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„Meine Herren, das Blatt hat sich gewendet.“

„Am Morgen des 9. November waren Käte und ich in die Stadt gefahren. Sie hatte den Auftrag, sich um Genossen Jogiches zu kümmern, der immer noch in Moabit gefangensaß. Seit aller Frühe waren wir Spartakusmitglieder schon an der Arbeit. Die Revolution marschierte. Für mich, den Partei- und Wanderlehrer, galt es jetzt, an freien Plätzen und Straßenkreuzungen der sich rasch sammelnden Menge den Sinn der Ereignisse klarzumachen, den ankommenden Demonstrationszügen richtunggebende Ansprachen zu halten.
Alle Unterdrückung, die wir in diesem Zuchthaus Deutschland hatten ertragen müssen, schien wie wegeblasen. Da fluteten die revolutionären Massen durch Berlin. Rote Fahnen flatterten im Winde. Lastwagen mit bewaffneten Arbeitern und Soldaten flitzten vorbei. Jubelnde Zurufe erschollen. Es gab manch Wiedersehen mit alten, totgeglaubten Genossen.
Ich stand auf dem Potsdamer Platz und sprach zu den Menschen, die mich umgaben. Vom Dönhoffplatz her, die Leipziger Straße herunter, nahte ein neuer, gewaltiger Demonstrationszug. Ein schwerbewaffneter Landsturmmann kam auf mich zu, Emil Rabold, ein alter Freund und Genosse aus der Jugendbewegung, ein Redakteur an Arbeiterzeitungen. Seit Kriegsausbruch hatten wir uns nicht mehr gesehen, nun führte die Revolution uns wieder zusammen. Nebeneinader marschierten wir im Zug und sangen: „Wir sind die Arbeitsmänner …“ Die Revolution marschierte, doch wir wussten, daß das nur der Anfang sein konnte. Die Leitung der Spartakusgruppe benötigte seit langem eine eigene große Druckerei, eine eigene Zeitung, um die Massen aufzuklären, ihrem revolutionären Kampf Richtung und Ziel zu geben…
Als ein Lastauto mit wehenden roter Fahne, besetzt mit revolutionären Matrosen und Arbeitern, an uns vorbeikam, hielten wir es an. In aller Eile machten wir den Genossen begreiflich, daß der „Lokal-Anzeiger“, dieses imfamste Hetzblatt, unmöglich weiter das Volk vergiften dürfte. Die Matrosen zogen Rabold und mich auf den Wagen, fuhren vor den Haupteingang Zimmerstraße 35 – 44. Wir sprangen ab, ein paar Feldgraue und Matrosen begleiteten uns. Der Portier öffnete die Tür, niemand machte Miene, sich uns zu widersetzen. Vor der roten Fahne, die wir mit uns führten, kapitulierten alle Gegner. Im Setzersaal hielt ich eine kurze Ansprache: die Setzer sollten fortan nicht mehr für Geldsack- und Hohenzollerninteressen schuften. Sie sollten helfen, die revolutionäre proletarische Zeitung zu schaffen. Zwar sahen wir in einige verwunderte Gesichter, aber die Meisten zeigten eine ängstlich eilfertige Bereitwilligkeit.
Nun wurden wir in den Sitzungssaal gebeten, wo sich die Redakteure versammelt hatten. Da saßen sie also, die würdigen „Herren“, in feierlichem und erwartungsvollem Schweigen. Was sollte ich mich lange mit ihnen abgeben! Von der Straße her drangen Rufe der Menge herauf. Kurz und bündig sagte ich: „Meine Herren, das Blatt hat sich gewendet. Ihr Blatt muß sich auch wenden! Sie verstehen, daß eine siegreiche Revolution eine konterrevolutionäre Presse nicht dulden kann.“ Nun geschah das Merkwürdige – die Herren nickten, ja freilich, sie verständen, es könne wohl nicht anders sein. Sie stellten uns den Betrieb zur Verfügung. Daß ein revolutionärer Umschwung mit dem „Berliner-Lokal-Anzeiger“ aufräumen mußte, schien selbst diesen Leuten zu dieser Stunde eine unausweichliche Folgerung.
Zusammen mit dem Genossen Ernst Meyer, den wir inzwischen herangeholt hatten, stellten wir fest, daß die Abendnummer des 9. November bereits druckfertig vorlag. Wir ließen nur einige Teile aus dem fertigen Satzspiegel herausnehmen, fehlte es uns doch an der nötigen Zeit, von Grund auf eine neue Zeitung herzustellen. So mochte denn der getreue „Lokal-Anzeiger“-Leser sein Leibblatt zur gewohnten Stunde vor sich sehen, wenn auch mit der für ihn sicher erschreckenden Schlagzeile „Berlin unter den roten Fahne“. Auf der ersten Seite des Blattes brachten wir die wichtigsten revolutionären Losungen zum Abdruck, wahrheitsgetreue Nachrichten über den Stand der Revolution. Die Zeitung trug den Kopf: „Die Rote Fahne. Ehemaliger Berliner Lokal-Anzeiger“ …
Erst am nächsten Tag kam Rosa Luxemburg aus dem Gefängnis nach Berlin, sie eilte sogleich auf die Redaktion des „Lokal-Anzeigers“ Dort hatten wir inzwischen die zweite Nummer unserer „Roten Fahne“ zusammengestellt*, die als Aufmacher die Proklamation zur Wahl der Arbeiterräte brachte. Auch diese zweite Nummer mußte zur Füllung noch allerlei fertigen Satz des ehemaligen „Lokal-Anzeiger“ verwenden, forderten doch die stürmischen Tage der Revolution mehr von uns als allein redaktionelle Tätigkeit! So ist auch diese Nummer noch ein sonderbarer Gemisch von revolutionärer proletarischer Sprachgewalt und dem trockenen Papierdeutsch der bürgerlichen Redakteure. Deutlich zeigen diese ersten beiden Nummern unseres Zentralorgans, wie es in der Hast und revolutionären Ungeduld der roten Novembertage entstand.“

* Die „Rote Fahne“ Nr. 2 wird am Vormittag des 10. November ausgeliefert; Rosa Luxemburg trifft erst am Abend dieses Tages ein.

„Hermann Duncker Die Rote Fahne“ in „Berliner Leben 1914 bis 1918“, Dieter und Ruth Glazer, Berlin 1963

 

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