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Wilhelm Herzog - Karl Liebknecht aus der Sicht eines bürgerlichen Demokraten

 „Was wollten die Hunderttausende, die heute ihre Werkstätten verließen, um in langen , nicht enden wollenden Zügen einem Manne zu folgen, den die ganze Welt beschimpft, auf dessen Kopf Verbrecher Prämien aussetzen, den das Bürgertum haßt, dessen Fanatismus ehemalige Kampfgenossen beklagen. Mit ihm zusammenzuarbeiten sei nicht möglich. Er wolle mit dem Kopf durch die Wand. Sein Eigensinn, sein starres Festhalten an dem einmal von ihm als richtig Erkannten verhindere auf die Dauer jegliche Arbeitsgemeinschaft. Nicht antastbar als Person, vornehm und gütig als Charakter, verderbe er alles durch seine Leidenschaft, die er nicht zügeln könne.
Und dennoch – oder gerade deshalb – die Lieber der Arbeiterschaft zu diesem Manne. Warum? Weil er ein Kerl ist. Weil er revolutionär fühlt und nicht nur spricht. Weil er das Leben eines revolutionären Geistes ausstrahlt. Weil er besessen ist von seiner Idee. Von welcher Idee? Der größten, die in allen Menschen wirken sollte und die immer in einzelnen so heftig, so gefährlich tobt, daß sie sich entladen muß: auf eben dieselbe heftige und gefährliche Art, die ihn selbst zu verbrennen droht …
 Eine Revolution, die so sang- und klan- und schwunglos ihre roten Flitterwochen feiert, die so nüchtern und spießbürgerlich und patriotisch ihre schwarzweißroten Fahnen herausstreckt, die beim Einzug der geschlagenen und zurückgewichenen Truppen sinnlos und denkfaul ihre alten patriotischen Lieder singt, die bis auf den heutigen Tag vergessen hat, Symbole der alten Macht zu beseitigen und neue, weithin leuchtende an ihre Stelle zu setzen, eine Revolution, die auf den vier Türmen des Reichstagsgebäudes die schwarzweißroten Fahnen weiterwehen lässt, weil sie so wenig rotes Tuch wie rotes Blut hat – eine so klägliche, nüchterne, freudlose Bewegung muß ihren Gegenspieler finden.
 Liebknecht ist der sichtbarste Antipode dieser gegenrevolutionären Revolution … Was Euch fehlt, das hat er: die Geste. Die revolutionäre Geste des ehrlichen Kämpfers.
 In welchem Grade sie Euch fehlt, das offenbart beschämend die gestrige Ablehnung des Antrags, die beiden fortgeschrittensten revolutionären Köpfe an Eurem Konvent teilnehmen zu lassen. Ein von Hunderttausenden Beauftragter fordert diese Selbstverständlichkeit, die allen parlamentarischen Formen widerspricht. Ihr aber seid stolz auf Eure atavistischen Einrichtungen, Ihr sperrt uns ab, Ihr beratet weiter und laßt den Geist, der an Eure Tür klopft, aus Schwäche, Formelanbetung, Mangel an Entschlusskraft nicht herein.
 Männer der Revolution, wir brauchen neue Sitten, neue Feste, neue Menschen.“

„Wilhelm Herzog Die Republik 17. Dezember 1918“ in „Berliner Leben 1914 bis 1918“, Dieter und Ruth Glazer, Berlin 1963

 

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