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Das Flugblatt: Der Flashmob der Novemberrevolution?

Ich arbeitetet bei Loewe in der Wiebestraße in Moabit. Ich war damals kaum zwanzig Jahre alt und wußte nichts von Politik, Sozialismus und Streik. Da kam eines Tages ein Arbeiter zu mir und bat mich, ihm einen Gefallen zu tun. Er gab mir einen Packen Flugblätter, die zusammengefaltet waren. Ich sollte sie unbemerkt verteilen und auf jeden Arbeitsplatz ein Flugblatt hinlegen. Vor allem sollte ich mich nicht vom Obermeister erwischen lassen. In der Pause verteilte ich die Flugblätter, und keiner hat etwas gemerkt. Ein Flugblatt, auf dem „Heraus zur Demonstration gegen den Krieg“ stand, hatte ich mir zum Schluß aufgehoben.
Ich wie heute nicht mehr, ob es am gleichen Tage oder ein bis zwei Tage später war. Jedenfalls setzten die Arbeiter die Maschinen still und sagten zu mir: „Komm mit raus!“ Es war Winter, im Januar 1918. Wir demonstrierten im Kleinen Tiergarten.
Die Menschenmassen strömten von allen Seiten. Es war ein wundervolles Gefühl, daß man nicht allein war. Ich zitterte am ganzen Körper, weil das etwas war, was ich noch nie erlebt hatte. Unterwegs lobte mich ein Kollege: „Na, das ist aber fein, daß du mitkommst.“ Ich sagte: „Ich habe ja immer solchen Hunger, mein Vater ist auch gefallen, und der Krieg muß aufhören.“ Da tauchte berittene Polizei auf hieb mit flachen Säbeln auf uns ein. Wir waren alle sehr aufgeregt und schrien kräftig: „ Nieder mit dem Krieg! Hunger! Hunger!“

Elsbeth Schmidt „Berlin 1917 – 1918“ in „Berliner Leben 1914 bis 1918“, Dieter und Ruth Glazer, Berlin 1963

 

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