr) verhaftet die Großindustriellen Thyssen, Stinnes (junior) und andere wegen separatistischer Pläne und schafft sie nach Berlin, wo sie bald freigelassen werden.

Vereidigung der Truppen des Generalleutnants Lequis durch Friedrich Ebert. Lequis soll noch vor Beginn des Reichsrätekongresses die Ordnung in Berlin im Sinne der Obersten Heeresleitung wiederherstellen.

Brief Hindenburgs (Oberste Heeresleitung) an Friedrich Ebert, in dem er fordert, die Nationalversammlung noch im Dezember einzuberufen und die Arbeiter- und Soldatenräte sowie alle nicht der Obersten Heeresleitung unterstehenden Kräfte auszuschalten.

9. Dezember            „Die Rote Fahne“ bringt als dringende Meldung die Information über die als feierlichen Truppeneinzug getarnte Operation Berlin: „Achtung! Berlin umzingelt! Es ist festgestellt, daß rings um Berlin unter dem Generalkommando Lequis Truppen zusammengezogen sind … Die Truppen sind königstreu, die Offiziere verweigern jede Aussage, verhindern jeden Zutritt zu den Truppen. Sie sind bestimmt für Ruhe und Ordnung zu sorgen, die Regierung Ebert-Haase zu stützen, den Spartakusbund zu unterdrücken … In der Nacht sind die Linden abgesperrt worden. Bei der Kommandantur sind von Wels schußbereite Kanonen und Panzermobile aufgestellt … Arbeiter! Soldaten! Genossen! Achtung! Höchste Gefahr für die Revolution! ...“ Aus den Memoiren des Mitarbeiters von Groener in der Obersten Heeresleitung, Oberst Hans von Haeften, wurde über den Truppeneinmarsch bekannt, dass „bei deren feierlichem Einzug in Berlin eine Art Gegenputsch durchzuführen“ geplant war. „Mein Plan ging dahin, fünfzehn gut disziplinierte Divisionen in Berlin einziehen zu lassen. Bei ihrem Einzug sollte Ebert sie als die ruhmreichen Vertreter des deutschen Heeres auf dem Pariser Platz im Namen des deutschen Volkes feierlich begrüßen. In seiner Antwort sollte der Führer der Divisionen Ebert sein Bedauern über die undisziplinierten revolutionären Zustände in der Heimat aussprechen. Zum Schluß sollte er folgende Forderungen an Ebert richten: 1. Vorläufige Übernahme der Reichspräsidentschaft durch Ebert mit diktatorischer Gewalt, 2. Auflösung der Arbeiter- und Soldatenräte sowie Wiederherstellung der Kommandogewalt der Offiziere …“ Nach der Planung der „Operation Berlin“ sollten, beginnend am 10.12. mit dem divisionsweisen Einzug der Truppen, die Hauptgebäude besetzt, am 11.12. Arbeiter und Soldaten entwaffnet, unsichere Stadtteile durchsucht und am 13.12 die Besetzung Berlins abgeschlossen werden.

Vollversammlung des Magdeburger Arbeiter- und Soldatenrates in der Pauluskirche. Neben 281 Arbeitern und Soldaten sind auch 90 Vertreter des Bürgertums anwesend, die die Auflösung der Arbeiterbürgerwehr sowie die Auflösung der Arbeiter- und Soldatenräte und die sofortige Wahl einer Nationalversammlung fordern.

10. Dezember          Erste Divisionen rücken in Berlin ein. Die mit scharfer Munition versehenen Gardetruppen werden von Friedrich Ebert (Volksbeauftragten-Regierung, SPD), Generalleutnant Lequis (Befehlshaber Generalkommando) und dem Berliner Oberbürgermeister Adolf Wermuth empfangen. Militärkapellen spielen, vor dem Brandenburger Tor sind Tribünen aufgestellt, Eintrittskarten gedruckt. Am 11. Dezember folgen weitere Truppenverbände, begrüßt durch Hugo Haase (Volksbeauftragten-Regierung, USPD) und Otto Wels (Berliner Stadtkommandant, SPD). Der Berliner Vollzugsrat protestiert gegen die Ansammlung fremder Truppen in und um Berlin, und Arbeiter suchen die Kasernen auf und erklären die aktuelle politische Situation. Wilhelm Groener (Oberste Heeresleitung) konstatiert in seinen Lebenserinnerungen: „Es gab Regimenter, die während des Rückmarsches sich vornahmen, sobald sie in ihren Garnisonen wären, den Revolutionären, besonders den Matrosen, den Garaus zu machen; wenn sie aber in den Kasernen waren, wurden alle diese guten Vorsätze vergessen, und der Einfluß der Offiziere war dahin. So schnell wie möglich entlassen zu werden, war der Wunsch jedes einzelnen … So blieb nur die Aufstellung einer Freiwilligenarmee, die allein den Kampf gegen die städtischen Arbeitermassen aufnehmen konnte.“

Einreiseverbot für die Sowjetdelegation zum Reichskongress der Arbeiter- und Soldatenräte durch die Volksbeauftragten-Regierung. Hinter Dünaburg (Daugavpils/Lettland) wird die Delegation, bewaffnet eskortiert, zurückgeschickt. Der Delegierte Karl Radek gelangt illegal nach Berlin.

Die „Sozialisierungskommission“ erklärt sich für die „Sozialisierung“.

Etwa 50 Großindustrielle (Stinnes, Vögler, Krupp, Thyssen, Kirdorf und andere) stiften 500 Millionen für die Einrichtung eines Antibolschewistenfonds innerhalb der antibolschewistischen Liga des Publizisten Eduard Stadtler. Das Treffen wurde von Paul Mankiewitz/ Deutsche Bank organisiert. Ein Vertrauensmann des Industrieverbandschefs Hugo Stinnes verwaltet die Mittel. Nach Stadtlers Erinnerungen wurden damit neben der konterrevolutionären Bürgerratsbewegung auch Werbebüros und Einsätze des Freikorps finanziert.

Antibolschewistische Propagandawelle. Plakate erscheinen: „Sozialisierung der Frauen“, „Bürgerkrieg bringt Hunger“, „Liebknecht will neuen Krieg“. Ein Plakat an den Häuserwänden Berlins: „Arbeiter, Bürger! Das Vaterland ist dem Untergang nahe. Rettet es! Es wird nicht bedroht von außen, sondern von innen: Von der Spartakusgruppe. Schlagt ihre Führer tot! Tötet Liebknecht! Dann werdet ihr Frieden, Arbeit und Brot haben. Die Frontsoldaten.“

11. Dezember          Gründung einer Gruppe des Spartakusbundes in München.

Veröffentlichung des Programms der Sozialisierungskommission. Zu einer Sozialisierung kommt es in der Folge nie.

12. Dezember          Verordnung der Volksbeauftragten-Regierung zur Bildung einer freiwilligen Volkswehr (Grundlage der Freikorpsbildung).

Beginn der Konstituierung der Spartakusbezirke in Berlin. Im Lokal „Nike“ in der Weißenseer Charlottenburger Straße wird der Bezirksausschuss Berlin NO gebildet (Weißensee, Heinersdorf, Hohenschönhausen). In der Neckarstraße 3 in Berlin-Neukölln richtet Friedrich Haberland ein Bezirksbüro ein, das Britz, Rudow, Treptow und Baumschulenweg betreut. Am nächsten Tag konstituieren sich die Bezirksausschüsse Wedding-Gesundbrunnen und Moabit. Am 18. Dezember wird in der Boxhagener Straße der Bezirk Köpenick, Ober- und Niederschöneweide sowie Johannisthal geschaffen. Weitere folgen, so am 18. Dezember als 16. Bezirk Lichtenberg/Friedrichsfelde in einem illegalen Büro in der Scharnweberstraße.

13. Dezember          Heimkehrende Frontsoldaten entfernen unter Anweisung ihrer Offiziere die rote Fahne vom Potsdamer Rathaus.

Frontsoldaten nehmen den Soldatenrat in Würzburg fest.

Der Berliner Stadtkommandant Otto Wels (SPD) lässt die Räume der „Roten Fahne“ durchsuchen.

Der „Vorwärts“ teilt in seiner Abendausgabe mit, dass die Wahl zur Nationalversammlung vermutlich zu einem früheren Zeitpunkt stattfindet und die Behörden sich darauf eingestellt haben.

Ein Streik russischer Kriegsgefangener in Beuthen (Oberschlesien) wird mit Maschinengewehren niedergeschlagen (9 Tote).

14. Dezember          Die Volksbeauftragten-Regierung verordnet die Waffenabgabe. Bei Nichtbefolgung droht Gefängnis bis zu 5 Jahren.

Erster Aufruf General Maerckers zur Bildung eines Freikorps. Die Mehrzahl der Offiziere und Mannschaften seiner ehemaligen 214. Division folgen dem Aufruf und schließen sich dem Freikorps „Landesjäger“ an.

Die Veröffentlichung des von Rosa Luxemburg verfassten Programmentwurfs des Spartakusbundes „Was will der Spartakusbund?“ in der „Roten Fahne“ bildet an diesem Tag einen wichtigen Beitrag für die Organisierung der Spartakus-Bezirke und deren Werbung unter USPD-Mitgliedern in Berlin. Aktuelle Ziele: Sicherung und Weiterführung der Revolution, dazu Schaffung einer Arbeiter-Miliz, Sicherung der Volksernährung, Ersetzung aller Organe und Behörden des früheren Regimes durch Vertrauensmänner der Räte, Errichtung einer einheitlichen deutschen sozialistischen Republik und Sicherung des Friedens. Der Programmentwurf soll den Klärungsprozess auf der Verbandsversammlung der Berliner USPD am 15. Dezember voranbringen.

15. Dezember          Auf der außerordentlichen Verbandsversammlung der Berliner USPD von Groß-Berlin prangert Rosa Luxemburg die Politik der USPD-Führer an. Die Politik Haases habe zur Niederlage der USPD bei den Delegiertenwahlen zum Reichsrätekongress geführt, weil sie die Rechtsozialdemokraten gedeckt habe. Hugo Haase verteidigt als Vorsitzender und Mitglied der Volksbeauftragten-Regierung das Zusammengehen mit der SPD und die beabsichtigten Wahlen zur Nationalversammlung. Luxemburg legt einen Resolutionsentwurf gegen die Nationalversammlung und für die Übernahme der Macht durch die Räte vor, der keine Mehrheit findet.

Die „Berliner Börsenzeitung“ schreibt am Vorabend des Reichsrätekongresses, dass der Kongress „einsichtig genug sein wird, den Plänen der Regierung in Bezug auf die Konstituante keinen Stein in den Weg zu legen.“

Treffen der Direktoren höherer Schulen Berlins und der Mark Brandenburg, bei dem die Rücknahme der Schulreformen des Kultusministers Hoffmann (USPD) verlangt wird.

Landtagswahl in Mecklenburg-Strelitz (SPD 21, Liberale 15, Handwerker 2 Sitze, Bauernbündler 1 Sitz).

Landtagswahl in Anhalt (SPD 22, DDP 12, DNVP 2 Sitze).

Gewaltige Kundgebung von 40.000 Arbeitern in Essen gegen Separatismus und für eine einheitliche sozialistische deutsche Republik.

Der Arbeiter-, Bauern- und Soldatenrat des Amtes Banfe (Westfalen) verlangt von Friedrich Ebert die Aufteilung der Güter des Fürsten zu Sayn-Wittgenstein-Sayn und des Grafen Chlodwig zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg. Die Wittgensteiner besitzen neun Zehntel des Grund und Bodens des Kreises. Anderswo, in Ratingen (Landkreis Düsseldorf), enteignet der Vollzugsrat selbst und erklärt Grund und Boden zum Gemeindeeigentum. Landhunger breite sich aus, so der Preußische Landwirtschaftsminister Otto Braun (SPD).

Zusammenstoß mit der Polizei in Dresden (2 Tote).

Vom 15. – 17. Dezember Reichskonferenz der Internationalen Kommunisten Deutschlands (Gruppe der Bremer Linken u. a. unabhängiger revolutionärer Gruppen in Hamburg, Berlin, Dresden).

16. Dezember          Aus dem Börsenbericht der Nationalzeitung: „Die schwersten Sorgen der Börse, das heißt die Gefahr des Bolschewismus und ebenso die Gefahr einer allgemeinen Sozialisierung der Industrie, dürfen heute als gänzlich überwunden angesehen werden.“

Der „Vorwärts“ teilt wenige Stunden vor Eröffnung des Reichsrätekongresses als Termin für die Wahlen zur Nationalversammlung den 19. Januar 1919 mit.

Am 16. Dezember beginnt der bis zum 21. Dezember anhaltende Allgemeine Kongress der Arbeiter- und Soldatenräte Deutschlands, der 1. Reichsrätekongress. Getagt wird im Sitzungssaal des Preußischen Abgeordnetenhauses. Draußen, auf der Straße vor dem Landtagsgebäude, sprechen Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht zu einer 250.000köpfigen Menschenmenge, die mit einem Demonstrationsstreik dem Ruf des Spartakusbundes und der Revolutionären Obleute, den Rätekongress zu begrüßen, gefolgt ist. „Die Rote Fahne“ zitiert am 17. Dezember aus Liebknechts Ansprache: „Genossen, Kameraden, Freunde! Der Tag, an dem der erste Kongreß der Arbeiter- und Soldatenräte zusammentritt, ist von historischer Bedeutung … Vorläufig haben wir in Deutschland keine sozialistische, sondern eine kapitalistische Republik. Die sozialistische Republik muß erst durch das Proletariat herbeigeführt werden, durch den Kampf gegen die jetzige Regierung, die zur Trägerin des Kapitalismus geworden ist …“ Liebknecht und Luxemburg waren von ihrer Partei, der USPD, nicht auf die Kandidatenliste für den Kongress gesetzt worden, weil sie nicht zu den Volksbeauftragten oder Vollzugsratsmitgliedern gehören. Der Antrag der Delegation der draußen demonstrierenden Arbeiter auf Zulassung der beiden wird abgelehnt. Der Delegierte Friedrich Ebert drinnen konnte die Versammlung mit den Worten begrüßen: „Das siegreiche Proletariat richtet keine Klassenherrschaft auf“, gleichsam Forderungen nach einer Räterepublik zurückweisend und: Das Proletariat könne die alte Klassenherrschaft nur mit Hilfe der Nationalversammlung überwinden. Paul Weyer, Mitglied der Revolutionären Obleute, trägt als Beauftragter der 250.000 Arbeiter draußen vor dem Haus folgende Forderungen, die mit „Bravo“ bedacht werden, vor: Deutschland, eine einheitliche, sozialistische Republik, die ganze Macht den Arbeiter- und Soldatenräten, der Vollzugsrat der Räte als höchstes Organ der Gesetzgebung und Regierungsgewalt. Widerspruch gibt es bei den Forderungen nach Beseitigung des Ebertschen Rates der Volksbeauftragten und der Bildung einer roten Garde, unklar bleibt den Delegierten die Forderung nach Entwaffnung der Gegenrevolution (Wer ist die Gegenrevolution?). Hingegen den Aufruf an die Proletarier aller Länder zur Bildung von Arbeiter- und Soldatenräten für die sozialistische Weltrevolution bedenken die Delegierten wiederum mit „Bravo“. Der Kongress-Vorsitzende Robert Leinert (SPD) erklärt parlamentarisch routiniert die Kenntnisnahme dieser Forderungen durch den Kongress und avisiert ihre Einbeziehung in die Verhandlungen.

17. Dezember          Zusammenstöße zwischen Arbeitern und Sicherheitswehr in Gladbeck und Essen (5 Tote).

Behandelt wird am zweiten Tag des Reichsrätekongresses ein Antrag zur Entwaffnung der Konterrevolution. Auch der Putsch vom 6. Dezember kommt zur Sprache. Das Thema führt zwischen SPD- und USPD-Anhängern zu Auftritten, die in tätliche Auseinandersetzungen zu münden drohen. Georg Ledebour (USPD) an die Adresse der SPD: „Bis zum Ausbruch der Revolution waren sie Nutznießer des Belagerungszustandes, nach dem Erfolg der Revolution wurden sie Nutznießer der Revolution, und nach dem 6. Dezember sind sie Nutznießer der Konterrevolution.“ Die Sozialdemokraten beantragen das Ende der Debatte. Überraschend kommt es auf dem Reichsrätekongress in Berlin zu einem revolutionären Beschluss: Eine durch die Türen hinter dem Präsidium des Kongresses eintretende Schar Matrosen und Soldaten von siebzehn Berliner Regimentern - auf ihren Plakaten die jeweilige Regimentsbezeichnung und die Losungen: „Die Befehlsgewalt liegt in den Händen der Soldaten!“, „Nur die von uns gewählten Kameraden sollen uns führen“, „Sofortige Entwaffnung der Offiziere!“ - überzeugt mit ihren Forderungen nicht nur die Kongressdelegierten der Truppenteile. Die Abordnung der 17 Berliner Regimenter fordert auf dem Reichsrätekongress: 1. Ein oberster Soldatenrat, zusammengesetzt aus gewählten Delegierten aller deutschen Soldatenräte, übt die Kommandogewalt über alle Truppen des Heeres aus, analog der Marine. 2. Die Rangabzeichen aller Dienstgrade sind verboten. Sämtliche Offiziere sind zu entwaffnen. Das Verbot der Rangabzeichen aller Dienstgrade tritt für die heimkehrenden Truppen in Kraft, nachdem die Niederlegung der Waffen in den Kasernen erfolgt ist. 3. Für die Zuverlässigkeit der Truppenteile und für die Aufrechterhaltung der Disziplin sind die Soldaten verantwortlich. Diese Forderungen, die Leutnant Heinrich Dorrenbach vorträgt, waren, wie später bekannt wird, am Abend des 16. Dezember von Vertretern Berliner Regimenter im Beisein von Mitliedern des Spartakusbundes und des Roten Soldatenrates beraten und beschlossen worden. Eine im Saal geforderte sofortige Abstimmung führt zu Tumulten und wird von protestierenden sozialdemokratischen Delegierten verhindert, die den Saal verlassen. Hugo Haase (SPD) gelingt die Vertagung auf die nächste Sitzung; die Soldatendeputierten verlassen unter drohenden Rufen den Saal.

18. Dezember          Der Reichsrätekongress stimmt dem SPD-Antrag zu, „bis zur anderweitigen Regelung durch die Nationalversammlung die gesetzgebende und vollziehende Gewalt“ der Volksbeauftragten-Regierung zu übertragen und zur „parlamentarischen Überwachung des deutschen und preußischen Kabinetts“ einen Zentralrat der Arbeiter- und Soldatenräte zu bestellen, der wichtige Gesetzesvorlagen berät. Die Übertragung der gesetzgebenden und vollziehenden Gewalt vom Vollzugsrat an die Volksbeauftragten-Regierung hatte eigentlich nicht zur Diskussion gestanden; sie wird bei der Abstimmung durch den Vorsitzenden der SPD Fraktion im Arbeiter- und Soldatenrat Groß-Berlin, den Delegierten Hermann Lüdemann, überraschend eingebracht und vom Präsidenten des Kongresses, Robert Leinert (SPD), zum Beschluss geführt. Damit ändert der aus der Revolution hervorgegangene Vollzugsrat des Arbeiter- und Soldatenrates, die bis dahin höchste Körperschaft der Revolution, seinen Charakter. Die durch Richard Müller (Revolutionäre Obleute) kritisierte Bevormundung des Räteorgans durch die Regierung mündete nach erregten Debatten in dem Beschluss, dem Rat, künftig als Zentralrat firmierend, nur Überwachungsbefugnisse zuzubilligen. Wichtige Entscheidungen, die tägliche Arbeit der Räte betreffend, können die Regierungsvertreter in den Verhandlungen nicht verhindern. Friedrich Ebert gelingt jedoch die Änderung deren Charakter: Aus Bestimmungen werden so Richtlinien. Am dritten Tag des Reichsrätekongresses stehen auch die Forderungen der Berliner Truppenräte wieder auf der Tagesordnung. Die Fraktion der USPD beschließt, die Forderungen mit allen Mitteln zu unterstützen. Die Volksbeauftragten wollen überhaupt keine Behandlung der militärischen Fragen. Die sozialdemokratischen Soldatenräte, sie kennen Eberts Abmachungen mit der Obersten Heeresführung nicht, verlangen die Erfüllung der Forderungen der Berliner Truppenvertreter. Der Vorsitzende des obersten Soldatenrates von Hamburg, der Delegierte Walther Lamp’l, bringt als „Hamburger Punkte“ einen Vorschlag ein, der auch die Zustimmung der Vertreter der Berliner Truppen findet. Die Führer der Sozialdemokratie geben ihren offenen Widerstand auf, nachdem die Räte-Vertreter der Berliner Truppen wieder auf dem Kongress erscheinen und drohende Haltung einnehmen. Auch die mit dem Verlauf des Kongresses unzufriedenen Arbeiter üben mit neuen Demonstrationen Druck aus. Eine parlamentarische Verhinderung gelingt nicht, und so beschließt eine Mehrheit. Angenommen werden die Punkte 1-7: „1. Die Kommandogewalt über Heer und Marine üben die Volksbeauftragten unter Kontrolle des Vollzugsrates aus. (Ergänzt wird: In den Garnisonen wird die militärische Kommandogewalt im ständigen Einvernehmen mit der obersten Kommandogewalt von den örtlichen Arbeiter- und Soldatenräten ausgeübt. Militärische Angelegenheiten, die allen Garnisonen gemeinsam sind, werden von den Trägern der obersten Kommandogewalt im Verein mit einem Delegiertenrat der Garnisonen geregelt.) 2. Als Symbol der Zertrümmerung des Militarismus und der Abschaffung des Kadavergehorsams werden die Entfernung aller Rangabzeichen und das Verbot außerdienstlichen Waffentragens angeordnet. 3. Für die Zuverlässigkeit der Truppenteile und für die Aufrechterhaltung der Disziplin sind die Soldatenräte verantwortlich. Der Kongreß der Arbeiter- und Soldatenräte ist der Überzeugung, daß die unterstellten Truppen den selbstgewählten Soldatenräten und Vorgesetzten (geändert in: Führern) im Dienst den zur Durchführung der Ziele der sozialistischen Revolution unbedingten Gehorsam erweisen. Vorgesetzte außer Dienst gibt es nicht mehr. 4. Entfernung der bisherigen Achselstücke, Unteroffizierstressen usw., Kokarden, Achselklappen und Seitengewehre ist ausschließlich Angelegenheit der Soldatenräte und nicht einzelner Personen. Ausschreitungen schädigen das Ansehen der Revolution und sind zur Zeit der Heimkehr unserer Truppen unangebracht. Der Kongreß verlangt Abschaffung aller Orden und Ehrenzeichen des Adels. 5. Die Soldaten wählen ihre Führer selbst. Frühere Offiziere, die das Vertrauen der Mehrheit ihres Truppenteils genießen, dürfen wieder gewählt werden. 6. Offiziere der militärischen Verwaltungsbehörden und Beamte im Offiziersrange sind (geändert: können) im Interesse der Demobilisation in ihren Stellungen zu belassen (geändert: werden), wenn sie erklären, nichts gegen die Revolution zu unternehmen. 7. Die Abschaffung des stehenden Heeres und die Errichtung der Volkswehr sind zu beschleunigen.“ Abgelehnt wird jedoch der auf Friedrich Eberts energisches Verlangen von Lamp’l zugefügte 8. Punkt: „Vorstehende Sätze sind Richtlinien. Die endgültigen Ausführungsbestimmungen werden von den sechs Volksbeauftragten unter Kontrolle des Vollzugsrates und im Einvernehmen mit den Soldatenräten von Heer und Marine festgesetzt.“ Generalfeldmarschall Hindenburg mit 49 Generälen und Generalstabsoffizieren drohen nach Kenntnisnahme der beschlossenen „Hamburger Punkte“ mit Rücktritt. Nach dem Kongress werden die Hamburger Punkte durch die Volksbeauftragtenregierung nicht wieder aufgegriffen und das Telegramm Hindenburgs vom 27. Dezember an das Armeeoberkommando bleibt unkommentiert, in dem er die Beschlüsse dieser „Ständeversammlung“ ausdrücklich nicht anerkennt, Mitteilung darüber macht, dass er seine Erwartungshaltung an die Regierung zum Ausdruck gebracht hat und im Übrigen auf die Nationalversammlungskompetenz verweist. Hindenburg: „Es bleibt deshalb bei den bisher gegebenen Befehlen.“ Abgelehnt wird an diesem Tag der Antrag: „Der Kongreß der Arbeiter- und Soldatenräte Deutschlands erklärt, daß die Tätigkeit der Volksbeauftragten auf die systematische Vernichtung der Macht der Arbeiter- und Soldatenräte hinausläuft und dadurch zur Stärkung der Gegenrevolution dient.“ Angenommen wird der Antrag: „Der Rätekongreß möge beschließen, sofort alle Maßnahmen zur Entwaffnung der Gegenrevolution zu ergreifen.“

Heinrich Manns Roman „Der Untertan“, er hatte das Manuskript vor Beginn des Ersten Weltkrieges 1914 abgeschlossen, erscheint im Kurt-Wolff-Verlag in Leipzig.

19. Dezember          Der Reichsrätekongress verhandelt am vierten Tag die Frage Nationalversammlung oder Rätesystem. Referent und Korreferent sind Max Cohen (SPD) und Ernst Däumig (USPD). Cohen beantragt die Wahlen zur Nationalversammlung zum 19. Januar 1919 und fordert eine starke Zentralgewalt, die sich auf den Willen des ganzen Volkes stütze – Sozialismus sei nur so viel durchführbar, als die Mehrheit des Volkes es wolle. Däumig geht davon aus, dass die Nationalversammlung keine starke sozialistische Mehrheit besitzen werde, für das Rätesystem kein Platz mehr sei, ein parlamentarisch-demokratisch-bürgerliches System kommen werde und fordert die Selbstverwaltung des Volkes statt eines Regiertwerdens. Der Antrag Cohen, die Wahl zur Nationalversammlung, wird angenommen und der Termin vom 16. Februar auf den 19. Januar 1919 vorverlegt. Der Antrag Däumigs und damit der Weg zum Rätesystem als Grundlage einer sozialistischen Republik wird mit großer Mehrheit, 344 zu 98 Stimmen, abgelehnt. Die SPD hat im Kongress eine sichere Mehrheit. Fritz Apelt (USPD) meint, die Zusammensetzung sei „das Ergebnis raffinierter Regie der sozialdemokratischen Parteibürokratie“ und erinnert sich: „Von den rund vierhundert Delegierten waren fast zwei Drittel Sozialdemokraten, und zwar Redakteure, Parteisekretäre, Abgeordnete, Gewerkschaftsbeamte oder Ortsvorsitzende der SPD.“ (Am 19. Januar 1919 ergeben die Wahlen zur Nationalversammlung dann eine Mehrheit für die bürgerlichen Parteien.) Zur vorgesehenen parlamentarischen Überwachung der Volksbeauftragten durch den vom Kongress zu wählenden Zentralrat fragt die Fraktion der USPD nach. Die Erklärung des Mitglieds der Volksbeauftragten-Regierung Hugo Haase (USPD) macht die beratende Funktion dieses Zentralrats deutlich. Die Unabhängigen fordern vor Beschlussfassung als Auslegung festzuschreiben: „Der Zentralrat hat das Recht der Zustimmung oder Ablehnung von Gesetzen vor ihrer Verkündung.“ Nachdem der Kongress dies ablehnt, werden in den Zentralrat nur Sozialdemokraten gewählt. Die USPD beteiligt sich nicht an diesem Organ, das nunmehr keine Rechte mehr hat.

20. Dezember          Streiks in Oberschlesien und im Ruhrgebiet.

Auf dem Reichsrätekongress beantragt die USPD-Fraktion, Wahlen zu den Landesparlamenten nicht mehr stattfinden zu lassen. Es sei besser, eine Republik Groß-Deutschland zu schaffen. Die SPD-Fraktion bekämpft den Antrag, der Kongress lehnt ab. Über die Sozialisierung des Wirtschaftslebens referiert Rudolf Hilferding (USPD). Die gesamte Produktion solle allmählich in die Verfügungsgewalt der Allgemeinheit übergehen und mit den dafür reifen Industriezweigen solle man beginnen. Kohle, Eisen, Schwerindustrie, damit treffe man die Macht des Industrie- und den Bankkapitalismus. Nach der Diskussion Delegierter aller Richtungen stellt die Fraktion der USPD den Antrag, mit der Vergesellschaftung des Bergbaus sofort zu beginnen. Die Fraktionsführer der SPD kontern mit dem Antrag, die Regierung zu beauftragen, mit der Sozialisierung aller reifen Industrien unverzüglich zu beginnen. Der Kongress erklärt sich für Sozialisierung. Richard Müller dazu später: „Die Sozialisierung wurde weder ‚unverzüglich‘ noch überhaupt in Angriff genommen.“ Der Tagesordnungspunkt Friedensfrage und Republikaufbau wird infolge Erkrankung des Referenten nicht mehr behandelt.

In einem Hirtenbrief der katholischen preußischen Bischöfe wird scharf gegen die Trennung von Staat und Kirche protestiert. Unter diesem Druck setzt der Kultusminister der SPD Konrad Haenisch (das Ministerium ist mit ihm und Hoffmann/USPD paritätisch besetzt) die Verordnungen vom 29. November und 20. Dezember - Beseitigung der geistlichen Ortsschulaufsicht und Freiwilligkeit des Religionsunterrichts - aus und überstellt das Problem späterer Regelung durch die Nationalversammlung. Kultusminister Hoffmann war zu diesem Zeitpunkt Opfer der Grippeepidemie.

21. Dezember          Massendemonstration in Berlin anlässlich der Beisetzung der Opfer des konterrevolutionären Putsches am 6. Dezember. In einem anderthalb Stunden währenden Zug demonstrieren die Arbeiter der Betriebe. Alle Großbetriebe sind vertreten: AEG, Siemens-Schuckertwerke, Borsig, Argus-Motoren, Knorr-Bremse, Daimler, Schwartzkopff, Riebe - Weißensee, Stock und Co, Deutsche Waffen- und Munitionsfabriken, Ludwig Loewe, aus Spandau: Geschoßfabrik, Pulverfabrik, Artilleriewerkstatt Nord und Süd und auch Elektrizitätsgesellschaft Sanitas, K. Lorenz, Typograph-Setzmaschinenfabrik-Gesellschaft, Zeppelinwerke Staaken, Prometheus Margarinefabrik Berolina, Gebr. Siemens- Lichtenberg, Lepeling & Thomas, Eisenbahner M.Z., Flugzeugmeisterei Adlershof, Bekleidungsamt des Gardekorps und vornan die Volksmarinedivison. Dieser Zug ist eine Mahnung an Ebert und Scheidemann, so Liebknecht, der vor dem Reichskanzlerpalais spricht. An den Friedrichshainer Gräbern spricht u. a. das Mitglied der Revolutionären Obleute Paul Wegemann (USPD) im Auftrag des Vollzugsrates der Berliner Arbeiter- und Soldatenräte. Die Volksbeauftragten-Regierung sei heute die Verkörperung der Gegenrevolution und trage die Verantwortung für die Opfer, so Wegemann.

Die Revolutionären Obleute Berlins verlangen den Austritt der USPD-Vertreter aus der Regierung, um die Partei auf einem baldigen Parteitag auf eine revolutionäre Politik festlegen zu können.

Die Volksbeauftragten-Regierung lässt keinen Sold mehr an die Matrosen der Volksmarinedivision auszahlen. Alle anderen in Berlin stationierten Truppen bekommen ihre Löhnung. Vorausgegangen war seit Mitte Dezember die gezielte Hetzkampagne gegen die revolutionären Matrosen, bei der eine massive Pressekampagne behauptet hatte, die Volksmarinedivision plündere und marodiere im Schloss der Hohenzollern.

22. Dezember          Die USPD übernimmt die Redaktion der „Bremer Bürger-Zeitung“. Während der Burgfrieden-Politik der SPD-Reichstagsfraktion war in Bremen der linke Parteiflügel so stark, dass sich die SPD zur Gründung eins weiteren, rechten Ortsvereins der Partei veranlasst sah. Die ursprüngliche Bremer SPD-Gliederung (später auch als Bremer Linksradikale bekannt) wurde durch die Berliner Zentrale aus der Partei ausgeschlossen und die „Bremer-Bürger-Zeitung“, nach rechtliche Auseinandersetzungen, wieder SPD-Blatt. Vordem bot es den Publikationen von Rosa Luxemburg und anderen Parteilinken die Möglichkeit der Veröffentlichung. Am 20. Dezember besetzte der Arbeiter- und Soldatenrat die Redaktion und verwirklichte die Forderung der Bremer Linksradikalen nach Übergabe der Zeitung. Bis zur militärischen Niederschlagung der Bremer Räterepublik im Februar 1919 vertritt die „Bremer-Bürger-Zeitung“ die Positionen der Räteregierung.

Landtagswahl in Braunschweig (SPD 17, USPD 14, DDP 13, bürgerlicher Landeswahlverband 16 Sitze).

23. Dezember          Abschluss der Konstituierung der 18 Spartakusbezirke in Berlin und den Vororten. Kundgebungen, Demonstrationen, Versammlungen begleiteten den Prozess. So sprach Hermann Duncker am 17. Dezember vor 2.000 Kabelwerkern im Treptower „Spreegarten“ zum Thema: „Was ist Bolschewismus“ und am 19. im Restaurant Parkstr. 2 in Baumschulenweg. Paul Levi erläuterte im Restaurant „Neu-Seeland“, Kynaststraße, am Bahnhof Stralau-Rummelsburg die Problematik „Nationalversammlung, Demokratie, Diktatur“.

Das Reichsarbeitsamt verfügt, dass unter Leitung der Unternehmer neue Arbeiter- und Angestelltenausschüsse zu wählen sind, die an die Stelle der Arbeiterräte zu treten haben. Die Verordnung bleibt trotz der Proteste der Berliner Großbetriebe in Kraft.

In Riga bespricht der Reichsbevollmächtigte für die baltischen Länder, August Winnig (SPD), an Bord des englischen Kriegsschiffes „Princess Margaret“ mit dem englischen Regierungsvertreter Monsanquet, in welcher Weise die noch in den baltischen Ländern stehenden deutschen Truppen die Niederschlagung der Arbeiter und Bauern Lettlands durchführen sollen.

Friedrich Ebert erklärt auf einer Sitzung der Volksbeauftragten-Regierung angesichts der drohenden Haltung demonstrierender Massen, so unter dem Eindruck der Beisetzung am 21. Dezember, dass Berlin als Hauptstadt aufgegeben werden muss: „Kollegen, so geht es nicht mehr. Das halten ja die stärksten Nerven nicht aus. Wir können hier, in Berlin, keine Stunde mehr regieren. Am Sonnabend, nein, es ist nicht zu ertragen, da war doch alles in Berlin wieder auf den Kopf gestellt. Wenn hier zwölf Mann bewaffnet hereinkommen, und die Wache wehrt sich nicht, und wir wehren uns nicht, dann heben sie uns einfach aus, und das Regieren hat ein Ende … Wir müssen heute noch nach Weimar oder Rudolstadt“, erinnert sich Emil Barth (USPD) an diese Sitzung.

Der Volksmarinedivision wird die Löhnung verweigert und mitgeteilt, dass sie als aufgelöst zu betrachten sei. Seit dem 13. Dezember hatte Otto Wels (SPD) auf Drängen Friedrich Eberts versucht, den größten Teil der 2.400 Matrosen zu entlassen. 600 von ihnen sollten in seine Republikanische Soldatenwehr eingegliedert werden. Dann erst wolle man zahlen. Die Matrosen lehnten eine Selbstauflösung ab. Aktuelle Forderung: Räumung des Schlosses, das sie bewachen. Zahlung bei Schlüsselübergabe. Wels weigert sich nach tatsächlich erfolgter Schlüsselübergabe und trotz der Anweisung des Mitglieds der Volksbeauftragten-Regierung Emil Barth (USPD). Die Matrosen besetzen daraufhin die Zugänge und die Telefonzentrale der Reichskanzlei. Aus einem ankommenden Panzerwagen wird auf vor der Kommandantur wartende Matrosen geschossen. Drei Tote, darunter der Matrose Max Perlewitz. Im Gefolge verhaften die Matrosen den Stadtkommandanten Otto Wels, seinen Stellvertreter Anton Fischer sowie den Sekretär der Kommandantur Dr. Bongartz und bringen sie als Geiseln in den Marstall. Zurück zur Reichskanzlei - dann die Forderung: Bestrafung der Täter und Absetzung von Wels. Truppen des Generalkommandos Lequis umstellen gegen Abend unter dem Befehl, die Matrosen zu beseitigen, die Reichskanzlei. Die Matrosen bekommen Verstärkung aus dem Marstall und vom Polizeipräsidium. Spätabends ziehen die Truppen nach einer Ansprache Eberts ab, der verspricht, am nächsten Tag die Forderungen der Volksmarinedivision im Kabinett zu besprechen. Die Matrosen vertrauen dem Versprechen, die meisten übernachten bei ihren Familien oder fahren in den Weihnachtsurlaub. Ebert wird in der Nacht vermittels der geheimen Telefonleitung durch General Groener ob dieser Intervention zurechtgewiesen und gibt nach Mitternacht sein Einverständnis, die im Marstall und im Schloss verbliebenen Matrosen anzugreifen, nach dem er sich mit Landsberg und Scheidemann abgestimmt hat. Haase, Dittmann und Barth von der USPD waren in dieser Nacht nicht mehr zu gegen.

24. Dezember          Ab 8 Uhr, nach zehnminütigem Ultimatum, Angriff der Feldheer-Truppen des Generalleutnants Lequis im Einvernehmen mit der Volksbeauftragten-Regierung auf Schloss und Marstall. Nach den Erinnerungen von Wolfgang Gans Edler Herr zu Putlitz hat Friedrich Ebert in der Nacht auf Wunsch des Generals Tschirschky die Truppe mit einer Ansprache persönlich angefeuert. Nach stundenlangen heftigen Abwehrkämpfen der dreiunddreißig Mann im Schloss und fünfundsiebzig im Marstall gegen 1.800 Soldaten der eine Belagerung vorbereitenden Lequis-Truppen, die auch Minenwerfer und Flachbahngeschütze einsetzen, wird die Volksmarinedivision von Berliner Arbeitern unterstützt. Durch die Kanonenschüsse, aber auch über die Verbindungen der Revolutionären Obleute und Spartakisten alarmiert, treffen Arbeitertrupps aus Mitte, Friedrichshain, Prenzlauer Berg, Moabit, Tiergarten und Kreuzberg im Zentrum ein. Die Sperrketten der ebenfalls eingesetzten, dem Stadtkommandanten Otto Wels (SPD) unterstehenden Republikanischen Soldatenwehr werden vom Alexanderplatz und Spittelmarkt zum Schloss und dem Marstall durchbrochen. Mit den konterrevolutionär eingesetzten Soldaten diskutieren auch Arbeiterfrauen. Polizeipräsident Eichhorn (USPD) entsendet ein Hilfskommando für die Volksmarinedivision. Arbeiter vom Waffenwerk Oberspree gelangen in den Rücken der Geschützbemannungen und fordern sie auf, die Waffen niederzulegen. Ganze Gruppen beginnen zu meutern, und mit Kampfliedern strömen Arbeiter-Massen in die Friedrichstadt. Gegen 11.30 Uhr ist der größte Teil der republikanischen Soldatenwehr des Stadtkommandanten abgezogen. Hauptmann Waldemar Pabst wird in die Reichskanzlei geschickt, um Ebert für Verhandlungen um Hilfe zu bitten. Die Regierung der Volksbeauftragten delegiert diese Bitte an den Zentral- und Vollzugsrat: Max Cohen (SPD) und Richard Müller (Revolutionäre Obleute, USPD) verhandeln. Im Ergebnis der Verhandlungen werden nicht die Befehlshaber der angreifenden Truppen bestraft und auch keine Bedingungen für die Entwaffnung der Konterrevolution geschaffen. Man einigt sich vielmehr auf den Abzug der Lequis-Truppen und trifft für die Volksmarinedivision die Festlegung, sich in die republikanische Soldatenwehr einzugliedern und sich damit der Kommandantur zu unterstellen, von der die Volksmarinedivision gerade noch überfallen worden war. Allerdings erklärt deren Kommandant Otto Wels seinen Rücktritt. Versprochen werden der Matrosendivision auch Büroräume im Marstall. Die Matrosen verpflichten sich zudem, nicht wieder an Aktionen gegen die Regierung teilzunehmen und Meinungsverschiedenheiten auf dem Verhandlungswege zu lösen. Die konterrevolutionär eingesetzten Soldaten ziehen ab. Zehntausende Arbeiter entblößen ihr Haupt. Der Lequis-’Weihnachtsputsch‘ ist gescheitert. Groener bezeichnet die Tage vom 24. bis 29. Dezember später als schlimme Zeit, weil in Berlin nur noch 150 Mann standen, auf die er sich verlassen konnte.

Die 2. Reichskonferenz der Internationalen Kommunisten Deutschlands (IKD) beschließt die Vereinigung mit dem Spartakusbund und spricht sich für die Gründung der KPD aus. Die IKD war in Bremen und anderen Orten aus der USPD hervorgegangen; im Unterschied zur Spartakusgruppe waren sie nicht bereit, in der neu gegründeten Partei mitzuarbeiten.

25. Dezember          Massendemonstrationen im Berliner Tiergarten, bekannt gemacht über Flugblätter und „Die Rote Fahne“; die „Freiheit“ hatte den Abdruck abgelehnt. Es sprechen Redner des Spartakusbundes und der Revolutionären Obleute. Karl Liebknecht weist darauf hin, dass der am Vortag geschlagene Gegner nicht entwaffnet wurde und die dringlichste Aufgabe nun die Bewaffnung des Proletariats sei. Zehntausende Berliner Arbeiter und Soldaten protestieren gegen den Überfall. Der Demonstrationszug formiert sich durch das Brandenburger Tor zum Marstall, wo die Matrosen begeistert begrüßt werden, und zum Schloss. Vom Balkon des Schlosses fordert der Kommandant der Volksmarinedivision Otto Trost einen Verbrüderungsschwur zwischen Matrosen und Arbeiterschaft. Ein Teil wendet sich spontan zur Lindenstraße, besetzt vorübergehend das „Vorwärts“-Gebäude, und eine provisorische Redaktion gibt den „Roten Vorwärts“ heraus. Im Gebäude, von wo aus die Bevölkerung täglich zur Abgabe der Waffen aufgerufen wird, finden die Demonstranten ein Panzerauto, 21 Maschinengewehre mit 8 Kisten Munition, 26 Kisten Handgranaten ohne und 2 mit Zündern. Die Waffen werden dem Polizeipräsidenten übergeben.

Der Überfall auf die Volksmarinedivision löst auch in Leipzig, Hamburg und anderen Städten massive Proteste der revolutionären Arbeiterschaft, in starkem Maße auch gegen die Regierung Ebert aus und einige Tage später übergeben Künstler den Matrosen im Marstall eine ansehnliche Summe, den finanziellen Ertrag einer Lesung revolutionärer Lyrik aus dem Kreis der Zeitschrift „Aktion“ zu Ehren der am 24. Dezember gefallenen Matrosen.

„Matrosenputsch in Berlin“ titeln die Tageszeitungen am 25. Dezember auf Seite eins zum Weihnachtsüberfall. In der „Vossischen Zeitung“ erklärt Generalleutnant Lequis: „… Ich erhielt den Befehl, hier nach Berlin zu gehen, durch den Feldmarschall auf Grund einer an ihn von der Reichsregierung ergangenen Verfügung … Durch das Auftreten der Matrosen kam die Regierung in die schwerste Gefahr. Ich erhielt von ihr den Befehl, vorzugehen. Zugleich wurden mir alle Truppen von Berlin unterstellt …“

26. Dezember          Straßenbahnerstreik in Oberschlesien. Militär wird gegen streikende Arbeiter eingesetzt.

27. Dezember          Der Bremer Arbeiter- und Soldatenrat beschließt Arbeiterbewaffnung. Arbeiter- und Soldatenräte Sachsens sprechen sich für die Wahlen am 19. Januar in Sachsen aus.

Generalleutnant Groener (Oberste Heeresleitung) fordert von der Volksbeauftragten-Regierung, die Werbung von Freiwilligen für das Heer zu verstärken. Im Gefolge deutlicher Einsatzuntauglichkeit von Feldheersoldaten gegen die eigene Bevölkerung kommen die Volksbeauftragten dieser Forderung nach.

Dem „Berliner Tageblatt“ von diesem Tag zufolge hat die Besetzung des „Vorwärts“ am 25. Dezember eine Regierungskrise in Berlin hervorgerufen, weil Friedrich Ebert, Philipp Scheidemann und Otto Landsberg darin eine gegen die Regierung gerichtete Aktion sehen und ihr Ausscheiden androhen.

28. Dezember          Der Münchener Arbeiterrat erklärt sich gegen den Plan einer Bürgerwehr des ersten Innenministers des Freistaates Bayern Erhard Auer (SPD).

29. Dezember          Im Festsaal des Preußischen Abgeordnetenhauses in der Prinz-Albrecht-Straße tritt die Reichskonferenz des Spartakusbundes zusammen. In nichtöffentlicher Sitzung wird die endgültige Trennung von der gleichsam in Auflösung befindlichen USPD und die Gründung einer eigenen, der Kommunistischen Partei Deutschlands (Spartakusbund) beschlossen. Im Unterschied zu anderen Spartakusführern halten es Rosa Luxemburg und Leo Jogiches noch für möglich, durch eine prinzipielle öffentliche Auseinandersetzung mit den rechten Führern der USPD die Mehrheit der Mitglieder für den Spartakusbund zu gewinnen und aus ihr eine revolutionäre Partei zu machen. In der „Roten Fahne“ ruft Luxemburg daher zu einem USPD-Parteitag auf, jedoch akzeptiert die Mehrheit der Mitglieder die Politik der Parteiführung. Die Konferenz wird unterbrochen, um an der Beisetzung der Matrosen teilzunehmen.

Unter den Rufen „Als Matrosenmörder klagen wir an: Ebert, Landsberg und Scheidemann" beteiligen sich in Marschzügen zur Siegesallee, zum Lustgarten und zum Schlossplatz nach Hunderttausenden zählende Demonstranten. Sie folgen den Wagen mit den getöteten Matrosen bis zum Friedhof der Märzgefallenen in Berlin-Friedrichshain. Der Spartakusbund und die Revolutionären Obleute hatten dazu aufgerufen, die Beisetzung zu einer Protestkundgebung gegen die Konterrevolution und die Regierung zu gestalten.

Der Druck auf die drei USPD-Mitglieder der Volksbeauftragten-Regierung Hugo Haase, Wilhelm Dittmann und Emil Barth ist nun so stark, dass diese ihren Austritt aus der Regierung erklären. Sie werden durch die Berufung von Gustav Noske und den aus dem Zentralarbeitersekretariat der Gewerkschaften kommenden Rudolf Wissel (beide SPD) ersetzt. "Das Blutbad vom 24. Dezember 1918 ist dadurch verschuldet, daß die Volksbeauftragten Ebert, Scheidemann, Landsberg dem Kriegsminister den unbegrenzten Auftrag zu militärischer Gewaltanwendung gegeben haben", heißt es in der Rücktrittserklärung der USPD-Volksbeauftragten und "Wir können es nicht verantworten, daß einem Vertreter des alten Gewaltsystems die Verfügung über das Leben der Mitmenschen nach seinem Belieben übertragen wird. Der Weg der Verhandlungen, der schließlich zum Ziel geführt hat, hätte in keinem Stadium verlassen werden dürfen." Wie die „Freiheit“ am 25. Dezember berichtete, hatte die Oberste Heeresleitung Friedrich Ebert schon Anfang Dezember geraten: „Zweckmäßig wäre ein Kabinettszwist, der zum Ausscheiden Dittmann-Barth führte.“
Walter Oehme, zu dieser Zeit Sekretär der Reichskanzlei schreibt am 27.12.1919 in der „Freiheit“: „Vom Tage der Wahl des rein rechtssozialistischen Zentralrates (19. Dezember) begann in der Regierung ein offensichtliches Treiben gegen die drei unabhängigen Volksbeauftragten. Es war Tagesgespräch, daß ihr Rücktritt selbstverständlich sei. Man sah sich bereits nach den neuen rechtssozialistischen Mitarbeitern um. War schon vorher der ganze Apparat der Reichskanzlei in einseitigster Weise zugunsten der drei rechtssozialistischen Volksbeauftragten eingestellt, so arbeitete er seit jenem Tage überhaupt nur noch für sie. Man begann Haase, Dittmann und Barth auszuschalten. Als der Vermittlungsvorschlag auftauchte, daß man nur Barth gehen lassen solle und Dittmann und Haase beibehalten, fand er bei Herrn Ebert und Scheidemann empörte Ablehnung. Man war eben stolz auf seinen Sieg im Rätekongreß und glaubte, längst alles in der Hand zu haben. Aber es fehlte der Anlaß, nach dem man dauernd suchte, und der hin und her beraten wurde, um den unabhängigen Mitgliedern der Regierung den Rücktritt nahezulegen. Er fand sich sehr schnell in dem Konflikt mit der Volks-Marinedivision.“


Am gleichen Tag führt die SPD eine Gegendemonstration unter der Losung „Gegen die Blutdiktatur des Spartakusbundes“ durch. Im Vorfeld waren Massen von Flugblättern und Plakate angeschlagen worden, die die Bevölkerung vor Bolschewistenherrschaft warnten und die Spartakisten als Agenten Moskaus, Putschisten, Anarchisten usw. darstellten. Vor allem aus den westlichen Berliner Bezirken marschieren Bürger zum Königsplatz mit Losungen wie: „Ebert werde hart“ und „Demokratie, nicht Diktatur“.

Der Berliner Bürgerrat, eine konterrevolutionäre Gegengründung zu den Arbeiter- und Soldatenräten, fordert in Flugzetteln die Ermordung Liebknechts.

Gustav Noske wird von Ebert als Mitglied der Regierung zum Volksbeauftragten für Heer und Marine berufen und ihm werden auch die Freikorpsverbände unterstellt. General Groener sagt im Münchener „Dolchstoßprozess“ im Oktober 1925: „Am 29. sammelten sich die Freiwilligenverbände, und nun konnte der Kampf vor sich gehen. Das politische Ziel, das Ebert im Auge hatte …, war einmal das Hinausdrängen der Unabhängigen aus der vorläufigen Regierung und zweitens die Sicherung der Nationalversammlung … die Ziele wurden erreicht.“

30. Dezember          Fortsetzung der Reichskonferenz des Spartakusbundes. Mit 127 Delegierten konstituiert sich der Gründungsparteitag der Kommunistischen Partei Deutschlands (Spartakusbund). Rosa Luxemburg spricht über „Unser Programm und die politische Situation“: Die Errichtung der sozialistischen Gesellschaft habe die Erringung der Macht durch die Arbeiterklasse zur Voraussetzung, „Wir sind wieder bei Marx, unter seinem Banner.“ Liebknecht wendet sich in seiner Rede gegen die Unentschlossenheit, Halbheit und Prinzipienlosigkeit der USPD-Führer, die Verwirrung unter den Massen gestiftet haben. Lenin meint dazu später: „… als der ,Spartakusbund’ den Namen ,Kommunistische Partei Deutschlands’ annahm, da war die Gründung der wirklich proletarischen, wirklich internationalen, wirklich revolutionären III. Internationale, der Kommunistischen Internationale, zu einer Tatsache geworden.“ Die Beteiligung an den Wahlen zur Nationalversammlung lehnen die Delegierten mit 62 gegen 23 Stimmen ab, geschuldet dem Vorurteil gegenüber dem verhassten Parlamentarismus der SPD-Führer. Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht können die Delegierten in diesem Punkt nicht überzeugen. Lenin bestätigt später, dass beide im Recht waren, als sie sich für die Teilnahme an den Wahlen zum bürgerlichen deutschen Parlament gegen die Parteitagsmehrheit entschieden. Der Parteitag wird zum 31. Dezember verlängert, um den Antrag der Revolutionären Obleute und Vertrauensleute der Berliner Großbetriebe über deren Anschluss an die KPD zu beraten. Eine Einigung kommt zu diesem Zeitpunkt nicht zustande. Zu dieser Zeit treten jedoch die Neuköllner, Spandauer und Steglitzer USPD-Gruppen zum Spartakusbund über.

31. Dezember          Karl Liebknecht tritt in einer von der USPD Neukölln einberufenen Versammlung in der Unionsbrauerei in der Hasenheide auf. Nach dem österreichischen Sozialdemokraten und Ministerpräsidenten Karl Renner spricht Karl Liebknecht, und mit 2.900 gegen 100 Stimmen wird hernach beschlossen, einen möglichst geschlossenen Übertritt zur KPD zu vollziehen.