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Arbeiterrat trifft Revolutionsverwalter 

„Ich war damals in den Leunawerken…
In den Betrieben unseres Industriegebietes hatte niemand zu bestimmen als die Arbeiterräte der Betriebe … Wir wollten Schluß machen mit den bürgerlichen Direktoren. Dazu mußten wir natürlich die Löhne bezahlen können. Die Banken waren aber nicht in unserer Hand, sie waren in Magdeburg und Berlin.
So gingen wir zu dem damaligen Leiter des Reichsfinanzministeriums, Eduard Bernstein*. Er fragte uns, was wir vorhätten. Wir sagten ihm: Wir wollen Schluß machen. Zwei Fragen bewegten uns: „Keine Wahlen zur Nationalversammlung, sondern Stärkung der Arbeiterräte und andererseits Schaffung aller Möglichkeiten, auch der finanziellen, um unsere Macht zu festigen und aufrechtzuerhalten. Wir wollen von euch wissen, wie weit ihr seid.“ Er meinte: „Da kommt ihr bei mir an die falsche Adresse, wenn ihr aus meinem Zimmer geht und euch umseht, so seht ihr da nur alte Beamte und Angestellte. Denkt ihr, ich kann mit ihnen darüber reden? Nur hier in diesem Zimmer bin ich meiner Einstellung sicher.“ Das war die Antwort und der Rat, den Ede Bernstein uns gab. Und da unser Werk zum preußischen Gebiet gehörte, sollten wir doch zum preußischen Finanzminister gehen.
Wir sind dann zu Kurt Rosenfeld** gegangen. Er war damals, wie Bernstein sagte, damit beauftragt. Er meinte: „Ich wüßte nicht, wohin ich gehen sollte, um euch zu helfen, man läßt mich doch nirgends hinein. Wie kann ich für euch etwas auf dem Gebiete der Finanzen durchführen, ihr seid an der falschen Stelle. Ich denke nicht daran, mich irgendwo hinzusetzen, solange ich nicht irgend etwas hinter mir habe. Man hat mir wohl den Auftrag erteilt, aber bei dem alten Beamtenapparat kann ich nichts durchführen, dazu habe ich keine Macht“…
Also gingen wir zum Rätekongreß im Landtaggebäude in der Prinz-Albrecht-Straße und haben dort dann den Vorsitzenden der USP und Volksbeauftragten Hugo Haase aufgesucht. Er stak bis über den Kopf in allen möglichen Arbeiten. Er erklärte: „Wir haben unsere liebe Not, uns gegenüber der reaktionären Mehrheit auf dem Rätkongreß zu behaupten. Wir können ja nicht mal verhindern, daß eine Nationalversammlung einberufen wird.“ Er meinte: „Ihr müßt zu jemanden anders gehen.“ – Dann hatte man gefunden, daß Kautsky wohl der richtige sei.
Wir fanden auch Karl Kautsky in dem Gebäude und haben ihm unsere vorgebracht. Er hat gemeint: „Interessant, interessant, wie interessant, daß ihr die Macht dort habt.“
Er fragte, ob der Betrieb noch weitergeht. – „Selbstverständlich geht er weiter.“
„Ihr habt ihn nicht stillgelegt?“ – „Nein!“
„Was wird dort gemacht?“ – „Ammoniakwasser!“
„Das ist doch Kriegsproduktion!“ – „Nein, das ist jetzt für den Frieden, für Stickstoffdünger!“
„Und diese Produktion geht weiter?“ – „Ja, sie geht weiter!“
„Das ist aber interessant!“
Wir haben ihm dann erklärt, wir brauchen Geld. „Wie weit seid ihr mit den Banken, wir wollen doch keine Geldschränke knacken in Magdeburg oder Berlin. Ihr habt die politische Macht und könnt die ganze Macht ausüben.“ Er antwortete darauf: „Das ist nicht meine Angelegenheit, ich habe überhaupt keine Funktion, ich bin kein Minister und kein Volksbeauftragter. Wart ihr schon bei Bernstein? Ihr müßt zu ihm gehen.“
„Ja, wir waren schon bei ihm, er hat uns zu euch geschickt.“ Dann fragte er: „Wart ihr bei Haase?“ – „Ja, der hat keine Zeit, die müssen die Macht ausüben!“ So wurden wir von Karl Kautsky auch gnädig entlassen mit der Mahnung, wir sollten ihm berichten, was weiter aus unserem Werk würde. Wirt hatten genug.“

*Bernstein (USPD) ist zu dieser Zeit „Beisitzer“ im Reichsschatzamt, das von dem bürgerlichen Liberalen E. Schiffer geleitet wird.
** Rosenfeld (USPD) ist zu dieser Zeit preußischer Justizminister. Finanzminister in Preußen sind Südekum (SPD) und Simon (USPD)

„Bernhard Koenen, Novembertage“ in „Berliner Leben 1914 bis 1918“, Dieter und Ruth Glazer, Berlin 1963

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