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„Wir gingen stumm …“

„Am Potsdamer Platz hatte sich eine marschierende Menge gesammelt. Kompakte Kolonnen in der Breite von etwa zwanzig Mann; Arbeiter, Arbeiterinnen, die aus der Potsdamer, der Leipziger, der Königsgrätzer Straße kamen, formierten sich zum Vormarsch gegen das Brandenburger Tor. Ich ging in der Menge mit, im selben schweren Tritt, nicht zu langsam, nicht zu rasch, vorwärts. Wir gingen stumm, in gleichmäßigem Takt, ohne Leidenschaft, ohne Gesang, in fast militärisch geordnetem Zug wie eine disziplinierte Menge, die nichts anderes als marschieren gelernt hat. Hier und dort rief jemand etwas. Aber nicht viele stimmten ein. Der Takt der Stiefel auf dem Asphalt verschlang einzelne schüchterne Rufe.
Von Charlottenburg her stieß ein Trupp zu unserem. Es wälzte sich nunmehr ein riesiger Strom von Menschen durch sämtliche Wölbungen des Brandenburger Tores die Linden entlang, dem Schlosse zu. Die Balkons vom Hotel Adlon waren von ausländischen Journalisten besetzt, die ihre Kamera auf die Menge gerichtet hielten. Das Tor des Hotels war geschlossen. Desgleichen das Tor des „Bristol“. Offiziere waren unter der Menge auf dem Bürgersteig zu sehen, sie hatten keine Kokarde, kein Abzeichen mehr an Mütze und Uniform. Aus der Menge scholl hier und da ein feinseliger Ruf zu den Balkons und den Fenstern der Hotels, der Häuser hinauf. Oben verschwanden dann rasch die Gesichter, die Gestalten. Kam ein Offizier, der seine Kokarde noch trug, dem Zug entgegen, so sprachen sofort Burschen auf ihn zu: „Runter mit die Kokarde!“, und weg war sie. Hie und dort legte einer selbst Hand an die Mütze, an die Uniform der Offiziere. Zumeist aber taten die Offiziere selbst das Gewünschte. Im Zug waren viele feldgraue Soldaten, viele Matrosen, auffallend viele Arbeiterinnen. Stumm und gleichmäßig, in gleichförmigem Takt bewegte sich der Zug vorwärts, dem Schloß entgegen. Unbegreiflich diese Stumpfe Stille. Kein Gesang, keine lebhafte Bewegung, nicht einmal eine Fahne.
Aus dem Hause neben dem Café Bauer warf jemand von oben ein rotes Plüschkissen herunter, damit man doch ein wenig Rot im Zuge sähe. Ober standen ein paar Männer, offenbar Südländer, Griechen oder Italiener. Sie riefen: „Hoch!“, aber aus der Menge antwortete niemand. Ein Stock reckte sich über die Köpfe. Auf ihn gespießt das rote Kissen als Fahne. Es drehte sich. Einmal war der rote Plüsch uns zugekehrt, einmal die bunte Rückseite. Marsch, marsch schwer und stumpf, dem Schloß zu.“

„Arthur Holitscher Mein Leben“ in „Berliner Leben 1914 bis 1918“, Dieter und Ruth Glazer, Berlin 1963

 

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