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Deutsche Ordnung: Zum Streik, aber abgemeldet!

Am 27., einem Sonntag, war ich bei einem Genossen, mit dem ich illegal in der Spartakusgruppe zusammenarbeitete …
Der Genosse übergab mir ein illegales Flugblatt, das ich am nächsten Morgen für die Auslösung des Streiks in unserem Betrieb gut nutzen konnte. Es lässt sich denken, daß ich über einen so wichtigen Auftrag begeistert war …
Die morgendliche Eisenbahnfahrt nach Berlin-Johannisthal verlief ohne Zwischenfall. Meine Kollegen, die ich auf dem Wege zur Arbeit in die Rumpler-Flugzeugwerke traf, waren wie sonst. Keiner schien etwas zu merken oder zu wissen. Nur, als ich durch die Kontrolle und an der Militärwache vorbeiging, pochte mir etwas das Herz. Im Werk suchte ich sofort den Gewerkschaftsvertrauensmann meiner Abteilung auf. Er war kein Genosse, aber ein zuverlässiger Kumpel. Ich informierte ihn, und wir vereinbarten, daß die Abteilung geschlossen herausgehen sollte. Dabei übernahm ich die schwierigste Aufgabe.
Bis zur Frühstückspause mußte ich nun mit jedem Arbeiter sprechen und dann bei Wiederbeginn der Arbeit als erster mein Werkzeug einpacken, stempeln gehen und meine Arbeitskarte stechen. Der Vertrauensmann sollte als letzter die Abteilung verlassen. Das kleine Flugblatt wurde auf der Toilette angeklebt.
Sofort nach Beginn der Arbeit ging ich an meine Aufgabe und sprach mit den Kollegen. Viele drückten ihre Freude darüber aus, daß es endlich soweit wäre. Nur mit einigen hatte ich Schwierigkeiten. Sie fragten mich, ob die Gewerkschaft dafür sei. Ich antwortete ihnen, daß die Gewerkschaften ja nur durch ihre Mitglieder bestehen, und wenn diese für den Streik sind, müssen die Gewerkschaftsführer dem Rechnung tragen und sich auch für den Streik einsetzen. Eine andere bange Frage war die, ob die anderen Betriebe auch mitmachten. Darauf konnte ich getrost mit Ja antworten. Bei den Militärpflichtigen tauchte die brennende Frage auf: Wird man uns nicht wegen Beteiligung am Streik an die Front schicken?“ – „Die Gestellungsbefehle werden eben nicht befolgt! Wir wollen Frieden“, war meine Antwort.
Inzwischen brachte der Vertrauensmann die Nachricht, daß andere Abteilungen schon beschlossen hatten, am Streik teilzunehmen. Das gab den Schwankenden Mut. Der Meister guckte dauernd nach meinem Arbeitsplatz und beobachtete mich. Dann war endlich die Frühstückspause da, sie kam mir unendlich lang vor. Nun wurde das Signal zum Arbeitsbeginn gegeben. Ich sprach sofort auf, packte mein Werkzeug mit viel Geräusch zusammen, schob meinen Tischkasten an der Feilbank zu und rief durch die ganze Abteilung: „Schluß! Wir streiken!“
Als ich zur Stechuhr ging, konnte ich feststellen, daß die meisten Kollegen meinem Beispiel folgten. Doch die Uhr war abgeschlossen. Der Meister sah mich höhnisch durch das Fenster seiner Bude an. Das hatte mir gerade noch gefehlt, daß mir dieser Unternehmerknecht im letzten Augenblick Schwierigkeiten machte. Ich riß die Tür zu seiner Bude auf und rief drohend: „Sofort den Schlüssel raus!“ Er stand langsam auf und gab mir den Schlüssel mit den Worten: „Ulm, an der Front werden Sie darüber nachdenken können, was Sie hier angerichtet haben.“
Draußen standen meine Kollegen in langer Schlange, um die Uhr zu stechen. Der Deutsche liebt die Ordnung, und selbst beim Streik mußte, wie üblich, die Uhr gestochen werden! Mit voller Wucht hieb ich auf die Uhr und sah dabei triumphierend den Meister an, der betrübt zusehen mußte, wie sich seine Abteilung leerte. Von den rund 3 600 Mann blieben gerade 37 im Werk: Kontrolleure, Boten und Hilfspersonal, die dann im Laufe des Tages von der Direktion nach hause geschickt wurden.
Wir marschierten zum Versammlungslokal, das allerdings die Massen nicht fassen konnte … Ich war glücklich, daß es so restlos geklappt hatte und daß auch ich daran beteiligt war.

Fritz Ulm, „Munitionsarbeiterstreik“ in „Berliner Leben 1914 bis 1918“, Dieter und Ruth Glazer, Berlin 1963

 

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