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Richard Müller- Revolutionäre Taktik unter besonderer Berücksichtigung des sozialdemokratischen Proletariers

„Nach der Meinung Liebknechts und der anderen Spartakusleute mußte die Arbeiterschaft ständig in Aktionen, ständig in Kampfhandlungen gehalten werden. Demonstrationen, Streiks Zusammenstöße mit der Polizei, sollten den revolutionären Elan der Masse anfachen und bis zur Revolution steigern. Im Kampfe erfahren und stählt sollte das Proletariat seine geschichtliche Mission erfüllen. Die Erfahrungen der russischen Revolution wurden zur Begründung herangezogen.
Die revolutionären Obleute, die alle im Kampfe groß geworden waren und oft bewunderungswerten Mut und Tapferkeit gezeigt hatten, die den Entscheidungskampf mit der Bourgeoisie herbeigesehnten und bereit waren, diesen Kampf mit allen Mitteln bis zum Siege durchzuführen, lehnten einmütig solche Kampfmethoden ab. Sie verhinderten auch bis zum 9. November ihre Anwendungen. Wäre der Meinungskampf um diese Frage mit dem Ausbruch der Revolution abgeschlossen worden, dann brauchte man jetzt nichts darüber zu sagen. Aber diese Streitfragen standen auch nach der Revolution und stehen bis zum heutigen Tage noch auf der Tagesordnung, ja, sie wurden zu Lebensfragen für die deutsche Revolution.
Die deutsche Arbeiterklasse kann bei den entscheidenden Kämpfen mit der Bourgeoisie ihre historischen Entwicklung nicht abstreifen, wie der Mensch seine abgetragenen Kleider, und wie dem Menschen sein eigener Schatten folgt, so zieht die deutsche Arbeiterklasse ihre historische Entwicklung nach sich. Sie ist groß und stark geworden im organisierten systematischen Tageskampf. Eine jahrzehntelange Übung lässt sich nicht über Nacht durch ein neues, unerprobtes Mittel ersetzen.
Freilich, die Revolution schafft ganz andere Bedingungen, bringt die politischen Verhältnisse in Fluß, löst neue Kräfte und Gegenkräfte aus, zwingt der Arbeiterklasse den Kampf auf, ob sie will oder nicht, schafft auch neue Kampfmethoden, sie lenkt den Geist jedes Einzelnen auf neue dinge, hilft ihm über Bedenken hinweg und räumt mit allen Überlieferungen gründlich auf. Aber diese Wirkung werden schwächer, wenn die soziale Lage der Arbeiterklasse gehoben, wenn die Arbeiter zu politischem Denken erzogen worden sind und eine kritische Stellung in allen Fragen einnehmen.
Der russische Arbeiter und Bauer machte seine Revolution ganz anders als die deutsche. Systematisch organisiertes Kämpfen war ihm nicht in Fleisch und Blut übergegangen. Er stürmte von Aktion zu Aktion und riß immer neue Massen mit in den Kampf. Sein Haß gegen die Bourgeoisie kannte keine Grenze, für ihn gab es nur eine Losung: Tod der Bourgeoisie. Nichts konnte seinen Kampfesmut lähmen. Er lebte auf einem tiefen sozialen Boden und hatte noch die letzten Reste der für Westeuropa längst vergessenen Feudalzeit zu tragen. Er hatte wirklich nicht zu verlieren. Die revolutionären Erfahrungen seit dem Jahre 1905 gaben dem russischen Arbeiter und Bauern den Kompaß, die Methoden und Mittel zu revolutionären Kämpfen in die Hand. Das ungestüme, wilde aufbäumen in unzähligen kleinen Aktionen bis zu großen Massenkämpfen entsprach ganz seinem historischen Werden.
Ganz anders der deutsche Arbeiter.
Der glänzende Aufstieg des kapitalistischen Deutschlands nach dem deutsch-französischen Kriege, die frühe Erstarkung der sozialistischen und gewerkschaftlichen Bewegung, das durch die Verhältnisse bedingte organisierte systematische Ringen mit dem Unternehmertum im wirtschaftlichen Tageskampf, brachte die soziale Lage des deutschen Arbeiters auf ein höheres Niveau und gaben der ganzen Arbeiterbewegung einen reformistischen Zug.
In jeder Familie hatte sich im laufe der zeit dieses und jenes angesammelt, meist sauer erworben, dessen Verlust schmerzlich empfunden wurde. Ein Teil der Arbeiter hatte sich nicht nur kleinbürgerlich, sondern gut bürgerlich eingerichtet. Selbst bei den kleinsten gewerkschaftlichen Tageskämpfen konnte der aufmerksame Beobachter das kühle und nüchterne Abwägen des möglichen Erfolges und des Verlustes, einer möglichen Niederlage bei den Beteiligten feststellen. Isolierte Teilkämpfe mit Niederlagen hatten stets zur Folge, daß sich die Beteiligten zurückzogen, um nicht noch mehr zu verlieren. Niemals haben sich solche isolierte Teilkämpfe zu Massenkämpfen auswerten lassen.
Während des Krieges zeigte sich ein merklicher Umschwung. Die drei politischen Massenstreiks waren der beste Beweis dafür, daß der deutsche Arbeiter auch Opfer für seine politischen ideale zu bringen bereit war. Aber sie zeigten weiter, daß die Masse nur für große, umfassend, systematisch organisierte Bewegungen gewonnen werden konnte, weil dabei der Einsatz an Verlust auf das niedrigste Maß beschränkt blieb.
Bemerkenswert ist weiter, daß die treibende Kraft der politischen Massenbewegungen währen des Krieges nicht in den untersten Schichten lag, dort wo die Wirkungen des Krieges am verheerendsten waren, sondern die treibende Kraft lag in den gehobenen Schichten, bei den qualifizierten Facharbeitern, bei jenem Teil, der als „Arbeiteraristokratie“ bezeichnet wurde und von dem später fälschlicherweise behauptet worden ist, er sei das lähmende Element der deutschen Revolution gewesen.
Schon vor dem Kriege wurden die großen Kämpfe mit den Unternehmern letzten Endes entschieden durch das Eingreifen der „Arbeiteraristokratie“. Sie trat sehr oft in den Kampf, nicht für die eigenen Interessen, sondern, um den im Kampfe stehenden schwächeren Arbeiterkategorien zum Erfolge zu verhelfen. Hier offenbarte sich eine starke Solidarität und die schönsten Erfolge der Arbeiterbewegung.
In dem Kreise der revolutionären Obleute saßen fast nur Vertreter der qualifizierten Facharbeitergruppen. Diese Gruppen vermochten wohl im Tageskampf mit den Unternehmern ohne die große Masse der Minderqualifizierten Erfolge zu erringen, aber in den revolutionären Kampf mit der Staatsmacht, mit der gesamten Bourgeoisie mußte die Masse mit eingreifen, und wenn es bisher auch dreimal gelungen war, die Masse für politische Forderungen in Bewegung zu bringen, so zeigten doch die letzten Wahlen zum Reichstag im Jahr 1918, sowohl die im Kreise Niederbarnim wie auch die am 15.Oktober also unmittelbar vor Ausbruch der Revolution stattfindende Wahl im I. Berliner Kreise, daß die Masse der Arbeiter sich noch nicht von der demokratisch-reformistischen Illusion losgemacht hatte. Die Angestellten und Beamten hatten sich bisher gegenüber den politischen Massenbewegungen nicht nur ablehnend, sondern feindlich verhalten.
Die Entwicklung der revolutionären Bewegung während des Krieges hatte den Beweis dafür erbracht, daß der Übergang von der demokratisch-reformistischen Ideologie zur revolutionären Tatbereitschaft als geschichtliches Ergebnis der deutschen Arbeiterbewegung nicht allein mit revolutionärer Propaganda zu erreichen war, daß auch politischen Massenkämpfe erforderlich waren. Diese politischen Massenkämpfe konnten aber nur dann diesen Erfolg bringen, wenn sie gleichfalls an die geschichtlich gewordenen Kampfmethoden angepasst wurden. Das erforderte zwar Geduld und stellte an die Leitung außergewöhnliche Anforderungen, brachte nebenbei auch allerlei Vorwürfe ein von jenen, die sich als patentierte Revolutionäre ausgaben, erwies sich aber doch als richtig.
Die von den Spartakus-Leuten geforderten Teilaktionen konnten sich nur auf die vorgeschrittenen Gruppen der Arbeiter stützen. Der Polizei- und Militärmacht war es leicht, solche Aktionen niederzuschlagen. Der revolutionäre Kern der Massen ging dabei verloren, der revolutionären Bewegung wäre das Rückgrat gebrochen worden. Ob dann die Masse erfolgreich in den Entscheidungskampf geführt werden konnte, war sehr fraglich.
Die Bourgeoisie hatte jeden Halt verloren, aber die Regierung verfügte noch über eine zuverlässige Polizei und ach noch über regierungstreue Truppenteile. Wäre es ihnen gelungen, die revolutionäre Bewegung stückweise niederzuschlagen, dann wäre sie und die Bourgeoisie gerettet worden.“

Richard Müller, „Eine Geschichte der Novemberrevolution“, Malik-Verlag 1924, Neuauflage 2015

 

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