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Friedrich Ebert – Überraschung zur Wahl des Aktionsausschusses am 28. Januar 1918

Während der Wahl des Aktionsausschusses am 28. Januar 1918 im Berliner Gewerkschaftshaus durch die linken Funktionäre des Deutschen Metallarbeiterverbandes Berlin und die Revolutionären Obleute, die von Richard Müller geleitet wurden, entstand am Saaleingang plötzlich ein Tumult, und als wir nach der Ursache forschten, stellte sich heraus, daß dort drei Abgeordnete der SPD, nämlich Friedrich Ebert, Philipp Scheidemann und Otto Braun, erschienen waren. Gerade diese Leute, die 1914 den Kriegskrediten zugestimmt hatten und die gemeinsam mit der kaiserlichen Regierung alles taten, um die Arbeiter von einer revolutionären Beendigung des Krieges abzuhalten, erklärten plötzlich, daß sie mit dem Streik einverstanden seien, daß sie ihn unterstützten und daß sie bereit wären, mit in den Aktionsausschuß einzutreten. Über diese Erklärung zeigte sich bei den meisten der anwesenden Kollegen ein ziemliches Erstaunen und bei vielen Genossen der linken Opposition sogar offener Unwillen. Doch sie fanden auch ihren Fürsprecher. Der Verbandsangestellte Brolat trat auf und begrüßte es, daß sich auch die SPD dem anschließen wolle. Er schlug vor, sie als Delegierte zuzulassen und auch in den Aktionsausschuß zu wählen. Es ist kennzeichnend für die Schwäche und politische Unausgeglichenheit der Revolutionären Obleute und der linken Vertreter der USPD, daß die Mehrheit dieser Versammlung dem Antrag zustimmte, trotzdem viele der anwesenden Genossen den mehrmaligen Verrat dieser rechten Führer selbst erlebt hatten. Aber bei vielen herrschte eben noch die Illusion vor, daß die revolutionäre Massenstimmung der Arbeiter die rechten Führer der SPD und der Gewerkschaften doch noch von ihrem Kurs abbringen könnte. Wie überaus gefährlich diese Illusion war, sollte sich bereits in den nächsten Tagen herausstellen. Dem gewählten Aktionsausschuß gehörten folgende Genossen an: Richard Müller, Paul Eckert, Paul Blumenthal, Paul Neuendorf, Otto Tost, Paul Scholze, Otto Kraatz, Paul Tirpitz, Cläre Casper, Heinrich Malzahn, Fritz Zimmermann sowie als Vertreter des Parteivorstandes der USPD Hugo Haase, Georg Ledebour und Wilhelm Dittmann und vom Parteivorstand der SPD Philipp Scheidemann, Friedrich Ebert und Otto Braun …

Die Sitzungen des Aktionsausschusses fanden in den ersten beiden Tagen im Berliner Gewerkschaftshaus statt. Dann wurde sie durch den Militärbefehlshaber verboten, und wir mussten unsere nächsten Sitzungen illegal durchführen; unter anderem tagten wir in Neukölln in der Privatwohnung des Genossen Otto Kraatz. Er gehörte zur Brachenleitung der Rohrleger. Einmal trafen wir uns sogar im Wartesaal des Bahnhofs Friedrichstraße. Unsere letzte Sitzung hatten wir in einer Gaststätte am Neuen Tor.

Paul Blumenthal, „ Die AEG-Arbeiter“ in „Berliner Leben 1914 bis 1918“, Dieter und Ruth Glazer, Berlin 1963

 

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