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Richard Müller - Revolution schaffen ohne Waffen?

 „Der Ausgang jeder Revolution ist letzten Ende durch die bewaffnete Macht und durch diejenigen Personen und Klassen, die sich der bewaffneten Macht bedienen konnten, entschieden worden. Auch der Verlauf der deutschen Novemberrevolution und der ihr folgende Bürgerkrieg zeigen, daß „ein Teil der Bevölkerung seinen willen dem anderen Teil durch Flinten, Bajonette und Kanonen …“ aufgezwungen hat. Wer da glaubt, das gewaltige ökonomische, politische, intellektuelle und moralische Erstarken der Arbeiterklasse, wie es sich in den letzten Jahrzehnten vollzog, werde den Sieg der Arbeiterklasse, den Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus auf friedlichem Wege, vielleicht mit etwas Nachdruck, etwa durch den politischen Massenstreik, ermöglichen, der müßte heute durch die harten und opferreichen Kämpfe, die dem Umsturz vom 9. November folgten, eines anderen belehrt worden sein. Es hängt eben nicht allein von der Arbeiterklasse ab, von welchen Kampfmitteln Gebrauch gemacht wird, die Kampfmittel und Methoden des Kampfes bestimmen in der Regel die gesellschaftlichen Kräfte der alten Macht, die nicht ohne Kampf weicht, sondern bis zum äußersten ihre Herrschaft verteidigt, und sei es auch mit den schrecklichsten Mitteln.
 Der friedliche oder weniger gewalttätige Übergang der politischen und ökonomischen Macht von der Bourgeoisie auf das Proletariat wäre nur dann möglich, wenn das Proletariat die bewaffnete Macht vollständig beherrscht und die Bourgeoisie gar keinen Einfluß auf sie hat. Dieser Zustand ist aber kaum denkbar. Er wird bestimmt nicht eintreten als Ergebnis einer friedlichen Entwicklung unter der „vollendeten“ formalen Demokratie der Republik. Das Proletariat kann unter der formalen Demokratie die Mehrheit im Parlament erobern. Versucht diese Mehrheit durch Gesetze die Herrschaft der Bourgeoisie abzubauen, dann muß es zum offenem Kampf kommen, denn mit der Eroberung der parlamentarischen Mehrheit ist noch nicht die Gewalt über die bewaffnete Macht errungen, die mehr oder weniger in der Hand der Offiziere und der Bourgeoisie verbleibt.
 Es ist aber sehr wohl möglich, daß das Proletariat die Herrschaft über die bewaffnete Macht erlangt, das heißt, daß sich die bewaffnete Macht auf die Seite des Proletariats schlägt. Dieser Fall kann aber nur dann eintreten, wenn die Bourgeoisie im Kriege mit fremden Mächten das Volk bewaffnen muß und nach verlorenem Krieg das bewaffnete Volk sich gegen die Bourgeoisie, den Schuldigen am Kriege, wendet. Der Fall kann auch eintreten als Ergebnis sozialer Kämpfe, die den Bürgerkrieg zur Folge haben. Es hat im November 1918 Leute gegeben, die glaubten, das Proletariat besitze die bewaffnete Macht und die Bourgeoisie werde ohne Widerstand ihre politische und ökonomische Vorherrschaft aufgeben. Und diese Leute saßen nicht nur im Lager der Sozialdemokratie, sondern auch weiter links wiegten sich viele in solchen trügerischen Illusionen. So schrieb die „Freiheit“, das Zentralorgan der U.S.P.D., in ihrer ersten Nummer vom 15. November: „Das revolutionäre Volk hat kurzen Prozeß gemacht mit den Trägern der alten Regierungsgewalt, den Generalen und Bureaukraten. Es hat die Macht der Offiziere in der Armee, der Herrschaft der Junkerkaste in der Verwaltung, die Herrschaft des kapitalistischen Klüngels im öffentlichen Leben gebrochen und die Regierungsgewalt an sich gerissen …“
 Gewiß hatte das bewaffnete Volk die Macht an sich gerissen, aber die Herrschaft der Junker, der Generale, des kapitalistischen Klüngels nicht gebrochen, denn die Millionen von Soldaten waren nur zu einem geringen Bruchteil ziel- und klassenbewußte Proletarier; die Masse stand noch vollständig im Banne der bürgerlichen Ideologie und zu einem erheblichen Teile unter dem Einfluß des alten, jedem proletarischen Empfinden abgeneigten Offizierskorps. Eine proletarische Revolution konnte sich nicht auf diese bewaffnete Macht stützen. Und wer die Revolution vorwärts treiben wollte, mußte nicht nur durch Propaganda die Soldaten zu gewinnen suchen, sondern die ziel- und klassenbewußten Soldaten auch organisatorisch zu einer Macht zusammenschließen, und den Arbeitern die Waffen in die Hand geben.
 Wir haben bereits … das Treiben der im Zirkus Busch versammelten Soldatenräte geschildert. Wenn im Zirkus Busch auch mehr der politische Unverstand zutage trat, worin gewiß schon eine große Gefahr für die Revolution lag, so zeigte sich andererseits bei den Soldaten auch ein moralischer und sittlicher Tiefstand, wie er nur in Folge eines vierjährigen Krieges möglich ist. Der sozialdemokratische Kommandant Anton Fischer schreibt darüber: „Das tollste waren die Kasernen. Voll bis zum Brechen, wenn es zum Essen und Löhnungsempfang ging, leer aber, wenn von der Kommandantur einige Duzend Soldaten verlangt wurden, um richtigen Dienst zu machen. Männlein und Weiblein waren in den Kasernen Tag und Nacht zu Hause; es mußte ja so viel nachgeholt werden; da hatte man für Dienst keinen Sinn und keine Zeit. Besser wurde es erst, als so langsam sich einige der neu gewählten Kommandeure durchsetzten und säuberten …“* Es liegt uns fern, die Soldaten in Bausch und Bogen, wie es Fischer tut, als eine verwilderte Horde hinzustellen. Es gab viele anständige, ehrliche und gewissenhafte Leute darunter, die in der Revolution selbstlos unermeßlich viel Gutes für das Volk getan haben. Aber die unsauberen Elemente hatten die Oberhand, machten sich vorwiegend im Soldatenrat geltend, und sie waren das beste Material für die Gegenrevolution. Freilich, der „Vorwärts“ sah in den Soldaten „das einigende ordnende Elemente“ und begrüßte das Verlangen nach sozialistischer Einigkeit als gutes heilbringendes Zeichen. Er vergaß nur, daß die im Revolutionstaumel aufgepeitschte Stimmung der Soldaten nicht auf sozialistischer Erkenntnis ruhte und sehr schnell ins Gegenteil umschlagen konnte.
 Ernst Däumig wies in der zweiten Sitzung des Vollzugsrats auf die Gefahren hin, die der Revolution drohten. Er erkannte die überaus große Schwäche des Proletariats. Wie in jeder Revolution, so würden auch jetzt die alten Gewalten sich nach den ersten Schlägen erholen, sammeln und einen Gegenschlag versuchen. Die gesamte Bourgeoisie werde sich sehr bald offen gegen die revolutionären Errungenschaften wenden, werde Widerstand leisten, den man brechen müsse. Aber in den Soldatenmassen stecke die allergrößte Gefahr, das habe die Versammlung im Zirkus Busch gezeigt.
 Däumig verlangte sofort, ohne jede Verzögerung, schon morgen, die Bildung einer roten Garde. Der Vollzugsrat müsse mindestens 2.000 bewaffnete sozialistische geschulte und politisch und gewerkschaftlich organisierte Genossen und Arbeiter mit militärischer Ausbildung zum Schutze der Revolution ständig zur Verfügung haben.
 Gegen Däumigs Antrag mit seiner treffenden durchschlagenden Begründung vermochte im Vollzugsrat niemand etwas einzuwenden. Selbst die Sozialdemokraten erkannten die Notwendigkeit an. Die meisten soldatischen Mitglieder empfanden das gegen ihre Kameraden ausgesprochene Mißtrauen sichtlich unangenehm, konnten aber die Berechtigung nicht bestreiten und stimmten gleichfalls für Däumigs Antrag. Durch einen öffentlichen Aufruf wurden die Arbeiter aufgefordert, sich am folgenden Tage im Gewerkschaftshaus zum Beitritt zur roten Garde zu melden.
 Der Aufruf des Vollzugsrats rief sofort die ganze offene und versteckte Gegenrevolution auf den Plan. Bereits am frühen Morgen des 13. November, noch ehe die Morgenblätter mit dem Aufruf in die Kasernen kamen, wurden die Soldaten gegen die rote Garde und den Vollzugsrat aufgeputscht. Den Soldaten wurde gesagt, der Vollzugsrat sehe sie als Gegenrevolutionäre an, wolle sich eine eigene militärische Macht schaffen, um eine Parteiherrschaft nach bolschewistischem Muster aufzurichten. Sozialdemokratische Funktionäre, bürgerliche Agitatoren und einige soldatische Mitglieder des Vollzugsrats, vor allem Colin Roß, hetzten die Soldaten auf.
 Am Abend wurden die Soldatenräte nach der Alexander-Kaserne gerufen, wo auf dem Hofe eine Versammlung stattfinden sollte. Eine geordnete sachliche Aussprache war nicht möglich. Alles schrie wild durcheinander. Verwünschungen und Drohungen gegen den Vollzugsrat wurden mit den stärksten Worten zum Ausdruck gebracht. Vertreter des Vollzugsrats wollten die gründe darlegen, die zu diesem Beschlüsse geführt hatten; sie wurden niedergeschrien. Ein Soldat, der eine schwarz-rot-goldende Armbinde trug, verschaffte sich Gehör und erklärte: wir Soldaten wollen mit der Politik nichts zu tun haben, wir wollen nur Ruhe und Ordnung schaffen und aufrechterhalten, wir wollen die Errungenschaften nach rechts und nach links sicherstellen, darum schlage er folgende Resolution vor:

„Die durch ihre Soldatenräte vertretene Garnison von Groß-Berlin muß die Bewaffnung der Arbeiter so lange mit Mißtrauen betrachten, als die Regierung, zu deren Schutze sie dienen soll, sie nicht ausdrücklich zu der Nationalversammlung als der alleinigen Grundlage der Verfassung erklärt.“

Die Soldatenräte, die immer wieder erklärten, wir wollen mit Politik nichts zu tun haben, die sich gerade deshalb so wild gebärdeten, weil sie sich politisch mißbraucht wähnten, stimmten dieser hochpolitischen Resolution stürmisch zu und verlangten sofortige Abstimmung, ohne jede weiter Diskussion. Gegen die Bewaffnung der Arbeiter, für die Nationalversammlung, das waren mit die ersten Parolen der Gegenrevolution. Der Antragsteller wußte, was er tat. Er gehörte zu jenen bürgerlichen Elementen, die in sehr geschickter Art und Weise die Soldatenräte gegen alles mobil machten, was die Fortführung der Revolution sicherte und ebenfalls für alles, was im Interesse der Bourgeoisie lag. Und die Soldatenräte schrien sich die Kehle wund für ihre politische Neutralität, gegen die Gegenrevolution von rechts und links; aber sie betätigten sich durch die Annahme der Resolution in hochpolitischer Weise und halfen der Gegenrevolution von rechts in den Sattel.“

* Anton Fischer, „Die Revolutions-Kommandantur Berlin“.
An anderer Stelle schreibt Fischer: „Das Schiebertum hatte Hochkonjunktur. Waffen, Munition, Bekleidungsstücke, kurzum jegliches Heeresgut war Freiwild. Wenn es hoch kam, wurde für ein Gewehr zwei Mark, für einen Mantel fünf Mark bezahlt. Der Krieg war aus, man brauchte keine Waffen und Militärtaschen mehr, also weg damit! Die Bekleidungsämter waren für gerissene Soldaten und ihre Hintermänner sehr bald nur noch offene Markthallen für Stoffe, Leder und andere brauchbare Ding. Lebensmittel, Wein, Schnaps, Zigaretten wanderten in die tiefen Taschen der Soldaten und in die Lager von Hehlern und Schiebern. Berlin lebte, tanzte, trank und feierte. Dazwischen Tag und Nacht sinnloses Schießen, teils aus Freude, teils aus Angst; besonders auf die Kirchtürme war es abgesehen, weil dort die Gegenrevolutionäre gesucht, aber niemals gefunden wurden“

„Richard Müller, „Eine Geschichte der Novemberrevolution“, Malik-Verlag 1924, Neuauflage 2015“

 

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