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Gefangenenbefreiung

„Ein Heeresauto, rotbewimpelt und auf beiden Trittbrettern von zwei Kieler Matrosen mit aufgepflanzten Bajonetten flankiert, brachte uns in rasender Fahrt zur Lehrter Straße. Durch die sich bildende Gasse der Kopf an Kopf stehenden erregten Menge fuhren wir vor das verschlossene Tor. Ein Blick nach oben zeigte die drohenden, mit Maschinengewehren gespickten Zinnen des Festungsgefängnisses. Traten die MGs durch einen irrsinnigen Befehl in Aktion, so mußte ein ungeheuerliches Blutbad mit unabsehbaren Wirkungen folgen.
Bei unserer Ankunft stieg die Erregung der Massen aufs höchste. In der Invaliden- und Lehrter Straße waren die Garde-Ulanenkasernen bereits im Besitz des Volkes. Bündelweise wurden aus den unteren Fenstern die Karabiner herausgereicht. Das Volk bewaffnete sich. Da erkletterten Otto Meier und ich zwei Postamente des Gefängnisvorgartens. Von hier aus sprachen wir, legitimierten unseren Auftrag, das Gefängnis zu öffnen und alle politischen Gefangenen sofort zu befreien. Ausgenommen davon sollten nur die kriminellen Verbrecher sein. Tosender Beifall ertönte.
Dann aber trat beklemmendes Schweigen ein, als wir zum Tore schritten, begleitet von Matrosen mit aufgepflanztem Bajonett. Auf unser höfliches Klingeln wurde nicht reagiert. Nun donnerten die Schläge der Gewehrkolben gegen das schwere Tor.
Es wurde geöffnet, aber gerade so weit, daß wir beide mit Begleitung eintreten konnten. Barhäuptig trat uns der Festungskommandant, ein Major und älterer Herr mit weißem Haar, blaß bis in die Lippen, mit den Worten entgegen:
„Meine Herren, ich beuge mich der Gewalt!“
„Es wird Ihnen wohl nichts anderes übrigbleiben!“ war unsere kurze Antwort.
Um den Kommandanten standen die leitenden Gefängnisbeamten und Soldaten, darunter ein baumlanger Gardefeldwebel, der hier offenbar seinen Frontdienst hindämmerte. Aus der nun folgenden Unterhaltung war mit Deutlichkeit zu spüren, daß die Gefängnisleistung im Grunde genommen von einer peinigenden Angst vor dem drohenden Sturm des Volkes befallen war …
Wir forderten jetzt den Kommandanten auf, uns nacheinander alle Zellen aufzuschließen. Und so geschah es.
Es ist kaum möglich, den Eindruck wiederzugeben, den unser Erscheinen auf die einzelnen Gefangenen machte. Zum Teil schon jahrelang in Kerkerhaft, abgeschnitten von der Außenwelt, waren sie meist in völliger Unkenntnis von den sich draußen überstürzenden Ereignissen …
Fast alle saßen wegen Gehorsamsverweigerung, Wachvergehen, Urlaubsüberschreitungen oder um einer Ohrfeige willen, die sie irgendeinem sie schindenden Unteroffizier Himmelstoß vor versammelten Mannschaft gegeben hatten, also wegen „Missetaten“, die ihnen drakonische Strafen einbrachten. Sie stierten uns jedes Mal fassungslos an, wenn wir ihnen bedeuteten, daß sie jetzt frei seien. Sie entfernten sich dann schleunigst, als fürchteten sie, doch noch zurückgehalten zu werden.
Und jedesmal, wenn hinter einem dieser Ärmsten das schwere Tor der Festung zuviel und sie mit ihren Päckchen hinauskamen, ertönte von draußen die vieltausendstimmige Jubelruf der Massen. Sie sahen, wir waren an der Arbeit.
Wir haben dabei auch Überraschungen erlebt. In einer Zelle trafen wir den damals bekannten Pazifisten Hauptmann von Beerfelde. Dieser in seinem Kampf gegen die Kriegsverlängerer so unerschrockene Mann war über unser Erscheinen und die für ihn so plötzliche Wendung der Dinge durchaus nicht konsterniert. Er schien darauf gewartet zu haben, trat an uns vorbei aus der Zelle, breitete auf dem Gang beide Arme aus und rief aufatmend: „Freiheit!“

„Otto Büchner Erinnerungen“ in „Berliner Leben 1914 bis 1918“, Dieter und Ruth Glazer, Berlin 1963

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