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Der 9. November 1918

Hermann Müller-Franken
Die November-Revolution
Erinnerungen
III. Der 9. November in Berlin

Als ich am 9. November 1918 abends gegen 9 Uhr auf dem Lehrter Bahnhof in Berlin ankam, drängte sich mir unwillkürlich der Vergleich mit dem in Kiel und Hamburg Erlebten auf. In Berlin wogten in der Dunkelheit die Massen noch durch die Straßen. Von den Gesichtern war die Freude abzulesen, daß endlich der Umschwung vollzogen war, der das schwergeprüfte deutsche Volk dem heißersehnten Frieden näherbringen sollte. Wilhelm II. hat abgedankt. Zu spät! Die Republik war auf dem „Königsplatz“ ausgerufen, ehe die Herren in Spa mit den Formulierungen über die Abdankung fertig geworden waren. Ein Gefühl der Sicherheit, wie es in Kiel am Donnerstagabend die Bevölkerung ganz allgemein hatte, war in Berlin noch nicht zu spüren. Ebenso fehlte aber auch die Nervosität, die in den ersten Tagen der Revolution in Hamburg dem Beobachter sofort auffiel. Die Verkehrsmittel waren infolge des Generalstreiks noch stillgelegt. Ich ging deshalb mit meinem Handkoffer zu Fuß vom Lehrter Bahnhof zum Reichstag, um zu sehen, ob dort etwa der Parteivorstand tagte oder um andernfalls zu erfahren, wo meine Kollegen zu finden wären.
Vor dem Reichstagsgebäude waren, als ich ankam, Menschenmassen versammelt. An dem nach dem Brandenburger Tor zu gelegenen Portal II standen Revolutionssoldaten in losen Gruppen. Reichstagsdiener prüften gemeinsam mit ihnen die Ausweise derer, die in den Reichstag wollten. Als Abgeordneter bekannt, hatte ich nicht die geringsten Schwierigkeiten. Im Gegenteil, die Diener schienen sich zu freuen, daß sich auch einmal ein bekanntes Gesicht zeigte.
Ich ging im Überzieher nach dem Hauptgeschoß. In der der Wandelhalle standen um das Denkmal Wilhelms I. Gewehrpyramiden. In der Wandelhalle sah es aus, als ob eine Generalprobe zu Wallensteins Lager in russischer Ausgabe gespielt werden sollte. Ich traf im Reichstag einige bekannte Genossen, darunter Paul Hirsch und Eugen Ernst, die mich schnell über den augenblicklichen Stand der Berliner Revolution unterrichteten.

Was war in Berlin geschehen, seit ich es am Mittwochnachmittag zur der Reise nach Kiel verlassen hatte?

Am 6. November hatten Reichstagsfraktion und Parteiausschuß die Haltung des Fraktionsvorstandes, der die sozialdemokratischen Kabinettsmitglieder zu schneller Herbeiführung einer Entscheidung in der Kaiserfrage drängte, gebilligt. Wilhelm II. wollte immer noch nicht abdanken. Prinz Max von Baden zögerte, energisch zu werden. Partei- und Fraktionsleitung überreichten deshalb am 7. November, nachmittags 5 Uhr, der Reichsregierung ein Ultimatum von fünf Punkten. Unter Punkt 4 wurde Verstärkung des Einflusses der Sozialdemokratie in der Reichsregierung verlangt, unter Punkt 5, daß die Abdankung des Kaisers und des Kronprinzen bis zum 8. November mittags bewirkt werde. Für den Fall der Nichterfüllung dieser Forderungen wurde der Austritt der Sozialdemokratie aus der Reichsregierung angekündigt. Dieser starke Druck mußte gegen den verblendeten Monarchen in einer Zeit angewendet werden, in der der Waffenstillstand vor dem Abschluß stand. Wie sehr die Sorge um den Waffenstillstand, dessen Abschluß bei Nichtvorhandensein einer verhandlungsfähigen Reichsregierung gefährdet zu sein schien, die Gemüter aller Verantwortlichen bedrückte, geht aus den Berichten hervor, die der „Sozialdemokratische Pressedienst“ streng vertraulich „nur zur Information“ am 8. November herausgab. Es hieß in ihnen u. a.:

„In der Fraktionssitzung vom 7. November abends führte Ebert etwa folgendes aus: „Die Dinge gehen mit rasender Schnelligkeit weiter. Die Küstenorte sind vollständig im Besitz der Matrosen; ebenso wichtige Binnenorte wie Bremen, Hannover und Braunschweig. Im Laufe der nächsten Stunden steht eine weitere Ausdehnung der Bewegung bevor. Die Bewegung wird sicher auch auf Berlin übergreifen. Die Versammlungen der Unabhängigen sind heute Nachmittag überraschend von der Polizei verboten worden. Die Gefahr von Zusammenstößen ist außerordentlich groß. Die höchst lächerliche Verfügung Linsingens gegen die Soldatenräte ist ohne Einwilligung der Regierung erfolgt. Der Reichskanzler war heute Vormittag der Überzeugung, daß die Kaiserfrage in den allernächsten Tagen erledigt werden wird. Aber heute Nachmittag gewannen Scheidemann und ich die Überzeugung, daß die ganze Sachlage nicht einen Tag länger Aufschub duldet, wenn schlimmstes Unheil für das ganze Land nicht daraus entspringen soll. Die Vorstandssitzung stellte sich einmütig auf den Standpunkt, daß schnellstens neue Forderungen für unser Verbleiben in der Regierung gestellt werden müßten. Auf den Beschluß der Fraktionen konnten wir nicht warten. Wir haben dem Kanzler gesagt, daß es möglich scheine, die gesamte Situation zu retten und den Ausbruch von Unruhe in Berlin zu verhüten, wenn unsere fünf Forderungen sofort bewilligt würden.

Mit unserer Forderung nach sofortiger Parlamentarisierung Preußens und mit dem Verlangen nach stärkerer Vertretung in der Reichsregierung haben wir bei den Vertretern der bürgerlichen Parteien im interfraktionellen Ausschuß volles Verständnis gefunden. Über die Abdankung erübrigt sich jedes weitere Wort. Möglich, daß auch ohne unser Ultimatum die Entscheidung bald in unserem Sinne gefallen wäre, aber wir mußten den Berliner Arbeitern schon heute sagen, wie die Dinge stehen. Wir haben dafür gesorgt, daß unser Beschluß schnellstens durch Flugblatt bekannt gegeben und daß auch die ganze bürgerliche Presse darüber unterrichtet wird.

Der Kanzler war über unser Ultimatum sehr bewegt. Über alle Punkte könne man sich sofort verständigen. Da gäbe es gar kein Hindernis. Aber die Form des Ultimatums in der Kaiserfrage sei außerordentlich bedenklich. Noch kurz vor dieser Sitzung war ein Geheimrat des Reichskanzlers bei mir, um das zu wiederholen. Wir halten aber am Ultimatum fest, nicht aus ostentativen Gründen, sondern um die Berliner Arbeiter zu beruhigen.“

In der Aussprache kam der Gedanke zum Ausdruck, man müsse doch mit den letzten Schritten warten, bis die Waffenstillstandsbedingungen vorliegen. Der Schritt der Parteileitung wurde einmütig gebilligt…

„In der Fraktionssitzung vom 8. November nachmittags 2 Uhr berichtete Scheidemann über die Verhandlungen des Kabinetts. Den Vorwurf der Illoyalität haben wir mit Hinweis auf die Stimmung der Berliner Arbeiter entschieden zurückgewiesen. Der Kanzler bat dringend, keinen Druck auszuüben, da er sonst die Geschäfte, auch die Waffenstillstandsverhandlungen nicht weiterführen könne. Er hat dem Kaiser seinen Rücktritt telegraphisch angezeigt. Wenn der Kanzler geht, und wir Sozialdemokraten ausscheiden, weil der Kaiser bleibt, hätte die Waffenstillstandskommission keine Vollmachten mehr. Die Sozialdemokratie kann nicht allein die Regierung bilden, ohne das Vertrauen einer Reichstagsmehrheit zu haben. Nachdem der Kanzler daher seinen Rücktritt telegraphisch angeboten hat, wünschen wir, daß er bleibt und bleiben auch selbst so lange, bis der Waffenstillstand abgeschlossen ist. – Die Fraktion billigte diese Konzession Scheidemanns“…

„In Berlin hat man auf dem Alexanderplatz gestern noch eine Attacke geritten und Verhaftete mit Gummischläuchen mißhandelt. Es soll sofort die Verfügungsgewalt des Oberkommandos unter Kontrolle gestellt werden. Die Kohlenzufuhr stockt. Ebert hofft, daß es ihm gelingen wird, die Entscheidung der Berliner Arbeiter bis morgen Mittag hinauszuzögern. Bis dahin muß Nachricht von der Unterzeichnung des Waffenstillstandes da sein.“


 

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